Im Lauf der Zeit
Modernes Bürohaus ersetzt Wohngebäude aus den Fünfziger Jahren
Mitten im Geschehen – zumindest während der „5. Jahreszeit“ – steht ein neues Bürogebäude nahe der Theresienwiese. Der Standort blickt auf eine längere Geschichte zurück: In den frühen 1950er-Jahren entstand hier ein Wohnhaus des Architekten Ernst Barth. Bis vor wenigen Jahren bewährte es sich als Hostel mit Café im Erdgeschoss und war bei Backpackern aus aller Welt beliebt. Typisch für die Nachkriegsmoderne in München, fügte sich das Haus städtebaulich in das Ensemble zwischen Goetheplatz und Theresienwiese ein. Geblieben ist die prominente Nachbarschaft: Das Kinogebäude „Royal“, das Sep Ruf und Hein Goldstein 1954 entworfen hatten, und das schräg gegenüberliegende Eckgebäude von Robert Vorhoelzer, Walther Schmidt und Franz Holzhammer im Stil der Neuen Sachlichkeit – heute noch als Postamt und Wohnhaus genutzt. Hostel und Café wichen. Der Abriss löste in der lokalen Architekturszene und bei Anwohnenden Diskussionen aus, galt das Bauwerk doch als Teil des städtebaulichen Erbes.
Das neue viergeschossige Bürogebäude entwarfen Oliv Architekten aus München. Als Ausdruck der Erdgeschosstransparenz ist die Sockelzone mit großen repräsentativen Fenstern versehen und aufwertend mit Naturstein verkleidet, wie auch die Faschen der übrigen Stockwerke. Vom 1. bis zum 3. Obergeschoss zeigt sich die Fassade mit Kammputz, das vierte abschließende Geschoss mit Glattputz. Ein mit Gauben durchsetztes Walmdach bildet das oberste Geschoss. Der Zugang befindet sich auf der Ostseite; ein Erker mit abschließendem Balkon im vierten Stock lockert die Südseite auf. Regelmäßige Fensterbänder strukturieren die Fassade, die auf der Rückseite als Avantcorps ausgebildet ist. Das Gebäude wird durch eine offen geführte Treppe und einen doppelten Personenaufzug erschlossen. Im Erdgeschoss befinden sich unterschiedlich große Büroräume. In den oberen Geschossen können die Grundrisse je nach Bedarf variieren – vom Einzel- bis zum Großraumbüro – was der Großkanzlei, die das gesamte Gebäude gemietet hat, die Möglichkeit eröffnet, die Flächen bedarfsgerecht zu konfigurieren. Im vierten Obergeschoss ergänzt eine großzügige Gemeinschaftsküche mit hochwertiger Ausstattung die Teeküchen auf jeder Etage.
Bei den Materialien dominieren langlebige, zurückhaltend gestaltete Oberflächen: Mineralischer Werkstein in den Küchen sowie Holz-Aluminium-Fensterelemente mit tiefen Laibungen prägen das Interior. Balkone auf allen Etagen sowie zwei Dachterrassen im obersten Geschoss erweitern die Büroräume nach außen. Ein begehbarer Garten auf der Rückseite des Gebäudes, gestaltet von kübertlandschaftsarchitektur, bietet den Mitarbeitenden einen grünen Ruheraum. Den Architekten gelang es, das Gebäude in seiner zurückhaltenden, eleganten Erscheinungsform stimmig in das gewachsene Ensemble einzufügen.
Fotos:
Philipp Klak
www.philippklak.com
(Erschienen in CUBE München 04|25)