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Spiel der Linien und Wellen

Mit einfachen Mitteln viel erreicht: Umbau eines Kreuzberger Mietshauses

Ein Dachgeschoss brennt aus, bei den Löscharbeiten werden auch die übrigen Wohnungen stark... mehr

Ein Dachgeschoss brennt aus, bei den Löscharbeiten werden auch die übrigen Wohnungen stark beschädigt – ein Albtraum für Mieter und Hausbesitzer. Glück im Unglück hatte jedoch der Besitzer des gründerzeitlichen Gewerbehofes am Paul-Lincke-Ufer, da zur Zeit des Brandes im Vorderhaus das Berliner Büro Thomas Hillig Architekten schon an einem Umbaukonzept für die Hinterhäuser arbeitete. Deren bisher gewerblich genutzte Obergeschosse standen teilweise leer und sollten zu Wohnungen umgebaut und um ein Geschoss aufgestockt werden. Dieses Konzept wandten die Planer dann zunächst auf das Vorderhaus und dessen Seitenflügel an. In einer ersten Umbauphase gestalteten sie zwölf Wohnungen mit einer Wohnfläche von insgesamt 2.000 m² neu. Dabei legten sie Wohnungen zusammen, sanierten und modernisierten die Fassaden und Treppenhäuser, bauten einen neuen innenliegenden Aufzug ein und bereicherten die Kreuzberger Dachlandschaft um eine ungewöhnlich skulpturale Aufstockung.

Vor Ort fällt als erstes auf, wie zurückhaltend die Architekten die straßenseitige Fassade mit einer feinen, in den hellgrauen Putz eingeschriebenen Ornamentierung erneuerten. Damit entsprachen sie der bezirklichen Forderung, das Erscheinungsbild entsprechend dem tradierten Fassadencharakter der Kreuzberger Luisenstadt zu wahren. Um den Energiestandard wie gewünscht zu verbessern, brachten die Planer zunächst ein konventionelles Wärmedämmverbundsystem an der bestehenden Fassade an und konzentrierten sich anschließend bei der architektonischen Gestaltung auf dessen Oberfläche. Dafür ließen sie einen wenige Millimeter starken Glattputz auf die Wärmedämmung aufbringen. Im zweiten Arbeitsschritt wurde mithilfe von Klebe­streifen ein Wellen- bzw. Streifenmuster abgeklebt und anschließend das eigentliche Ornament mit einem acht Millimeter starken Spritzputz aufgetragen. Die horizontalen Kanneluren und die leicht aufschwingenden Wellen sind inspiriert vom Wasser des direkt vor dem Haus verlaufenden Landwehrkanals und von der horizontalen Lineatur von Notenblättern, und damit eine Anspielung auf den Berliner Operettenkomponisten Paul Lincke, nach dem die Uferstraße benannt ist. Weitergeführt haben die Architekten dieses Motiv auch bei den neu angebrachten, straßenseitigen Balkonen. Als Stahlkonstruktionen mit einem Boden aus unbehandelten Lärchenholzdielen ausgeführt, bestehen ihre Brüstungen aus teilweise verdrehten Stahlstäben, deren Anblick ebenfalls an Wellen denken lässt.

Auch die Wiederherstellung des Ziegeldaches auf der Straßenseite war eine der Auflagen des Bauamtes im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg für den Umbau im Erhaltungsgebiet. Seine konventionelle Erscheinung lässt noch nicht erahnen, dass auf seiner Hofseite eine überraschend modern anmutendende, linear gegliederte Außenhaut das Erscheinungsbild und den Rythmus des neuen Daches bestimmt.

