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Baukultur als Gesprächskultur

Christoph Grafe, Leiter des Flämischen Architekturinstituts und Professor in Wuppertal, im Gespräch über das Architektur-Musterland Flandern, Antwerpens Hafenumbau und die Freudlosigkeit deutscher Architektur

CUBE: Herr Professor Grafe, in Belgien hat sich in den letzten 15 Jahren eine der kreativsten... mehr

CUBE: Herr Professor Grafe, in Belgien hat sich in den letzten 15 Jahren eine der kreativsten Architekturszenen in Europa entwickelt. Das Land scheint vor innovativen Projekten nur zu wimmeln - woran liegt das?
Grafe: Von einer belgischen Architekturkultur zu sprechen, führt etwas in die Irre! Dort, wo Architektur zum identitätsstiftenden Moment geworden ist, ist die autonome Region Flandern, wie sie seit 1996 besteht. Durchaus mit einem gezielten kulturpolitischen Interesse sind hier die Gesetzgebungen, Entscheidungsprozesse und Institutionen auf ein völlig neues Fundament gestellt worden. In der Wallonie und in Brüssel ist das nicht im gleichen Umfang geschehen, zumal Wallonien nicht so dicht besiedelt und das Investitionsvolumen dort deutlich geringer ist. Außerdem sind die tradierten Bauvorschriften vergleichsweise streng, was dazu führt, dass oft nur große Stararchitekten wie Santiago Calatrava oder Daniel Libeskind mit ihren Großprojekten das etablierte Regelwerk übertreten dürfen, um etwas Neues zu wagen.

Wenn es allein Flandern ist, wodurch zeichnet sich die Baukultur denn hier aus?
In Flandern hat das intensive Gespräch über eine neue Architekturkultur dazu geführt, dass es einen flämischen Bouwmeester (dt. Baumeister) gibt, der sich in der Region um die architektonische Qualität von öffentlichen und halböffentlichen Bauprojekten kümmert. Sein wichtigstes Instrument ist dabei das sogenannte Obhuts- oder Open-Call-System, das bei jedem Projekt erst einmal nach der architektonischen Haltung, einem Statement, fragt – und nicht sofort schon nach dem fertigen Entwurf. Erst, wenn daraufhin ein Büro ausgewählt wird, muss es die eigentliche konkrete Entwurfsarbeit leisten. Gerade jungen Büros, die noch kein großes Bauvolumen oder eine spezifische Expertise haben, öffnet das Türen – weil sie oft gute Ideen haben, aber nicht zu viel Zeit und Geld investieren müssen.

Für die Auftraggeberseite dürfte dies sicher auch weniger bürokratischen Aufwand bedeuten...
Weniger Aufwand, aber eben auch mehr Qualität! Denn es gibt immer den Bouwmeester, der kontinuierlich das Gespräch mit Auftraggebern und Bauherren sucht und versucht, im Dialog Qualität zu stimulieren. Dadurch hat sich in den letzten fünfzehn Jahren in Flandern eine ganz neue Architektenszene formieren können. Hilfreich war dabei gewiss auch die Größe der Region Flandern mit ihren überschaubaren, knapp 6,4. Mio Einwohnern – das führt dazu, dass man sich kennt und sicher auch miteinander mehr spricht als anderswo.

Hat diese neue Architekturkultur auch eine Architekturhaltung ausbilden lassen, die sich auf eine bestimmte Formel bringen lässt?
Eine einzige sicherlich nicht – Alltäglichkeit wird oft als Schlagwort gebracht, aber dieser Begriff erklärt sicher nicht das ganze Phänomen. Als Außenstehender habe ich erlebt, dass es eine sehr entwickelte künstlerische Auseinandersetzung mit Architektur gibt. Hinzu kommt die Kleinteiligkeit – die steckt in den Grundstücken und Investments, aber auch in den Organisationsstrukturen der Architekturbüros und auch des Baugewerbes. Es gibt in Flandern einfach nicht die Konzentration von Bauunternehmungen, wie man sie aus Deutschland oder auch den Niederlanden kennt. Das hat zur Konsequenz, dass es eine komplexe, aber umso intensiver erprobte und entwickelte Zusammenarbeit zwischen Architekten und Gewerbe gibt. Weil man sich lange kennt, kooperiert man sehr viel stärker als hierzulande bei den Projekten und investiert viel in gemeinsame Forschung und Entwicklung von Baumaterialien.

