Die Schönheit des Backsteins
Materialität, Formensprache und gestalterische Poesie prägen dieses Wohnhaus
Das von BCT Architekt geplante Mehrfamilienhaus reagiert auf die suburbane Nachverdichtung in Seevetal mit einer respektvollen städtebaulichen Setzung. Wo zuvor kleinteilige Bebauung auf großzügigen Grundstücken das Bild prägte, nutzt dieser Neubau mit 21 Wohneinheiten die Fläche jetzt effizient. Das Haus umschließt eine alte Eiche, die als identitätsstiftender Bezugspunkt dient. Architektur erscheint hier nicht als Fremdkörper, sondern als qualitative Weiterentwicklung des Ortes, die den Maßstab der Nachbarschaft wahrt und modern interpretiert.
Der Entwurf von Babis C. Tekeoglou folgt dem Prinzip der Subtraktion: Der Baukörper wird als Monolith begriffen, aus dem gezielt Öffnungen, Rücksprünge und schräge Laibungen herausgearbeitet wurden. Prägendes Element ist die neun Meter hohe Lochfassade im Eingangsbereich, der hier nicht wie so oft auf seine Funktionalität reduziert, sondern atmosphärisch inszeniert wird. An der Schwelle zum Innenraum moduliert die perforierte Klinkerwand das Licht und erzeugt im Inneren kinetisch anmutende Schattenspiele, die das Entrée im Tagesverlauf immer wieder neu definieren. DerWasserstrichziegel verleiht dem Baukörper Tiefe: Im klassischen Läuferverband ausgeführt, wurde jeder Stein in der Werkplanung einzeln verortet, um komplexe Anschlüsse ohne Kompromisse zu ermöglichen. Die helle Farbigkeit des Ziegels verleiht dem Gebäude eine nahezu schimmernde Aura. Die sandfarbene Fuge fasst die Fassade zu einem homogenen Ganzen, das mit der Umgebung verschmilzt. Das zweischalige Mauerwerk steht für Dauerhaftigkeit, Wartungsarmut und eine Ästhetik, die durch natürliche Patina gewinnt. Im Inneren schaffen fließende Grundrisse und gezielt gesetzte Sichtachsen Weite.
Jede Wohneinheit korrespondiert über Balkone oder Terrassen mit dem Außenraum. Filigrane Geländer mit Lochblechstruktur wahren die Privatsphäre der Bewohner:innen und verleihen zusätzlich eine gestalterische Leichtigkeit. Abgestufte Pflanzkübel aus Lärchenholz strukturieren auf den Dachterrassen den Raum. Als „vertikale Gärten“ fungieren sie zugleich als grüne Pufferzonen, fördern die Biodiversität und bilden eine weiche, begrünte Kante zum Außenraum. Die Verbindung von Materialität, Formensprache und einer bis auf den einzelnen Stein durchgearbeiteten Planungstiefe verankert sich das Projekt in der zeitgenössischen Backsteinarchitektur.
Fotos:
Hannes Heitmüller
www.hannesheitmueller.de
(Erschienen in CUBE Hamburg 02|26)