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Wie Licht wirkt

Über ein Medium, das die räumliche Qualität von Architektur materialisiert

CUBE: Sie sehen Lichtplanung als integrativen Bestandteil von Architektur und stellen sich... mehr
CUBE: Sie sehen Lichtplanung als integrativen Bestandteil von Architektur und stellen sich „uneingeschränkt in den Dienst der Architektur und die Entwurfsabsicht des Architekten“. Wie muss ich mir das praktisch vorstellen, ab wann sind Sie an einem Projekt beteiligt?

Andreas Schulz: Das Gewerk Licht ist im Verhältnis zu vielen anderen Bausteinen der Architektur nur ein kleiner, aber enorm wichtiger Teilbaustein, und so müssen wir Lichtplaner gleichzeitig viele Projekte bearbeiten, um einen Büroapparat auskömmlich betreiben zu können. Das führt zu einem riesigen Erfahrungsschatz, der für Architekten sehr nützlich ist, denn wir sind zwangsläufig immer auf dem neuesten Stand des Bauens und können nicht nur zu den übergreifenden Fragen der Haustechnik, sondern auch zu Materialien, Oberflächen und den daraus entstehenden Raumatmosphären wirklich wertvolle Beiträge liefern. Deshalb ist eine frühe Einschaltung natürlich der bevorzugte Weg, mitzuarbeiten. Dennoch gibt es eine Fülle von Projekten, wo wir quasi am Bestand gearbeitet haben. Oftmals sind es ja nur kleine Interventionen, um Situationen zu verbessern, die zu Kritik führten.

Wie erarbeiten Sie dann konkret Ihre Lichtplanung: An Plänen und Renderings, am Modell, im Baufortschritt?

Bevor wir beginnen zu entwerfen und zu planen, schaffen wir uns erstmal ein Fundament für diese Tat. Das ist die Analyse der Architektur, der Entwurfsabsicht der Architekten, der zu definierenden, besonderen Architekturmerkmale und natürlich der Erwartung der Nutzer. Und dann gibt es natürlich noch ein Budget, das den Entwurfsgedanken beeinflusst. Ganz konkret sitzen wir heute immer noch anfänglich mit Skizzenrolle und farbigen Stiften am Tisch und versuchen erst einmal mit wenig Aufwand – aber großer Durchdringung – klare Gedanken zu fassen.

Je nach Projekt sind neben Architekten auch Innenarchitekten, TGA-Planer, Ausstellungsmacher, Landschaftsarchitekten, Ingenieure beteiligt – wie gelingt da die Abstimmung? Müssen Sie nicht Nerven wie Stahlseile haben und kommunikativ sehr begabt sein?

Verbal sind zumindest die Führungspersonen aller großen Lichtplanungsbüros bemerkenswert trainiert – wir müssen ja immer Dinge beschreiben, die es noch nicht gibt. Ja, es ist richtig, der Abstimmungsprozess zwischen den einzelnen Gewerken ist ein Parforceritt, aber der gelingt heutzutage durch den digitalen Medienverkehr sehr gut. Zum guten Schluss ist es aber immer eine Frage der Beteiligten – wenn Sie ein ambitioniertes, kreatives und positiv denkendes Team haben, spüren Sie von dem Prozess der Abstimmung quasi gar nichts, weil er automatisch läuft, wenn Sie auch nur einen Quertreiber im Team haben, wird es anstrengend. So wie im wirklichen Leben!

Sie haben Projekte unterschiedlichster Art und Größe weltweit realisiert. Haben der geographische Ort und kulturelle Unterschiede einen Einfluss auf Ihre Planungen?

Natürlich haben der Ort und die Kultur einen erheblichen Einfluss auf unsere Planung. Unsere Projekte in China sehen anders aus als die Projekte in der Schweiz. Also auch innerhalb Europas versuchen wir, Kulturunterschiede herauszufinden und auf diese Rücksicht zu nehmen. Unser neues Büro in Barcelona – der LKL Design Hub Barcelona – arbeitet gerade an einem sehr großen Kulturdenkmal, auf das wir im Sinne des Schöpfers und seiner kulturellen Wurzeln eingehen. Unser Bonner Büro bearbeitet eine vergleichbare Aufgabe in Deutschland, auf die wir – obwohl es sich um ein gleichartiges Denkmal handelt – entsprechend unseres Kulturkreises reagieren. Sehr spannend!

Licht ist rein wissenschaftlich betrachtet ein messbares physikalisches Phänomen. Darüber hinaus hat Licht aber auch eine emotionale Komponente, löst Erinnerungen und Gefühle aus und hat nach Studien unmittelbare Auswirkungen auf unser seelisches und körperliches Befinden von Genesung bis Produktivität. Welche Rolle spielt das bei Ihren Lichtplanungen? Wie beeinflusst Tageslicht Ihre Projekte?

Wir haben eine eigene Abteilung „Tageslicht“ und gehören zu den wenigen Spezialisten weltweit, die Architekten im Sinne einer Aktivierung bzw. Nutzung dieser fantastischen Lichtquelle beraten. Dazu bedienen wir uns des Tageslichtlabors und eines künstlichen Himmels.