Diese Innovationslust zeigt sich in den letzten Jahren auch stark bei der Verwendung von Backstein. Warum gerade dort?
Backstein war traditionell immer schon das dominierende Material, ganz Flandern war früher ein Konglomerat von Ziegelfabriken. Was mittlerweile hinzu kommt, ist auch eine besondere Experimentierfreude im Umgang mit dem Material, interessanterweise gerade beim privaten Wohnhausbau. Das ist ganz sicher auch den Bauherren geschuldet, die bereit sind, daran mitzuwirken. Ich bin manchmal selbst erstaunt, was für gewöhnliche Menschen in teilweise hochgradig experimentellen Wohnhäusern in Flandern leben. Die Bauherren scheinen mir weitaus weniger ängstlich zu sein als in Deutschland. Das liegt aber auch daran, dass zwischen beiden Gruppen – wie übrigens in so vielen Bereichen in Belgien – oft über Jahrzehnte gewachsene Beziehungen bestehen.

Antwerpen verzeichnet in den letzten 15 Jahren eine Reihe von städtebaulichen Projekten, die sich vor allem um die Transformation der alten Hafengebiete an der Schelde drehen. Im Vergleich zu Rotterdam, aber auch der Hafencity in Hamburg wird der Bestand eher integriert, aber auch das Tempo des Umbaus ist ein anderes - Experten sprechen von „Slow Urbanism“. Warum laufen die Transformationsprozesse hier so anders ab?
Antwerpen ist Mitte der 1990er Jahre – ausgelöst durch den Ideenwettbewerb „Stad an de Stroom“ – sehr bewusst mit einer langfristigen Vision an den Start gegangen. Man hat daraufhin keine starren Flächennutzungs- und Masterpläne entwickelt, die nur noch auf die Ausführung warten. Stattdessen hat man bewusst eine offene Strukturplanung initiiert, die davon ausgeht, dass sich einige Komponenten des Gesamtbildes im Laufe der Zeit noch ändern können. Das hat sich in den letzten Jahren als ein sehr flexibles Planungsinstrument bewährt, mit dem man auf die Entwicklungsdynamik der Stadt sehr viel besser reagieren kann.

Speziell der Hafenumbau in Antwerpen wirkt sehr organisch gewachsen – kleinteilig, durchmischt in den Funktionen, vergleichsweise vielfältig in den Gebäudetypologien. Woran liegt das?
Ein wichtiger Grund dafür sind sicher die Finanzströme: Solch zentralisierte Investments wie in den Niederlanden gibt es in Belgien nicht. Entsprechend gibt es auch keine Großprojekte, wo großmaßstäbliche Bauten von einem Investor errichtet werden. Außerdem darf man auch nicht vergessen, dass die Antwerpener Transformationsgebiete aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts stammen und damals als Teil der Altstadt konzipiert wurden. Das bringt bis heute sehr viel kleinteiligere Grundstücksstrukturen mit sich, was fast immer auch zu kleinteiligeren Bauten führt. Allerdings geht es zunehmend auch in Antwerpen um eine großmaßstäblichere Planung: Je weiter man sich von der Stadt in Richtung des heutigen Hafens bewegt, desto größer werden auch die Parzellierungen und desto mehr stellt sich die Frage, in welchem Maßstab dort in Zukunft gebaut werden soll. Darüber nachzudenken, wie man auf neue Herausforderungen reagiert, ist aber auch ein wesentlicher Aspekt von Antwerpens Slow Urbanism.

