Vergangenheit und Zukunft
Mit Mut und Zuversicht wurde hier etwas Außergewöhnliches geschafft
Direkt am Jenischpark liegt ein rund 5.000 m² großes Grundstück, das seit acht Generationen in Familienbesitz ist. Als Hofstelle erscheint es auf historischen Plänen neben dem Mustergut der „ornamented farm“ des Barons Caspar Voght verzeichnet. Dieser verband seit 1785 landwirtschaftliche Nutzung mit sozialreformerischen Ideen und einzigartig gestalteten Parklandschaften in den Elbvororten, die bis heute zu den schönsten und größten in ganz Europa gehören. Auf dem Areal dieser Hofstelle befinden sich drei denkmalgeschützte Gebäude, zwei davon sind reetgedeckte Fachwerkhäuser. Das Wohnwirtschaftsgebäude entstand 1814, das sogenannte Altenteilerhaus 1898; beide werden bis heute von Mitgliedern der Familie bewohnt. Die bereits vor 1810 erbaute Scheune lag brach und war in einem schlechten Zustand. Da die wachsende Familie weiter generationsübergreifend auf dem historischen Grund zusammenleben wollte, entstand die Idee, die Scheune neu zu beleben und zu erweitern. Auf Empfehlung wurde das Architekturbüro acollage hiermit beauftragt.
Das Grundstück liegt planungsrechtlich in einem Außenbereich; Bauvorhaben sind dort nur in Ausnahmefällen und nur zum Zweck einer landwirtschaftlichen Nutzung zulässig. Durch die Erarbeitung eines detaillierten Erhaltungskonzepts und die intensive Abstimmung mit dem Denkmalschutzamt sowie dem Bezirk Altona konnte eine Ausnahme – und damit die Baugenehmigung – erreicht werden. Die zur Unterbringung von Nutztieren und der Ernte erbaute Scheune bestimmt die dreiteilige Grundrissstruktur des Neubaus. Durch eine gläserne Fuge getrennt, lässt er sich als profilgetreue und in kubische Formen aufgelöste Fortsetzung des Bestands lesen. Im Gegensatz zum historischen Gebäude mit dem tief nach unten gezogenen Reetdach und dem Fachwerk aus roten Steinen, präsentiert sich der kubische Erweiterungsbau mit einer vollständig ornamentfreien, dunklen Fassade, die die dahinter liegenden Funktionen eher verdeckt als offenbart. Die Scheune und ihr Ergänzungsbau bieten Platz für die fünfköpfige Familie. Beide Gebäudeteile sind so organisiert, dass sie auch unabhängig voneinander bewohnt werden könnten. Von der mittig gelegenen, großzügigen Diele in der Scheune führt der gläserne Verbindungstrakt zum Neubau mit offenem Grundriss. Großzügige Verglasungen nach Süden schaffen eine direkte Verbindung zwischen Innenraum und Garten. Eine besondere Herausforderung war die ausreichende Belichtung der Scheune, die außer dem großen, dreiteiligen Scheunentor keine Fenster aufwies. Mittels Tageslichtsimulation und in Absprache mit dem Denkmalschutzamt entstanden neue Fensteröffnungen und Firstoberlichter, die nicht nur eine ausreichende, sondern auch eine spannungsvolle Lichtführung garantieren. Der Eigentümerfamilie und dem Architekten Gerald Kappelmann ist es gelungen, den historischen Ort in die Zukunft zu überführen.
Wohnfläche: 305 m²
Grundstücksanteil: 1.375 m²
Bauzeit: 2021–2023
Bauweise: Massivbauweise
Energiekonzept: Wärmepumpe
Fotos:
Jakob Börner
www.jakobboerner.com
(Erschienn in CUBE Hamburg 01|26)