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Franz-Josef Höing

Interview mit dem Kölner Baudezernenten (bis 2017)

CUBE: Herr Höing, Sie sind nun etwa 100 Tage im Amt – üblicherweise die Zeit, die einem neuen... mehr

CUBE: Herr Höing, Sie sind nun etwa 100 Tage im Amt – üblicherweise die Zeit, die einem neuen Amtsinhaber zugestanden wird, um sich einzuarbeiten und erste Erfolge vorzuweisen. Man könnte es aber auch so auslegen, dass Köln 100 Tage Zeit hatte, für sich zu werben. Wie haben Sie und Köln sich kennengelernt, wie sieht das erste Resümee aus?

F.J. HÖING: Im Grunde braucht man ein Jahr, auch bei einer Stadt dieser Größenordnung, um einigermaßen zu verstehen wie eine Stadt so tickt, um einigermaßen einen Überblick zu den ja mitunter schon über Jahre diskutierten Themen zu bekommen, um einigermaßen einen Überblick über die laufenden Projekte zu bekommen, um einigermaßen auch für sich selbst definiert zu haben, worum man sich in den dann anschließenden Jahren kümmern will. Die ersten Monate sind Schnuppermonate, es prägt sich der erste Eindruck. Meine ersten Monate waren ein Ausnahmezustand, und ich sehe auch nicht, dass sich das nach 100 Tagen oder 200 Tagen oder 300 Tagen irgendwie ändern wird. Köln ist einfach eine der ganz großen deutschen Städte mit unendlich vielen Themen und Orten und auch durchaus Problemlagen. Ich nehme für mich nicht in Anspruch, da schon einen totalen Überblick zu haben, gleichwohl habe ich natürlich versucht, in den ersten Monaten die Strukturen dieses großen Dezernates einigermaßen zu überschauen und mir einen Überblick zu verschaffen über die laufenden und großen Projekte. Nun habe ich eine erste Orientierung. Ich bin herzlich und offen aufgenommen worden, dies scheint eine Kölner Mentalität und Charakter dieser Stadt zu sein, auf neue Leute zuzugehen. Ich habe das als ein sehr herzliches Willkommen wahrgenommen, und viele haben auch bislang die Themenvielfalt so dosiert, dass es mich nicht völlig aushebelt. Und trotzdem versuche ich, mal die ersten Themen zu identifizieren. Ich werbe dafür, sich zu konzentrieren - bei aller Themenvielfalt, die eine Großstadt per se hat und haben muss, auch die Kräfte so zu bündeln, dass wir Dinge voran treiben. Ich nehme wahr, dass das viele gut finden. Die Stadt hat eine Vielzahl von Planungen angeschoben, jetzt gilt es, die nächsten Schritte zu machen bei allen Schwierigkeiten, die damit auch verbunden sind.

CUBE: Nun haben Sie ein Amt übernommen, das schon alleine durch die Bezeichnung „Stadtentwicklung, Planen, Bauen und Verkehr“ komplex erscheint und so viele Fachkompetenzen beinhaltet, dass es ja eine Querschnittsaufgabe ist, die Sie erfüllen müssen – wie kann man so etwas pragmatisch angehen?

F.J. HÖING: Es gibt ja immer diese Diskussion: ist so ein Dezernat zu groß, ist es zu klein? Klar kann man jetzt sagen, es ist einfach riesig groß, es gibt zu viele Themen. Es ist aber auch eine große Chance, dass diese verschiedenen Themen, die ja auch konstitutiv sind für die Stadt, in einem Dezernat so gebündelt sind. Es liegt in meiner Verantwortung, diese verschiedenen Themenstränge miteinander zu verknüpfen. Und ich versuche auch, für Verständnis der jeweils anderen Positionen zu werben. Es hilft nichts, dass man nur in seinem Beritt denkt und dort das vermeintlich beste macht.Vielmehr ist es wichtig, die Abhängigkeit der Themen zu diskutieren, sie zu entdecken, sie aber auch zu kultivieren und daraus auch gute Projekte zu generieren. Ich habe mal - etwas flapsig - gesagt: Unsere Städte sehen so aus wie sie aussehen, weil wir so arbeiten, wie wir arbeiten. Es ist schlichtweg meine Aufgabe, den Überblick zu haben, die Abhängigkeit zu identifizieren und dafür zu werben, sie gemeinsam zu lösen.