Das Tageslicht ist immer erst einmal die Basis unserer architektonischen und atmosphärischen Analyse, bevor wir uns mit dem Thema Kunstlicht beschäftigen. Wir sind nicht der Meinung, dass das Kunstlicht das Tageslicht zu imitieren hat, schon gar nicht glauben wir, dass das Kunstlicht auch von seiner Richtung dem Tageslicht entsprechen muss. Wir mögen den Wechsel zwischen Tages- und Kunstlicht, wenngleich es Projekte gibt, in denen wir gezeigt haben, dass das Kunstlicht auch eine Qualität haben kann, die dem Tageslicht entspricht und so eine Möglichkeit entsteht, die die Nutzung eines Ortes auch bei nachlassendem Tageslicht in dieser Lichtqualität erlaubt. Da sei der Landtag in Stuttgart genannt, der mit seiner Renovierung überhaupt erst eine Tageslichtverbindung bekam, aber auch das Städel Museum in Frankfurt, das ja quasi als unterirdischer Ausstellungsraum den Eindruck eines klassischen Oberlichtsaals hinterlässt.

Dunkelheit verändert unsere Wahrnehmung von Räumen und Gebäuden, Licht gibt Sicherheit und Orientierung. Zugleich diskutieren wir über zunehmende Lichtverschmutzung. Wie reagieren Sie darauf mit Ihren Lichtplanungen?

Zuerst einmal treibt uns in all unseren Planungsaufgaben natürlich unser hoher ökologischer Anspruch – wir erreichen in unseren Projekten auch ohne den Druck von Zertifizierungen Gebäudekennwerte, die extrem niedrig sind.

In einem Bürogebäude haben wir natürlich neben gesetzlichen Anforderungen auch ergonomisch und wissenschaftlich fundierte Anforderungen an die Beleuchtungsstärke, um die Sehaufgabe vernünftig erfüllen zu können. Nur ist das Lichtempfinden der einzelnen „User“ sehr unterschiedlich und wir versuchen, Lösungen anzubieten, die die Einflussnahme der Nutzer erlaubt. Dabei kommt häufig heraus, dass unabhängig von den geforderten Beleuchtungsstärken viele Anwender mit sehr viel weniger Licht arbeiten wollen als angeboten wird. Und natürlich ist eine gute Lichtplanung ein Zusammenspiel aus beleuchteten und eben nicht beleuchteten Flächen und Oberflächen. Gerade das Wechselspiel zwischen interessanten und attraktiv beleuchteten Orten zu weniger wichtigen und vielleicht auch eher dunklen Bereichen macht ja Dramaturgie und Szenographie aus. Unsere Projekte sind auf jeden Fall eines nicht: Sie sind nie über ein vernünftiges Maß hinaus beleuchtet.

In Verkaufsräumen, in Hotellerie und Gastronomie, in Bildungseinrichtungen sowie in Arbeitsstätten wird unter dem Begriff HCL – Human Centric Lighting bewusst mit speziellen Lichtinszenierungen gearbeitet, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen. Um die Effizienz des Energieeinsatzes zu steigern, werden Lichtmanagementsysteme eingesetzt. Ist das Teil Ihrer Planungen?

Ja, wir arbeiten seit fast einem Jahrzehnt mit einer Technik, die heute unter dem Begriff HCL (Human Centric Lighting) in aller Munde ist. Durch die Möglichkeit, mit LEDs die Farbtemperatur – Lichtfarbe – verstellen zu können, ergibt sich diese Möglichkeit mit relativ wenig Aufwand. Das geht über die von Ihnen genannten Projekte sogar noch hinaus. Der Neubau des Flughafen Terminals 3 in Frankfurt wird von uns in allen öffentlichen Bereichen mit einer farbtemperaturverstellbaren Beleuchtung ausgestattet. Gerade eine Beleuchtungsplanung für einen Flughafen macht das Thema HCL sinnhaftig. Es geht ja schließlich um das Endprodukt Fliegen, und die Flugzeugindustrie hat Nutzen und Wirkung vom Licht erkannt; die modernen Flugzeuge der neuesten Baureihen bespielen dieses Thema in der Kabinenbeleuchtung. Und es ist doch naheliegend, dass der Fluggast auf seinem „Erlebnisweg“ zum Flugzeug in einer Lichtstimmung begleitet wird, die ebenso sorgfältig geplant ist. Der Neubau des Flughafen Terminals 3 wird einen üppigen Tageslichteintrag haben und so ist es richtig, an Tagen mit weniger Tageslicht das Kunstlicht entsprechend dem Tageslicht nachzuführen, hingegen aber abends eine wirklich andere, eher introvertierte und eher schmeichelnde Lichtstimmung zu erzeugen. Aber auch in einem profanen Verwaltungsgebäude kann eine HCL-Planung das Ambiente bereichern, in Schulen mit einer Nutzung am Abend macht es ebenso Sinn … es gibt unendlich viele Anwendungsfälle, die erst durch die relativ preiswerte Technik umsetzbar geworden sind.