Um zeitgenössische Wohnbedürfnisse erfüllen zu können, erweiterten die Planer im Bereich des Vorderhauses das bereits bestehende Dachgeschoss. Auf den Seitenflügeln entstand es komplett neu. Indem sie aus dem polygonalen Dachvolumen Terrassen herausschnitten und weitere Austritte mit den entsprechenden Brüstungen vor die Wohnungen setzten, schufen sie einen reizvoll skulptural wirkenden, neuen Baukörper. Zusammengefasst werden alle vertikalen und schrägen Wand- und Dachflächen oberhalb des Gesimsbandes durch die samtgraue Außenhaut aus horizontal angeordneten Zinkblechen. Dominieren sonst eher vertikale Stehfalze bei Dacheindeckungen aus Zinkblech, entschieden sich die Architekten hier, die Bleche mit horizontalen Winkelfalzen zu verbinden und damit erneut an das Motiv der Straßenfassade anzuknüpfen.

Selbst im Treppenhaus variierten und abstrahierten die Architekten das filigrane Wellenmotiv. So verkleideten sie den Eingangsbereich mit lackierten MDF-Platten, in die sie per CNC die horizontale Linienstruktur einfräsen ließen. Hielten sich die Planer bei der Straßenfassade mit der Farbgestaltung bewusst zurück, so wählten sie im Erdgeschoss für den Durchgang zum Aufzug ein kräftiges Rot, um den schmalen, neu geschaffenen Zugang zu akzentuieren. Im Zuge des Umbaus legten die Planer die beiden kleineren der ursprünglich drei Wohnungen pro Geschoss so zusammen, dass zwei gleich große Einheiten entstanden. Dabei ist bemerkenswert, dass gegen den Trend zur Umwandlung in Eigentumswohnungen hier die Wohnungen als Mietobjekte erhalten wurden. Teilweise zogen sogar die alten Mieter wieder ein.

Im Inneren passten die Architekten die Raumstrukturen an die Ansprüche des heutigen Wohnens an – Öffnungen wurden vergrößert, Räume verbunden, die Belichtung optimiert. Um verschiedenen Wohnvorstellungen gerecht werden zu können, besitzt jeweils eine Wohnung pro Etage einen Grundriss mit offenen, fließenden Räumen und die andere einen mit klar definierten, voneinander abgegrenzten Zimmern. Im Inneren knüpften Bauherr und Architekten bewusst an Atmosphäre und Ausstattung des gründerzeitliche Mietshauses an. Alle umgebauten Wohnungen stattete man mit Eichenparkett und Messingsbeschlägen aus, eine dezente Hohlkehle trat an Stelle der historischen Stuckleisten, die Profiltüren, ließ man nach alten Vorbildern neu anfertigen. Auch im Bad setzten die Planer dieses Prinzip fort. So erinnern weiße und grüne Wandfliesen mit ihrem Craquelémuster und der glasierten Kante an die historischen Wandverkleidungen der New Yorker Metro.

Die attraktivsten Wohnungen des Hauses sind sicherlich die beiden 160 m² großen Maisonette-Dachgeschosswohnungen, die über ihre Austritte, Balkone und Terrassen in Sichtbeziehung zueinander stehen. Luftig und gut geschnitten sind ihre Räume, weit reicht der Blick über die Dächer von Kreuzberg, und an den lauen Sommerabenden muss man nur noch entscheiden, ob man seinen Sundowner auf dem Sofa oder draußen auf der Dachterrasse nimmt.

www.hillig-architekten.de

Architekten: Hillig Architekten www.hillig-architekten.de Fotos: Thomas Hillig... mehr

Architekten:

Hillig Architekten
www.hillig-architekten.de

Fotos:

Thomas Hillig

Stahlbau Balkone:

Timmler Stahlbau

Fassade Dachgeschoss /
Zinkblecharbeiten:

Roland Flachdachbau F. Waldmann
www.roland-flachdachbau.de

Tischlerarbeiten Treppen, Wandverkleidungen:

Holz & Raum Berlin
www.holz-raum.de

Malerarbeiten (innen):

Berlin-Color M. Meyer Malerbetrieb
www.berlin-color.de

Küchen:

Nötzel Einrichtungskopnzepte
www.noetzel.de

Fliesen:

Fliesen & Kaminbau
www.schmidt-glindow.de

Parkett:

IB Fußbodentechnik Berman
www.ib-fussbodentechnik.de