Haltung & Ordnung
Medizinisches Forschungszentrum schafft Strukturen, die sich an Prozesse der Nutzenden anpassen
Moderne Labor- und Forschungsflächen sind im Rhein-Main-Gebiet stark nachgefragt. Im Wiesbadener Stadtteil Delkenheim entstand deshalb ein Gebäude mit flexiblen Grundrissen, hochwertiger Ausstattung und nachhaltigem Gebäudekonzept. Das von grabowski.spork für die Fyra Immobilienverwaltung geplante medizinische Forschungszentrum zeigt bereits aus der Distanz die ruhige Ordnung der Anlage. Zwei- und dreigeschossige Riegel verzahnen sich wie ein Reißverschluss und bilden so eine Doppelkammstruktur mit begrünten Höfen. Die Fassaden bleiben bewusst zurückhaltend: Helle Feinputzflächen, gestrahlte weiße Betonbauteile und raumhohe Fenster mit fein abgestimmten Farben prägen das Erscheinungsbild. Der Zugang erfolgt über einen Vorplatz direkt in das Foyer. Tageslicht fällt tief in den Raum, spiegelt sich auf Natursteinböden und ruhigen Putzflächen. Eine Lounge markiert den Übergang zwischen Ankommen und Arbeiten. Von hier aus erschließt eine klare Magistrale die Mietbereiche und Servicezonen. Der zweigeschossige Konferenzbereich liegt in unmittelbarer Nähe: ein Ort für Austausch, Vorträge und Begegnungen, ergänzt durch teilbare Räume und eine Terrasse ins Freie. Die Flächen dahinter bleiben bewusst flexibel konzipiert. Ab 500 m² lassen sich Einheiten realisieren – für klassische Büroarbeit ebenso wie für Forschung und Laborarbeiten der Sicherheitsstufen S1 und S2. Forschende, Start-ups und technologieorientierte Unternehmen finden hier eine Infrastruktur, die sich an ihre Prozesse anpasst, nicht umgekehrt. Ergänzt wird das Raumprogramm durch ein Boardinghaus im Obergeschoss des abschließenden Riegels, das kurze Wege für Gastwissenschaftler:innen und Proband:innen schafft. Zwischen den Riegeln öffnen sich begrünte Höfe, die als Pausenräume, Orte für informelle Gespräche, kurze Denkpausen im Freien oder Arbeiten unter freiem Himmel dienen. Auch die Dachflächen werden als Terrassen genutzt und geben den Blick über das Grundstück und darüber hinaus frei. So entsteht ein Gefüge aus Innen und Außen, das Bewegung zulässt und zugleich Rückzug ermöglicht.
Konstruktiv folgt das Gebäude einer klaren Haltung: Das monolithische Mauerwerk aus bis zu 42,5 cm starken Poroton-Ziegeln kommt ohne zusätzliche Dämmung aus und ist innen wie außen mineralisch verputzt. Die Architekt:innen reduzierten die Technik, wo sie nicht zwingend nötig war und setzten stattdessen auf einfache Prinzipien und langlebige Materialien. Weniger Beton, gezielt eingesetzt für Decken und aussteifende Bauteile, senkt den CO₂-Footprint des Gebäudes. Gleichzeitig sorgt die massive Bauweise für ein ausgeglichenes Raumklima. Auch die Haustechnik ordnet sich diesem Ansatz unter. Geothermie, Wärmepumpe und ein aktivierter Fußboden übernehmen Heizen und Kühlen. Eine Photovoltaikanlage versorgt das Gebäude mit Strom, Regenwasser wird gesammelt und zur Bewässerung der Grünflächen genutzt. Bodentiefe, öffenbare Fenster ermöglichen natürliche Lüftung und individuelle Kontrolle.
Fotos:
Jean-Luc Valentin
www.foto-valentin.de
(Erschienen in CUBE Frankfurt 02|26)