Was halten Sie von farbigem Licht und angestrahlten Gebäuden?

Farbiges Licht, richtig dosiert, kann fantastisch wirken – die lange Rolltreppe, die in der Zeche Zollverein in das Museum führt, ist über ihr orangefarbenes Licht und das Sinnbild von geschmolzenem Eisen, das wir damit aktivieren wollten, zu einer ikonographischen Größe im Ruhrgebiet geworden. Aber es geht, wie in der Medizin, immer um die Frage der Dosierung. Wenige signifikante Bereiche sind sicherlich wirkungsvoller als eine Dusche farbigen Lichtes ohne inhaltlichen Zusammenhang über ein ganzes Gebäude.

Glühbirne, Halogen oder LED – manchmal scheint das immer noch eine Glaubensfrage zu sein. Wie ist der technologische Stand und was benutzen Sie? Und hat die LED-Technologie nicht auch einen enormen kreativen Schub in der Gestaltung von Leuchten ausgelöst?

Diese vermeintliche Glaubensfrage wird nur von wenigen hochstilisiert, die eher rückwärts gewandt sind. Mit LED-Licht können Sie inzwischen eine Glühlampe so imitieren, dass es selbst dem Fachmann schwerfällt, sie zu unterscheiden. Unsere Planung beinhaltet zu 100 Prozent LED.
Ja, es gibt für die Gestaltung von Leuchten auf einmal völlig neue Ansätze, da die Miniaturisierung der Lichtquelle, verbunden mit ihren Steuerungseigenschaften, natürlich Dinge zulässt, die vorher gar nicht denkbar waren. Die von uns entwickelte Büroleuchte Bicult der Firma Trilux ist ein Beispiel dafür. Zwei autarke Lichtquellen, die beide farbtemperatur-veränderlich sind von 2.700 bis 6.500 K, arbeiten mit großer Leistung innerhalb eines kleinen Gehäuses und können eine übliche Schreibtischleuchte ersetzen – eigentlich eine lichttechnische Sensation, die dank dünnster Layer von Folien, die zur Abblendung beitragen, erst möglich wurde.

Wenn ich als Laie ein Leuchtmittel brauche, begegnen mir Begriffe wie Lux, Watt, Lumen, Kelvin oder Candela. Können Sie das kurz erklären und sagen, worauf ich achten sollte?

Wir erschufen uns über Jahrzehnte mit einer Leistungsterminologie der Glühlampe auch ein Bild, das wir wiederum in Helligkeit umsetzen konnten. Eine 100 Watt-Glühlampe war relativ leistungsstark, führte in der Leuchte über dem eigenen Esstisch zu etwas zu viel Licht – daraufhin schraubte man eine 60 Watt-Lampe hinein und lag wieder richtig! Das alles gibt es natürlich so nicht mehr mit den jetzigen LED-Leuchtmitteln. Abgesehen davon, dass diese mit einem Zehntel der Leistung ähnliche Helligkeiten erzeugen, gibt es alle Glühlampensubstitute auch noch mit unterschiedlichen Lichtfarben. Es gibt sehr „weiße“, die haben dann meist 4.000 K Farbtemperatur oder mehr, sowie weitere Produkte, die nur 2.700 K haben und dann ein sehr glühlampenähnliches Licht erzeugen. Spannend wird es, wenn man die Quantität regeln möchte, d. h. funktionieren diese Lampen an einem Dimmer? Das lässt sich in einem solchen Interview nicht beantworten – schlimmstenfalls muss man es einfach ausprobieren! Aber generell ist auch hier Geduld ein guter Ratgeber, die Generation sehr junger Lichtkonsumenten wird die Begrifflichkeit „Watt“ in einem neuen Zusammenhang kennenlernen und für die werden die LED-Größen so selbstverständlich sein wie für uns Erfahrene die bisherigen Bezeichnungen, die wir noch von der Glühbirne ableiten.

Herr Schulz, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Bettina Schön.


Prof. Dipl.-Ing. Andreas Schulz

ist seit mehr als 30 Jahren als Lichtplaner tätig. Er ist studierter Elektroingenieur mit Schwerpunkt Lichttechnik und kann durch seine Arbeit in der Architektur- und Eventbeleuchtung auf einen langjährigen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Seit der Gründung seines Lichtplanungsbüros Licht Kunst Licht im Jahr 1991 in Berlin und Bonn hat das Büro an über 800 Projekten im In- und Ausland mitgewirkt. Diese wurden in über 300 Publikationen und mit zahlreichen international renommierten Preisen gewürdigt. Zusätzlich zu seiner planerischen Tätigkeit hält Andreas Schulz zahlreiche Vorträge bei internationalen Konferenzen und berät staatliche Institutionen und Behörden bei Licht und Energiethemen. Als Gründungsprofessor für das Kompetenzfeld Lighting-Design an der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim ist er für die Ausbildung von künftigen Lichtplanern verantwortlich.


(Erschienen in CUBE 04|19)

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