CUBE: Köln ist aus städtebaulicher Sicht eine Stadt der Brüche, der Widersprüche, der Provisorien und langen Projektlaufzeiten. Wie tickt Köln aus Ihrer Sicht?

F.J. HÖING: Köln ist eine der großen Großstädte. Wenn ich jetzt Hamburg und Köln vergleiche, sind es schon sehr unterschiedliche Städte. Was ich hier in besonderem Maße wahrnehme, was mich beschäftigt, ist die Frage: Wo hört Verwaltung auf, wo fängt Politik an? Dieses Verhältnis, wie man zusammenarbeitet, Entscheidungen trifft, ist für mich ganz anders, als ich es aus meiner Bremer oder Hamburger Zeit kenne.

Was das Gesicht dieser Stadt betrifft, nehme ich wahr, dass es diese Brüche gibt – doch die gibt es in anderen Städten auch. Ich nehme wahr, dass es das Unfertige gibt – doch das gibt es in anderen Städten auch, das ist nicht spezifisch für Köln. Es ist der Wesenszug einer Stadt, dass eine Stadt nie fertig ist, dass sie nicht, im klassischen Sinne, „schön“ ist. Das heißt nicht, dass ich das alles gut heiße, was ich hier sehe, und dass heißt auch nicht, dass man nicht an manchen Stellen auch mit einer etwas größeren Sorgfalt schauen müsste, was da neu entsteht oder mit einer größeren Behutsamkeit das bewahren müsste, was schon da ist - aber ich würde nicht sagen, dass Köln gar nicht vergleichbar ist mit anderen Städten. Welche Themen stehen allgemein auf der Tagesordnung? Zum Beispiel, in diesem Jahrzehnt, die Sanierung der Infrastruktur. Das sind in Köln Brücken, Tunnel, das sind in anderen Städten vielleicht andere Dinge, aber das steht überall in einer bestimmten Art und Weise an. Überall geht es darum, diesen Prozess der Instandsetzung auch gestalterisch zu kultivieren. Da unterscheidet sich Köln nicht von anderen, auch wenn das mit dieser besonderen Topographie und den großen Brücken in einem Ausmaß der Fall ist, in einer finanziellen Dimension, die jetzt sicherlich noch mal was Besonders hat.

Das Thema „Wohnraum schaffen“, das Diskutieren von Quantitäten, von Qualitäten, steht eigentlich in allen deutschen Großstädten auf der Tagesordnung. In Bremen hatten wir dieses Thema in einer Dimension, die keine Alltagsaufgabe ist; in Hamburg verfolgen Sie vielleicht auch die Diskussion; es gibt sie in München in einer sehr verschärften Form und es gibt sie auch in anderen deutschen Großstädten. Insofern steht das nicht nur hier an, hier allerdings in einer besonderen Form. Dies wird uns in den nächsten Jahren vor besondere Herausforderungen stellen, weil die Flächen für Wohnungsbau nicht so ohne weiteres vorhanden sind, um den Bedarf abzudecken. Der Bedarf lautet ja nicht nur „Wohnen“, sondern er besteht in unterschiedlichsten Preiskategorien - gerade in den teuren Segmenten sind Wohnungen einfacher zu erstellen als in denen, die eigentlich für breitere Schichten interessant sind.


CUBE: Welche Rolle spielt denn bei dem großen Bedarf an Wohnraum der private Bauherr und Eigentümer?

F.J. HÖING: Der private Bauherr hat immer eine wichtige Rolle in der Stadt gespielt. Im Rahmen einer Wohnungsbaukonzeption, die wir erstellen, gibt es Untersuchungen: In welchem Umfang braucht man das einzelne Grundstück, wo sind die privaten Bauherren, wo sind die Orte, welche Flächen sind vorhanden? Wir nehmen wahr, dass es eigentlich zu viel Fläche ist für dieses Segment, dass es dieses Selber-Bauen, das Eigenheim - so als Vorstellung, in der Stadt zu wohnen - in dem Ausmaß nicht mehr gibt, aber ich würde davor warnen zu sagen, das ist jetzt überhaupt kein Thema mehr. Es wird immer eine Facette des Wohnungsmarktes sein. Ich bin dafür, ein breites Spektrum des Angebotes zu haben, und dies sind Eigentumsthemen, das sind Mietthemen, das sind durchaus auch hochpreisige Dinge, das sind auch die bezahlbaren Dinge. Man ist immer gut beraten, das nicht zu ideologisch zu betrachten.

