Avantgarde auf dem Land
Extravagantes Wohnhaus und Landwirtschaftsgebäude bilden ein Ensemble im Grünen
Ein Anwesen, das Staunen hervorruft: Auf einem 6,5 Hektar großen Wiesengrundstück in der Nähe von Vilshofen entstand ein Einfamilienhaus mit Pool, landwirtschaftlichen Nutzbauten und Garagen. Zum Betrieb gehört zudem ein Rotwildgehege am Waldrand mit Naturteich, das vom Wohnhaus aus einsehbar ist. Der Entwurf stammt von Helgamaria Zeilberger und ihrem Büro, das inzwischen unter Zeilberger + Hartl Architekten mit Sitz in Passau-Salzweg firmiert. Das Ergebnis zeugt von großem gestalterischen Anspruch – sowohl außen als auch innen –, getragen vom Mut der Bauherren, diesen Weg mitzugehen.
Der ursprüngliche Plan sah vor, lediglich ein robustes landwirtschaftliches Gebäude zu errichten, das Fahrzeuge und Geräte zur Pflege des Rotwilds beherbergen sollte. Dieser wurde aber später erweitert. Entsprechend entstand zunächst ein doppelgeschossiger massiver Nutzbau mit Platz für Geräte, Technikräume und landwirtschaftliche Fahrzeuge sowie drei weiteren Garagen für die privaten Fahrzeuge der Bauherren und der Mitarbeitenden. Im Verlauf der Planung führte der Wunsch, auch das private Wohnen der Bauherren in das Projekt mit einzubeziehen, zu einem räumlich zusammenhängenden Ensemble aus gewerblichen und privaten Nutzungen. Die Architektin entwarf hierfür eine abstrakte S-Form. Der Wohnbereich präsentiert sich als Hybridbau: Ein massives Sockelgeschoss aus Mauerwerk trägt ein aufgesetztes Holzobergeschoss. Auf dem rechteckigen Sockel sitzt ein Holzbau, der als längliches Wohnhaus mit flachem Satteldach ausgebildet ist und dessen Längsseite deutlich auskragt. Dieses Obergeschoss wurde aus BBS-Fertigteilelementen gefertigt – sie bestehen aus mehreren kreuzweise verleimten Holzlagen, die montagefertig zur Baustelle geliefert wurden. Die Wand- und Dachbekleidung wurde mit Kerlite-Platten im Format 3 mal 1 Meter verkleidet. Die ultradünnen, großformatigen Feinsteinzeugplatten mit rückseitiger Glasfaserverstärkung sind trotz ihrer geringen Stärke sehr widerstandsfähig. Das aus diesen beiden inhomogenen Teilen bestehende Wohnhaus ist mit seinen Wohn- und Sanitärräumen zum südlich gelegenen Pool ausgerichtet. Der Intention von Bauherr und Architektin entsprechend spielt Glas im Innern eine zentrale Rolle. Vor dem Essbereich öffnen großformatige Verglasungen von bis zu 4,5 mal 2,8 Metern den Blick nach außen. Im Obergeschoss begleitet eine Dachverglasung den Treppenverlauf sowie festinstallierte Glasscheiben entlang des sogenannten „Catwalks“ im Erdgeschoss, eines längs durch das Haus geführten Gangs. Während das Erdgeschoss dem täglichen Leben der Familie vorbehalten ist, befinden sich Schlafräume und Bäder im Obergeschoss. Auf 320 m² prägen individuell entworfene Möbelstücke die Innenräume, darunter eine schwebend wirkende Sitzbank und ein Tisch mit überraschend vielen Beinen. Ein markantes Highlight im Erdgeschoss ist ein 13 Meter langes Bibliotheksmöbel mit integrierten LED-Lichtlinien, das die Blicke auf sich zieht. Der erwähnte „Catwalk“-Gang mit Natursteinbelag verläuft längs zur Bibliothek und wird von einem Glasdach beschirmt. Durch den gesamten Schlaftrakt zieht sich, die Fensterbank flankierend, ein langer Waschtisch. Gegenüber liegt das goldfarben geflieste Dampfbad. Der gesamte Wohnbereich zielt weniger auf Luxus ab, sondern setzt auf geschmackvoll arrangierte, praktische und innovative Ideen für eine Innenraumgestaltung.
Wohnfläche: 320 m²
Grundstücksgröße: 6,5 ha
Bauzeit: 1,5 Jahre
Bauweise:
Erdgeschoss: Massivbauweise
Obergeschoss: Holz-Massivbau
Heizung: Hackschnitzelheizung
Fotos:
Erich Spahn
www.erich-spahn.de
(Erschienen in CUBE München 02|26)



