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Der Lichtkünstler Dietmar Tanterl

Eine Gratwanderung zwischen Lichttechnik-Expertentum und Künstler(da)sein

Cube: Wie kam es, dass Sie als Steirer in München leben? Dietmar Tanterl: Die Arbeiten, die... mehr

Cube: Wie kam es, dass Sie als Steirer in München leben?

Dietmar Tanterl: Die Arbeiten, die ich in Österreich gemacht habe, haben immer wunderbar geklappt, das war nicht der Grund - aber das Theater mit den Behörden hat dann schließlich dazu geführt, dass ich, wie Thomas Bernhard, gesagt habe: „Österreich nie!“

CUBE: Sie sind also freiwilliger Exilösterreicher?

D. Tanterl: Ja, seit 1976 bin ich in München, also länger, als ich in Österreich gelebt habe.

CUBE: Wie war Ihr Werdegang, wie kamen Sie zum Licht?

D. Tanterl: Eigentlich komme ich aus dem Videobereich und habe dann hier in München, an der Kunstakademie bei Robert Jacobsen studiert, einem Bildhauer, der abstrakte Stahlplastiken machte. Er war insofern ideal für mich, weil er sich gar nicht so viel darum gekümmert hat, was man macht und ich konnte meine Videosachen weitermachen. Das war sozusagen ein optimaler Freiraum, das habe ich auch sehr genossen.

CUBE: Wann war das und welche Art Videos haben Sie gemacht?

D. Tanterl: Anfang der 70er habe ich angefangen mit Videos zu arbeiten. Die Videokunst war extrem langatmig mit langen Einstellungen und man musste sich schon plagen, bis das durchgearbeitet war. Das war die erste Welle der Videokunst damals, die eigentlich unheimlich medienanalytisch war, weil man versuchte das Medium im Kontext mit dem Fernsehen abzugrenzen. Es ging uns um das Medium an sich und man muss das im Kontext der Zeit sehen. Es war eine mediale Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, eine Auseinandersetzung damit, was ist öffentlicher Raum und was ist privat.

CUBE: Ihre älteste Arbeit hier in München ist in der Franziskanerstraße an der Fassade des Flüchtlingsamts zu sehen?

D. Tanterl: Die Arbeit heißt „Grundgesetz“, das war ein Artikel des Grundgesetzes, den wir da auf die Fassade gebracht haben. Das war 1996. Der damalige Amtsleiter fragte bei einer Besprechung, ob man den Text in der und der Passage nicht ändern könnte und da mussten wir ihm sagen, das geht leider nicht, weil es das Grundgesetz ist. Die Stadt hat das Projekt gefördert, weil man das Problem schon erkannt hat, dass die Bediensteten dort natürlich das Grundgesetz kennen und wissen sollten, wie man mit Flüchtlingen umgeht. Das war ein ganz spannender Punkt.

CUBE: Welche Arbeiten gibt es sonst noch von Ihnen im öffentlichen Raum?

D. Tanterl: Es gibt eine Arbeit bei der Münchner Rück, den unterirdischen Tunnel dort habe ich gestaltet, eine Arbeit im Petuelpark und dann gibt es noch einen Gang bei Eon. Der ist ganz speziell.

CUBE: Da sind wir an einem ganz wesentlichen Punkt: Sie machen ja keine dekorativen Arbeiten, sondern es geht ja um eine Thematik die Sie „verpacken“?

D. Tanterl: Der Formzusammenhang hat natürlich immer einen Sinnzusammenhang mit irgendwelchen Beschäftigungsfeldern. Ich versuche schon, für mich daraus eine Erkenntnis zu ziehen.

CUBE: Wie ist das z.B. bei Ihrer neuesten Arbeit im Lenbachhaus?

