Ein Tempel für Berlin

Das Reethaus in der Rummelsburger Bucht – sakral und profan zugleich

So ein Bauwerk würde man in der industriell geprägten Region an der Rummelsburger Bucht nicht vermuten. Der neue Flussbad-Campus beginnt sich zum Kultort zu entwickeln, besonders seit dort ein unter einem Reetdach verstecktes Gebäude – das „Reethaus“ – am Wasser steht. Es besitzt eine Dachform, die man in Schleswig Holstein, aber nicht in Berlin vermuten würde. Das Reethaus entwickelt sich rund um einen zentralen Veranstaltungsraum, der zwar „Ritualraum“ genannt wird, in dem aber durchaus weltliche Veranstaltungen wie musikalische Darbietungen oder Performances stattfinden. Erdacht und entworfen wurde der untypische Berliner Neubau von der Tiroler Architektin Monika Gogl, die für dieses Gebäude und vor allem für den Innenraum den begehrten „Ahead Europe Award“ erhielt. Wie kommt man auf so einen kühnen Entwurf und zu dem Mut, ihn für Berlin zu entwickeln? Monika Gogl wuchs in den Tiroler Bergen auf, und wenn Sie ab und zu ihre Großeltern in Bad Gastein besuchte, empfand sie tiefe Bewunderung für das dortige Bergbad des Architekten Gerhard Gerstenauer. Dadurch, schildert sie, habe sie früh die Verbundenheit von Natur und Architektur gespürt und sie fühle sich bis heute dieser reziproken Spannung verbunden. Die bevorzugten Baustoffe Gogls sind naturnahe Materialien wie Beton, Holz, Stein und eben auch Schilf wie hier. Monika Gogl hat es tatsächlich geschafft, den letzten in Berlin lebenden Handwerker zu finden, der diese Technik noch beherrscht. Trotz des geschlossenen Äusseren, das einer Pyramide mit gekappter Spitze gleicht, ist das Reethaus eine offene Institution. Vom Eingang, einer sanft ansteigenden Rampe, gelangt man zunächst in ein Foyer, das den im Zentrum liegenden „Ritualraum“ umgibt und sich im Südwesten zu einer Terrasse öffnet. An den Seiten liegen Arbeits- und Besprechungsräume und im hinteren Bereich sind die Nutzräume –Küche, Büros sowie Sanitärräume untergebracht. Zum Wasser hin gibt es einen Innenhof, einen Lichthof und eine Lounge zum Verweilen. Das Haus wirkt wie ein spiritueller Meditationsort. Durch das aus Stroh gefertigte Dach entsteht der Eindruck von Abgeschiedenheit und Stille, daher nennt die Architektin es einen modernen Tempel. Monika Gogl hat ein breites Spektrum an Genres vorzuweisen, das Reethaus ist jedoch unter ihren Wohnhäusern, Retails, Hotels und Bars, Gewerbe & Industriebauten ein ganz besonderer Bau. Das Schaffen der Architektin steht für ungewöhnliche Entwürfe – wie im Fall des Reethauses, diesem sympathischen „Alien“ im Berliner Häuserwald.

www.gogl-architekten.at

Fotos:

David Kratzer
José Cuevas

(Erschienen in CUBE Berlin 01|24)

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