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Stadttheater Aschaffenburg – Stilbruch als Programm

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Klassisches Schauspiel und moderne Inszenierungen wechseln sich im Stadttheater Aschaffenburg ab. Bei dem aufwändigen Umbau, in den fast 8,5 Millionen Euro flossen, mussten auch die Architekten Mut zum Epochenmix zeigen. Zu seinem 200-jährigen Bestehen sollten das 1811 unter Fürstprimas Carl von Dalberg erbaute Stadttheater erweitert und bauliche Defizite endlich behoben werden. Letztere waren der wechsel­haften Geschichte des Gebäudes geschuldet. 1944 hatte ein Luftangriff solche Schäden angerichtet, dass ein Wiederaufbau nur in mehreren Bauphasen und recht holprig gelungen war. Vor allem das enge Foyer und die fehlende Gastronomie sollten in den nächsten Jahrzehnten eine Quelle steten Unmuts sein. „Es ist nicht möglich, im Menschengedränge der Pause oder nach Ende der Veranstaltung in diesen unwürdigen Räumen die innere Einstimmung zu erzeugen bzw. zu erhalten, die dem Range oft hochwertiger Aufführungen entspricht“, ist in einer Stellungnahme des Baureferates von 1957 zu lesen. Zwar galt der klassizistische Zuschauerraum nach einer aufwendigen Restaurierung im Jahr 1961 wieder als einer der schönsten in Süddeutschland. Nach außen aber fristete das Theater ein unscheinbares Dasein als Dauerprovisorium, weit davon entfernt, mit baulichem Charisma als Mittelpunkt des öffentlich-kulturellen Lebens wahrgenommen zu werden.

Kurz vor dem 200jährigen Geburtstag des Stadttheaters im Jahr 2011 wollte man nun reinen Tisch machen. Zumal aus dem Vorplatz vor der südlichen, schmuck- und fensterlosen Theaterfassade inzwischen eine repräsentative Plaza mit edlem bayerischen Granitbelag geworden war, auf der Wasserlauf, Sonnenuhr, Bänke und exotische Pflanzen für südländisches Flair sorgen. Den prägnant überdachten Abschluss des Platzes zur Dalbergstraße hin bildete eine 2005 eröffnete „Stadtloggia“ mit italienischer Freiluft-Gastronomie, die regen Zulauf genießt. Nur die unwirtliche Fassadenmauer des Stadttheaters setzte dem Gesamtbild einen unschönen Dämpfer auf, der nach dem nächsten baulichen Schritt rief. So lautete denn der Auftrag an die im Umgang mit alter Bausubstanz erfahrene Architektengemeinschaft Scheffler + Partner, Frankfurt und Lautenschläger Architekt, Aschaffenburg: Neugestaltung der kargen Fassade und Öffnung zu Theaterplatz und Stadtloggia. Zudem sollte mit der längst fälligen Erweiterung des Foyers Platz für ein Theaterrestaurant geschaffen werden.

Im Frühjahr 2008 starteten die Umbaumaßnahmen. Während der Grundsanierung des Zu­schauer­raums stellte sich heraus, dass besonders beim Brandschutz erhebliche Nachrüstungen notwendig waren und auch die Flure und Vorräume in die Erneuerung mit einbezogen werden mussten. Zugunsten eines größeren Sitzkomforts wurde die alte Bestuhlung ausgetauscht und die Anzahl der Plätze reduziert. Bei der Gestaltung des Theaterraums verzichtete man bewusst auf die Rekonstruktion verloren gegangener Details, zumal von dem Originalzustand außer dem Raum selbst wenig erhalten geblieben war. Statt dessen wurde ein neues Farbkonzept aus Weiß- und Grautönen entwickelt, das durch die im frühen 19. Jahrhundert sehr beliebte Grisaillemalerei inspiriert ist. „Wir wollten keinen denkmalpflegerischen Lehrpfad durch die Baugeschichte gestalten, sondern einen Raum schaffen, der dem Besucher beim Betreten den Atem raubt“, so Architekt Ernst Ulrich Scheffler. Das ist gelungen: Beim Betreten leuchten dem Theaterbesucher Brüstungen in Weiß und edlen Grauschattierungen vor Rückwänden in pompejanischem Rot entgegen. Als verbindendes Element zwischen den unterschiedlichen Bauteilen wurde Blattgold eingesetzt. Kunstmaler und Restaurator Stefano Cafaggi aus Regensburg sind bei den Einrahmungen der Kassetten Dekor­effekte von verblüffender Plastizität gelungen - man meint, mit der Hand über die Profilleisten und Stuckelemente streichen zu können.

Bei der Gestaltung des Baukörpers hatten die Archi­tekten zwei Auflagen zu erfüllen: Die Erweiterung musste sich ohne Brüche in die Umgebung einfügen, und außerdem sollte die wechselvolle Geschichte des Theaters an den Fassaden ablesbar bleiben. So wurde das 50er-Jahre-Provisorium entlang der Schlossgasse in Anerkennung der Wiederaufbauleistung der Aschaffenburger Bürger erhalten. Nach langen Diskussionen stellte man auch einen von drei zerstörten Renaissance-Giebeln wieder her– eine Reminiszenz an das Deutschordenshaus, das bis zur Zerstörung 1944 hier die Theaterfassade gebildet hatte.

Man war sich aber einig, dass alle neuen Bauelemente eine zeitgemäße Architektursprache sprechen sollten. Über dem 50er Jahre-Flügel der Schlossgasse wurde das neue Foyer als hohe Glasaufstockung zum Kern des Theaters herum auf den Theaterplatz gezogen. Dort nimmt den Glaskubus die neue Schaufassade auf – eine repräsentative Glas-Alu-Konstruktion, die das Kernstück der Erweiterung darstellt. Gemeinsam mit der Stadtloggia, zu der ein vorgelagertes Flügeldach auf runden Stahlstützen unübersehbar Bezug nimmt, rahmt sie die Plaza harmonisch ein und macht das Theater endlich als solches erkenntlich. Aus der Decke des Nachkriegsfoyers wurde eine vorgeschobene Dachterrasse zum Platz hin, der dem neuen Theaterrestaurant „Jedermann“ vorgelagert ist. In einem Teil der Glasfassade entstand eine Orangerie, in der die Oleander und Olivenbäume vom Theaterplatz überwintern können. Zur Öffnung des Theater und Belebung des Platzes erhielt die Glasfassade zudem eine Projektionsfläche, auf der mittels Beamertechnologie Bühnenevents aus dem Theater, Kurzfilme oder Kunstinszenierungen gezeigt werden können. So wird der Theaterplatz zur großen Loge für alle. Man kann von einer mutigen baulichen Neuinszenierung des Aschaffenburger Stadttheaters sprechen: Unter Wahrung der heterogenen Formensprache des Gebäudes ist die architektonische Weiterentwicklung zu einem modernen Schauspielhaus gelungen. Mit der neuen Schaufassade des Stadttheaters soll der Theaterplatz nun endlich zum „Wohnzimmer des Dalbergviertels“ werden – einer neuen Mitte der Aschaffenburger Altstadt, die diese nie hatte.

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