Sie selbst sind ein ständiger Pendler zwischen Antwerpen, Amsterdam und Wuppertal. Glauben Sie, dass die Baukultur in Deutschland, speziell auch in NRW, etwas von der Architekturkultur Flanderns lernen kann?
Ich bin davon überzeugt, sonst würden meine Wanderungen zwischen Flandern und NRW wohl kaum Sinn machen (lacht). Flandern ist das beste Beispiel dafür, dass sich eine Architekturkultur bewusst in relativ kurzer Zeit aufbauen und institutionalisieren lässt. Ein Bundesland wie NRW mag dreimal so groß sein – aufgrund seiner dichten Besiedlungsstruktur, dezentralen Organisation und seiner verschiedenen regionalen Identitäten ist es mit den Herausforderungen in Flandern aber durchaus vergleichbar.  

Wo liegt denn Ihrer Ansicht nach der größte akute Handlungsbedarf in Deutschland?
Ansetzen muss man meiner Ansicht nach heute sehr grundsätzlich beim Selbstverständnis der Architekten. Diese Debatten um Baukunst, die gerade in NRW oft geführt werden, kann ich nicht so recht verstehen – die Ergebnisse wirken für mich immer sehr abstrakt. Ich sehe auch bei den Architekten, die sich dieses Etikett in Deutschland auf die Fahnen schreiben, oft wenig Freude am Experimentieren, Untersuchen, Ausprobieren und auch einfach nur Machen – ich bin wirklich erschrocken, wie wenig das Handwerk in Deutschland noch eine Rolle spielt. Warum das so ist, hat sicher vielerlei Gründe – nicht zuletzt ist gewiss auch die Architektenausbildung daran schuld. Woran es definitiv nicht liegt, ist aber die professionelle Verantwortung: Die Architekten in Flandern können genauso verklagt werden wie ihre deutschen Kollegen, wenn technisch etwas nicht funktioniert. Ich erkläre es mir vor allem damit, dass es eine fehlende gemeinsame Kultur gibt, über Architektur zu denken und darüber auch miteinander zu reden.

Reden die deutschen Architekten denn weniger miteinander als ihre flämischen Kollegen?
Der wenig ausgebildete Architekturdiskurs wird in Deutschland leider viel zu stark dominiert von ideologischen Grabenkämpfen zwischen konservativen Traditionalisten und progressiv Modernen. Diese ideologische Positionierung führt dazu, dass man sich hinter seinen einmal aufgebauten Schutzwällen einigelt, sich aber eben auch nicht weiter entwickelt. Man geht viel zu wenig aufeinander zu. Man arbeitet zu wenig mit den existierenden Morphologien und Gebäudetypologien in einer Weise, dass man sie tatsächlich weiter entwickelt und mit ihnen experimentiert. Dieses eher kontraproduktive deutsche Scheuklappendenken gibt es in Flandern so ganz bestimmt nicht!

Herr Professor Grafe, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Paul Andreas.

Christoph Grafe geb. 1964 in Bremen. Nach dem Architekturstudium an der Technischen... mehr

Christoph Grafe

geb. 1964 in Bremen. Nach dem Architekturstudium an der Technischen Universität Delft mehrere Jahre Tätigkeit als Architekt in Amsterdam. 1998 Masterstudium an der Architectural Association School of Architecture in London. 1999-2013 Associate Professor am Lehrstuhl Architectural Design and Interiors bei Prof. Tony Fretton an der Technischen Universität Delft. Gastprofessuren am Polytechnikum Mailand und an der Artesis Hogeschool Antwerpen. Seit 2010 Direktor des Flämischen Architekturinstituts, Antwerpen, seit 2013 Professor für Architekturgeschichte und -theorie an der Bergischen Universität Wuppertal. Christoph Grafe lebt in Amsterdam, Antwerpen und Wuppertal.