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„Dieses Haus ist kein Hardliner“

Architektonische Aneignung eines Wohnhauses aus den 1930er-Jahren in Golzheim

Es ist das einzige Haus in der kleinen Straße hinter dem alten Golzheimer Friedhof, das... mehr

Es ist das einzige Haus in der kleinen Straße hinter dem alten Golzheimer Friedhof, das überhaupt eine Hausnummer trägt – merkwür­digerweise die „28“. Auch ansonsten wirkt es von außen eher verschlossen: Eine dicke Wand aus schalungsrauem Sichtbeton, weiß gestrichen, eine Reihe vergitterter Fenster im Erdgeschoss, sechs kleine Bullaugenfenster im Obergeschoss, ein Fahnenmast – ob es die Rheinnähe war, die den Architekten und Erstbewohner des Hauses, Karl Wach, dazu verleitete, sich an den Stilformen moderner Ozeanliner zu orientieren? 1932 entwarf der Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie das Haus für sich und seine Familie als Atelier- und Wohnhaus – damals waren die Nachbarhäuser noch die Privatvillen von Bankdirektoren und nicht die Bürostandorte von Bankkonzernen.

Der Düsseldorfer Architekt Klaus Brandt ist Eigentümer des Hauses in der Emmericher Straße 28, das sich um einen Gartenhof zu zwei Seiten mit großzügigen Fensterflächen gruppiert. Zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern bewohnt er seit 1999 das erste und das Dachgeschoss, im Erdgeschoss hat sein Architekturbüro mit vier Mitarbeitern Platz gefunden. An der Grundstruktur des 360 m² Nutzfläche großen Hauses ändern musste er dafür nicht viel. Über die Jahrzehnte hatte sich das Haus als sehr flexibel erwiesen: Seit Kriegsende gehörte es der Düsseldorfer Gastronomin Mulfinger, die hier ein Offizierskasino für die Briten betrieb (die 700 leeren Weinflaschen, die eine Nachbarin beim Umgraben ihres Gartens fand, gaben noch Jahrzehnte danach beredtes Zeugnis davon). 1954 wurde es zu einem „Neun-Betten-Fremdenhotel“ für die damals noch benachbarte Messe umfunktioniert (bis 1963), dann als Passstelle des englischen Konsulats mit Dienstwohnung (bis 1973) genutzt. Schließlich zog 1981 die bekannte Modedesignerin Uta Raasch ein: Oben Schneideratelier, unten Showroom – diese Zweiteilung nutzte Klaus Brandt für seine Anforderungen aus und trennte Wohnen und Arbeiten geschossweise. Im Obergeschoss ließ er wenige Innenwände entfernen, um dem Wohnbereich mehr Tiefe zu verleihen. Die Sichtbetonwände, die für ein Wohngebäude der 1930er-Jahre einzigartig sind und seit 1989 gemeinsam mit dem offenen Grundriss des Erdgeschosses den Denkmalwert des Hauses begründen, versah der Architekt mit einer verbesserten Innendämmung – „bauphysikalisch nicht ganz unumstritten“, wie Brandt heute sagt, bisher aber ohne irgendwelche spürbar negativen Auswirkungen für das Raumklima.

Interessanterweise sieht man die verschiedenen Zwischennutzungen und Umbauten, die die Zeit mit sich brachte, dem Haus heute kaum an – eine Tatsache, die für die Architektur spricht. Die Innenausstattung der 1930er-Jahre ist in den Räumen noch immer präsent, zeigt sich besonders an flexiblen Falttüren, in den Wänden verborgenen, ausziehbaren Fenstergittern, den runden Fenster­elementen, vielen gusseisernen Heizkörpern und einem marmorverkleideten Kamin. Brandt hat diese Substanz sehr behutsam und punktuell ergänzt, wo nötig zusätzlich etwas akzentuiert, ohne Alt und Neu zu sehr miteinander zu konfrontieren. Zwei Beispiele nur: Die Bodenbeläge, die teilweise zerstört waren, ließ er im gleichen Material ausbessern und ergänzen – Differenzen im Farbton der Solnhofener Platten deuten den Alt-Neu-Kontrast an, ohne ihn besonders zu betonen. In die Innenwand des Bades im 1. OG fügte Brandt einen horizontalen Belichtungsschlitz ein. Dieser unterstreicht und ergänzt die vorbildliche Belichtung des Hauses, das sich in seinem ganzen Entwurf an der Sonne orientiert. „Das Ziel war es, so wenig wie möglich zu verändern“, meint der Architekt. Die Substanz dort zu belassen, wo sie schön und praktikabel ist, sie sinnvoll dort zu ergänzen, wo sie sich überlebt hat.

Dieses sensible und doch auch pragmatische Arbeiten mit und an dem Haus spiegelt sich auch in der Möblierung wieder: Eine Kombination mit Möbeln aus ganz unterschiedlichen Epochen und Materialien schafft eine individuelle, geschmackvolle wie gemütliche Atmosphäre – in dem Haus wird spürbar gelebt; es ist kein Museum, das nach größtmöglicher Authentizität strebt. „Das Haus ist nie ein Hardliner gewesen, und wir sind es auch nicht“, meint Klaus Brandt, der die moderne, aber wiederum auch nicht zu puristische Architektursprache schätzt, die für Düsseldorf nicht untypisch ist. Sich in die Geschichte eines solchen Hauses einzuordnen, begreift Brandt als eine besondere Herausforderung: „Sich selbst ein Haus zu bauen, verpflichtet einen Architekten sehr – es muss natürlich alles perfekt sein. Im Bestand zu arbeiten befreit dagegen vor einigen Grundsatzentscheidungen.“

Ein weiteres Kapitel zu dieser Geschichte hat Brandt vor zwei Jahren zusammen mit Klaus Klein von WKM Landschaftsarchitekten dem Gartenhof hinzugefügt: Der 80 Jahre alte Kirschbaum hatte Pilzbefall; eine Gleditschie wurde an gleicher Stelle gepflanzt, sie spendet einen sanfteren Halbschatten. Drumherum wurde der Kiesbelag gegen eine hochbelastbare Rasenfläche ausgetauscht. Eine Hecke mit japanischem, bis zu 8 m hohen Bambus schirmt die Blicke von einem neuen viergeschossigen Nachbarbürogebäude ab. Eine Holzterrasse an der Stirnmauer, die ein Original-Schwimmbad aus den 1930er Jahren bedeckt, leitet über zu einem Wintergarten. Früher beherbergte der kleine, der Südseite ent­gegen gerichtete Vorbau den Atelierraum von Karl Wach - heute ist hier der Aufenthaltsraum des Büros untergebracht. „Bürogarten“ nennt Klaus Brandt den ganzen Bereich des Erdgeschosses – und man kann sich nur zu gut vorstellen, wie stimmungsvoll sich ein stressiger Arbeitstag in dieser Oase ausklingen lässt.

www.brandt-architekten.de
www.wkm-la.de

Architekten: Brandt Architekten www.brandt-architekten.de Fotos: Hanne Brandt... mehr

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Brandt Architekten
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Fotos:

Hanne Brandt
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