Eine Großstadt ist so facettenreich, es gibt so viele unterschiedliche Milieus, und die haben keine gemeinsame Vorstellung davon, wie man in der Stadt wohnt. Auch wenn es vielleicht etwas exotisch ist für einen Baudezernenten, bin ich durchaus dafür, dass man im Bereich des Wohnungsbaus auch Experimente wagt, und auch so dem unkonventionellen hier und da mal das Wort redet. Da habe ich den Eindruck, dass, mit allem Verlaub, vieles eben noch recht konventionell ist in einer Großstadt, die auch anziehend sein will. Wenn wir über kreative und kluge Köpfe reden, gibt es dort auch Nachfrage nach individuellen Wohnformaten. Und da gibt es auch Orte, die sich dafür anbieten. Die Stadt kann für privates Bauen den Rahmen abstecken, kann Flächen bereitstellen, Vergabekriterien für Flächen definieren, eine Konkurrenz der besten Idee organisieren. Wir können Planungsrecht schaffen, das Baugenehmigungsgeschäft nochmals beschleunigen.


CUBE: Wo sehen Sie in Köln die größten Potenziale für das private Bauen?

F.J. HÖING: Wir haben die Stadt mal abgerastert, wollten wissen: Wo gibt es Flächen, für was eignen sich die? Wenn wir über diese sehr kleinteiligen Strukturen frei stehender Einfamilienhäuser sprechen, sind sie nicht in den zentralsten Lagen - das hat schlicht auch etwas mit der Vorstellung von Dichte zu tun, aber sie sehen an anderen Städten auch, dass das Thema des individuellen Bauens und der eigenen Adresse ein Thema sein kann, was sich nicht immer in den Randbereichen abspielt.

Es gibt ja durchaus verdichtete Stadthaus-Typologien, die sich in den letzten Jahren einer gewissen Beliebtheit erfreuen. Nachverdichtung im Innenstadtbereich ist ein wunderbares Thema, da mag es eine ganze Reihe von guten Lagen geben. Das Projekt „Via Sacra“ (siehe CUBE 03-11), dem es zwar nicht primär darum geht, Wohnbauflächen zu aktivieren, zeigt dennoch auf, wie viele Zahnlücken es auch in zentralsten Lagen der Stadt immer noch gibt - Orte, die vielleicht noch nicht so richtig entdeckt worden sind, eine Möglichkeit vieler kleinerer Projekte.


CUBE: Wie und wo wohnen Sie selbst?

F.J. HÖING: Ich bin seit dem ersten Tag in Köln, wo sollte ich anders sein? Ein Grund, nach Köln zu kommen, war die Lust an der Großstadt. Wir wohnen in Nippes, mitten in der Stadt, sind ganz zufrieden eingetaucht.

Herr Höing, wir danken Ihnen für das Gespräch

Das Interview führte Christian Wendling.


Franz-Josef Höing

Dipl.-Ing. Franz-Josef Höing schloss 1992 sein Studium der Raumplanung an der Universität Dortmund ab. Im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit war er in freien Planungsbüros, in der Lehre und in der Verwaltung tätig; sein Weg führte ihn u.a. nach Dortmund, Wien, Aachen, Hamburg, Münster und Bremen. So war er von 1994 bis 2000 Mitarbeiter im Büro für Stadtplanung Zlonicky Wachten Ebert in Dortmund, von 1994 bis 1999 lehrender Assistent am Institut für Städtebau und Raumplanung der Technischen Universität Wien. 2000 wurde er persönlicher Referent des Oberbaudirektors der Freien und Hansestadt Hamburg, wo er u.a. die Projektgruppe HafenCity leitete. Als Professor für Städtebau war er von 2004 bis 2008 an der Münster School of Architecture, bevor er von 2008 bis 2012 Senatsbaudirektor der Freien Hansestadt Bremen wurde. Seit Mitte 2012 ist er Beigeordneter der Stadt Köln und leitet dort das Dezernat Stadtentwicklung, Planen, Bauen und Verkehr.

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