Ausbalanciert
Umnutzung eines ehemaligen Hochschulgebäudes zu einem Bürositz mit markantem Neubau
Am ehemaligen Standort der Hochschule für Kommunikation und Gestaltung entstand mit dem Campus Schneider Geiwitz im Ulmer Gleisdreieck ein Bürositz, der gewachsene Bausubstanz in eine zeitgemäße Architektursprache übersetzt und für eine neue Nutzungskultur weiterentwickelt. Ausgehend von der markanten Hochschulpositionierung, die Infrastruktur, Landschaft und Stadtkante verbindet, ergänzt ein turmhoher Neubau von Nething Architekten die brachliegende Nachbarfläche. Die Baukörper wenden sich einander zu, rahmen einen Platz und verankern das Ensemble neu in der urbanen Topografie.
Die Geschichte des Projekts beginnt mit dem Ort selbst: Die Hochschule lag eingebettet im Gelände, offene Treppen verbanden sie mit dem Radweg zu einem halböffentlichen Campus. Die Herausforderung bestand darin, Diskretion, Repräsentation und Effizienz einer modernen, international tätigen Kanzlei zu erfüllen und zugleich den offenen Campus-Charakter zu bewahren. Anstatt den Bestand zu imitieren, entwarfen die Architekten einen versetzt angeordneten, sechsgeschossigen Neubau, der horizontale Bestandsstrukturen vertikal beantwortet. Die Fassade des Bestands mit weißen Mosaikfliesen verwies auf ein digitales Raster und zitiert noch heute die Kommunikationskultur des Ortes. Der Neubau erhielt eine robuste und dauerhafte Fassade aus Glasfaserbeton, die je nach Licht Erscheinung und Atmosphäre verändert. Das Gebäude markiert einen bewusst gesetzten Hochpunkt, der Ulms Sichtbeziehungen neu akzentuiert. Durch die versetzte Anordnung entsteht ein halböffentlicher Platz, der Abgeschlossenheit von Kanzleibauten entgegenwirkt. Wege und Freiflächen führen bis an die Gebäudekanten und öffnen das Ensemble für Spaziergänger:innen. Ein öffentlich zugängliches Restaurant und ein Fitnessstudio laden ein, das neue Stadtzeichen zu entdecken.
Das ehemalige Hochschulgebäude zu einer Bürowelt umzunutzen, war eine große Herausforderung. Nething entwickelten hierfür ein differenziertes Raumkonzept: Einzelarbeitsplätze entlang der Fassade für Tageslicht und Ausblick, innenliegende Zonen für Besprechungen, Technik oder Think Tanks. Unterschiedliche Fensterachsen führen zu variierenden Raumgrößen, was flexible Nutzungen ermöglicht. Die Vielfalt der Räume bietet Optionen für Arbeitsbereiche, Begegnung und Erholung. Im Bestand blieben rohe Sichtbetonflächen erhalten, ergänzt durch eine fein abgestimmte Material- und Farbwelt. Möbel und Glasprofile in Mattschwarz betonen Klarheit, während Rückzugs- und Aufenthaltsräume mit farbintensiven, hochflorigen Teppichen eine wohnliche Wärme ausstrahlen. Ein bei Bauarbeiten entdeckter, historischer Horchtunnel verbindet mit einem Ausstellungsraum im Campus drei Zeitschichten – Gegenwart, Hochschulbau der 2000er und Stadtgeschichte. Ein Erdsonden-/Wärmepumpensystem, Photovoltaik auf allen Dächern und Fernwärme als Bypass stellen eine nahezu CO₂-neutrale Versorgung sicher.
Fotos:
Matthias Schmiedel
www.matthiasschmiedel.de
Nikolay Kazakov
www.kazakov.de
(Erschienen in CUBE Stuttgart 01|26)
