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Greifbar, spürbar, riechbar

Schlafen wie in Kindertagen, umgeben von Stroh

Schlafen im und auf Stroh hat etwas von Kindheitsträumen und Sommerferien. Alles scheint... mehr

Schlafen im und auf Stroh hat etwas von Kindheitsträumen und Sommerferien. Alles scheint einfach, mit wenigen Handgriffen entsteht ein Bett, weich, auch wenn es hier und da pikst. Das gehört einfach dazu, ebenso wie der typische Geruch. Mit seinen sinnlichen Eigenschaften macht es Stroh einfach, dem Alltag zu entfliehen. Etwas Komfort darf dann schon dabei sein, zumal wenn Gäste beherbergt werden. Wie in den ehemaligen Lagerflächen im Hinterhof eines Wiener Zinshauses. Die Fläche hat das Architekturstudio heri & salli in fünf neue Gästezimmer für die Essigbrauerei Gegenbauer verwandelt und dabei eben vor allem auf Stroh gebaut – und ansonsten Material verwendet, das bei vorhergehenden Baustellen übrig geblieben war. Es geht also auch darum zu zeigen, was bei der Wieder- und Weiterverwertung von angeblichem Abfall entstehen kann.

Stroh wird als Baumaterial derzeit in vielfältiger Weise wiederentdeckt. Ganze Häuser entstehen daraus und noch häufiger wird der nachwachsende Rohstoff als Dämmmaterial verwendet. In der Regel verschwinden die Halme des goldgelben Strohs aber aus dem Blickfeld, es wird entweder mit Lehm verputzt oder in eine Holzschalung gepresst. Nicht so in den fünf neuen Gästezimmern. Hier übernimmt es eine wichtige gestalterische Funktion, fügt dem industriellen Charakter der Betonrippendecke einen Hauch Bauernhofidylle hinzu. Auch die massiven Holztüren mit ihren Eisenbändern erinnern an Scheunentore und verstärken damit den Eindruck. Baustahlgitter halten das lose eingepresste Stroh an Ort und Stelle, geben den Wänden und der Bettstatt eine Form. Gleichzeitig hält die Gitterstruktur Regalbretter, bietet sich zum Einhängen von Leuchten an. Profilgläser und Profilstegplatten integrieren sich in die Struktur. Sie schützen das Stroh vor Feuchtigkeit in der Dusche, die in jedem Zimmer ebenso vorhanden ist wie Toilette und Waschbecken. Verkabelungen und Rohre verlaufen sichtbar über den Wänden, teils in eleganten Schleifen, teils farblich abgesetzt. 

Grundsätzlich bewegt sich die Farbpalette im Spektrum von Goldgelb, das das Hauptmaterial Stroh vorgegibt. Nur die leichten Vorhänge stechen mit ihrem kräftigen Rotton hervor. Sie brechen das Materialkonzept, fügen den meist rohen Oberflächen eine weichere Nuance hinzu. Darauf dürfen auch die Schlafenden vertrauen, die zwar im Stroh, aber eben nicht auf Stroh liegen müssen. Matratzen und Bettzeug entsprechen durchaus modernen Ansprüchen. Die historische Komponente der Bettstatt aus Stroh dient eben nur als Referenz und wird hier geschickt und praktisch komfortabel in die Gegenwart überführt. Und mit der Wiederverwendung von andernorts nicht gebrauchtem Material öffnen die Gästezimmer sogar einen Blick in die Zukunft, wo Kreislauffähigkeit ein unumgängliches Mittel des Lebens sein wird.

www.heriundsalli.com

Fotos: 

Hans Schubert
www.hansschubert.com

(Erschienen in CUBE Wien 03|23)