D. Tanterl: Das Wortspiel Rot-Wein-Rot könnte auch ein Versprecher sein, hat man etwa ein „N“ mit einem „ß“ verwechselt? Die Irritation ist natürlich beabsichtigt. Da gibt es ja eine ganz eindeutige Anspielung auf die Heraldik der österreichischen Flagge und mehrere andere Bedeutungszusammenhänge. Wenig rote behaupten sich hier gegenüber vielen weißen Leuchtstoffröhren und sind im Grunde die Gewinner. Aber das Wesentliche ist die Anordnung der Arbeit im Treppenhaus des Altbaus. Das muss man als Metapher sehen. Wenn Sie heute irgendwelche Strukturen entwickeln wollen oder Kenntnisse vermitteln wollen, dann müssen die eine Form haben, die zeitgenössisch ist, weil sonst die Inhalte nicht vermittelbar sind. Mich interessieren die zeitgenössischen Bildmöglichkeiten, mich interessiert die Form, die ich heute entwickeln kann, die nicht geprägt ist von historischen oder kollektiven Bildwelten, die so alt sind, dass ich mich nurmehr im Reproduktiven bewege. Ich versuche die Grenze zu finden, die Grenze zwischen Licht und Raum so auszuloten, dass das Bild der Wirklichkeit, das da entsteht, keine äquivalente historische Anmutung hat.

CUBE: Sie erwähnten noch die Arbeit im Eon-Gebäude, was war das genau?

D. Tanterl: In diesem besagten Verbindungsgang befindet sich ein schwarzer Teppich der so hoch ist, dass man das Gehen nicht hört. Es gibt Mikrofone in dieser Installation, sodass das Licht erst angeht, wenn man den Gang betritt. Bewegungsmelder über Akustik also. Der schwarze Teppich ist aus Schafwolle und so dicht geknüpft, dass kein Trittschall möglich ist. An beiden Seiten befinden sich Spiegel. In Österreich gibt es den wunderbaren Begriff der „Psyche“ für eine Frisierkommode mit Seitenspiegeln, wenn man diese beiden exakt gegenüber stellt, entsteht ein unendlicher Raum. Und wenn die Herren da durchgehen, gibt es einmal eine Situation, die sich im Unendlichen auflöst. Die komplette Röhre habe ich gestaltet, den Teppich, die Spiegel, die Türen, alles. Oben ist die erste LED-Decke, die ist nur 15 mm hoch, das ist auch schon LED-Licht, so wie im Lenbachhaus, also Tageslicht. Die komplette Technik ist in dieser 15 mm Decke drinnen - technisch ist das ein Wahnsinn.

CUBE: Worum ging es Ihnen dabei?

D. Tanterl: Das ist ja so ein Gockelverein - und sie bewegen sich in einer Etage, wo der Vorstand sitzt und der Aufsichtstrat tagt. Die Idee war, dass die letzten 40 m Gehen einem die Möglichkeit geben, über sich nachzudenken. Sie konnten sich anschauen in den Spiegeln und zurechtmachen, bis sie dann kurz bevor sie die Treppe hochgehen, an der Stelle ankommen, wo sich der Raum multipliziert im Off - das ist der Ort, also die „Psyche“, wo man dann über seine Psyche nachdenkt, indem man sich im Unendlichen auflöst. Die haben schon kapiert, dass da was Komisches passiert, sie haben auch kapiert, dass die Geräuschlosigkeit etwas ist, was sie nicht wollen, sie sind einfach festes Auftreten gewöhnt und dies geht dort nicht.

CUBE: Herr Tanterl, vielen herzlichen Dank für Ihre Zeit und dieses Gespräch.

Das Interview führte Christina Haberlik



Dietmar Tanterl

Dietmar Tanterl wurde 1956 in Dietzen, Steiermark geboren.
Besuch der Kunstgewerbeschule in Graz.
Studium in München an der Akademie der Künste in der Bildhauerklasse von Robert Jacobsen.
Arbeitet im Video- und Fotobereich, sowie als Lichtkünstler
Helmut Friedel, der ehemalige Direktor des Lenbachhauses, bat ihn, bei der nun hochmodernen Lichtentwicklung des Museumsneubaus behilflich zu sein. Gemeinsam mit Tanterl wurde ein Lichtkonzept entwickelt, das mit Hilfe von LED-Technik perfektes Tageslicht simulieren kann.