Mit Zacken und Zylinder
Öfter mal was Neues – ein Mehrgenerationenhaus der anderen Art
Es ist keine leichte Aufgabe, einen Neubau in der gewachsenen Villenkolonie am Schlachtensee zu planen. Zumal, wenn dafür ein als historisches Kulturgut geltender Vorgängerbau weichen muss. Zwangsläufig wird das neue Haus besonders kritisch beäugt. Dieses Schicksal widerfuhr dem Mehrgenerationenhaus der Berliner Architekten Augustin und Frank/Winkler. Das strahlend weiße Sichtbetongebäude steht, etwas zurückversetzt von der Straße, in der Nähe des Sees. Auf einem knappen Grundstück entstand ein Haus mit einem kleinen Fußabdruck: Nur 13,5 mal 13,5 Meter misst die Grundfläche.
Ziel der Architekten war es, möglichst ungeteilte, nutzungsneutrale Räume auf den vier verschiedenen Ebenen der vergleichsweise kleinen Fläche unterzubringen. Erdgeschoss und Dachgeschoss sind keine Vollgeschosse, Ebene 2 und 3 jedoch schon. Diese beiden Wohngeschosse sind durch eine interne Treppe verbunden und stellen die übliche Raumfunktion sozusagen auf den Kopf: Oben wird gekocht, gegessen und gewohnt und unten befinden sich die Schlaf- und Sanitärräume. Das Gebäude wird von einem gefalteten Dachgeschoss gekrönt: Zwei asymmetrische Giebel greifen sowohl die Satteldächer der umgebenden Häuser auf als auch eine ausgefallene Idee für das oberste Geschoss eines Wohnhauses.
Auf der dem See zugewandten Südseite verläuft dort eine Dachterrasse über die gesamte Hausbreite. Ein weiteres extravagantes Detail ist eine nach außen verlagerte, in einen Zylinder gehüllte Treppe. Sie verläuft innerhalb des Hauses bis zum 1. Obergeschoss und setzt sich ab dem 2. Obergeschoss als außenliegende Fluchttreppe fort, sodass alle Bewohner:innen aufs Dach gelangen können, ohne das Schlafgeschoss zu queren. Es wurde großer Wert auf offene Grundrisse gelegt, um flexible Nutzungen und spätere Anpassungen zu ermöglichen. Die Statik übernimmt die Außenwand aus Ortbeton mit recycelten Zuschlägen, ausgeführt als doppelte Wand mit dazwischenliegender Dämmung aus Glasschaum. Die Fassade wird in regelmäßigen Abständen von, auch über Eck gehenden, Fensterbändern gegliedert. Tiefe Einschnitte und bündige Fenster im Wechsel sorgen für ein lichtdurchflutetes Inneres. Imposant und virtuos behauptet sich das Haus in seiner Nachbarschaft.
Fotos:
Andrew Alberts
www.andrewalberts.de
(Erschienen in CUBE Berlin 01|26)