Ein Dorf in der Stadt

Der Kopf des Sülzquartiers besticht durch die ungewohnte Vielfalt von Wohnformen und Nutzungen

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1913 begannen die Planungen für ein Kinderheim nach Planungen des Bauinspektors Bernhard Klewitz auf einer Freifläche von 4 ha außerhalb des Stadtgebietes in Sülz. Um die im März 1923 geweihte, neobarocke Waisenhauskirche entstand das größte Kinderheim Europas mit zeitweilig bis zu 1.200 Bewohnern. Von der im 2. Weltkrieg nahezu vollständig zerstörten Anlage, die neben den Unterkünften, eine Schule mit Turn- und Schwimmhalle sowie ein kleines Krankenhaus umfasste, blieben nur der eigentliche Kirchturm ohne Apsiden und einige wenige Nebengebäude erhalten. Die symmetrisch auf die Kirche bezogene Anlage wurde in den Wiederaufbaujahren funktional wiedererrichtet. Die Planung für die neue Kirche „Zur heiligen Familie“ begann 1955 noch unter Leitung von Dominikus Böhm. Als dieser im August 1955 verstarb, übernahm sein Sohn, der damals 35 Jahre junge Gottfried Böhm, die Planung. Die Aufgabenstellung lautete: „Eine Kirche für Kinder mit viel Licht und frohmachenden Symbolen“.

Mit der Auflösung des Kinderheims und dessen Überführung in eine dezentrale Betreuungsstruktur wurde das Gelände ab 2010 zu einem autofreien Wohnquartier transformiert. Als einziger Rest der Anlage wurde das denkmalgeschützte Ensemble der Kirche mit den beiden äußeren zum Sülzgürtel hin orientierten Blöcken von der Wohnungsgenossenschaft Köln-Sülz eG als Kern des neuen Wohnprojektes „anton + elisabeth Genossenschaft leben in Sülz“ erworben. Den dazu ausgelobten Architekturwettbewerb gewann 2014 das Kölner Büro Nebel Pössl Architekten. Die ergänzende fünfgeschossige Bebauung bildet nun das neue Gesicht und Gravitätszentrum des Quartiers. Mit ihren hellen Ziegelfassaden wird die Körperlichkeit der Gebäude betont. Vertikal streng und horizontal frei gegliederte Öffnungen bringen die Lebendigkeit der Nutzungsvielfalt bei gleichzeitiger Einheitlichkeit zum Ausdruck. Über 140 Wohneinheiten – darunter altersgerechte Wohnungen, Kleinwohnungen, Studentenapartments, Familienwohnungen und Gruppenwohnungen für Senioren sowie Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung – werden in allen Gebäudeteilen vermischt, sodass „altersgerechtes Wohnen“ und „junges Wohnen“ vom Miteinander profitieren. Insbesondere auch die Altbauten boten dabei eine wertvolle Ressource für Wohngruppen und Studentenwohnungen. Eine klare Zonierung von privat und öffentlich orientiert die Balkons und Terrassen überwiegend in den Innenbereich des Blockes. Aber nicht nur die mit Gemeinschafträumen ausgestatteten genossenschaftlichen Gebäude, sondern auch die unmittelbar erreichbare, neu errichtete Infrastruktur steigern die Identifikation der Bewohner mit ihrem Viertel: Ein Nahversorger, Arztpraxen, eine Tagespflegeeinrichtung, physio- und psychotherapeutische Praxen, eine Kindertagesstätte, ein Restaurant und ein Bistro erzeugen zusammen mit Büronutzungen und einer in der Kirche integrierten Versammlungsstätte eine bei Neubauquartieren selten erlebbare urbane Durchmischung. Es entsteht so ein praktisches und ökologisch bewusstes Quartier der kurzen Wege. Das Konzept der Kirchenumnutzung zu einem Kulturraum im 1. Obergeschoss und der Geschäftsstelle der Genossenschaft im Erdgeschoss wurde im Dialog mit dem Urheber Gottfried Böhm entwickelt und mit der unteren Denkmalpflege und dem Erzbistum abgestimmt. Der einst aus Schüttbeton, mit einer Beimischung aus rotem Trümmer-Ziegelmehl errichtete Kirchenraum wurde profaniert. Von der aus statischen Gründen notwendigen Erneuerung der Brücken zu den Flügelbauten konnten Böhm und die Denkmalpflege überzeugt werden. Die neuen Brücken, ausgeführt als Stahltragwerk mit einer mehrschichtigen Haut aus Glas und perforierten Aluminiumverbundplatten, zitieren äußerlich die brutalistischen Röhren, bieten jedoch nun von innen den beeindruckenden Ausblick auf die Kirche und den Platz.

www.nebelpoessl.de

Fotos:

HG Esch
www.hgesch.de

(Erschienen in CUBE Köln Bonn 02|21)

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