Moderne Metamorphose
Einstiges Pfarrhaus im Bonner Stadtbezirk Bad Godesberg wird zur Wohnoase für zwei Parteien
Die Dorfkirche Alt-Sankt Martin in Muffendorf, einem Ortsteil von Bad Godesberg, geht bis auf das Jahr 1100 zurück. Ganz so alt ist das benachbarte ehemalige Pfarrhaus nicht: Zwischen Kirche, Friedhof und dörflicher Siedlungsstruktur vermittelnd, wurde die zweigiebelige Anlage mit zentralem Torbau und weitläufigem Garten in den Jahren zwischen 1680 und 1721 errichtet. Das Bonner Architekturbüro 5BWS hat das denkmalgeschützte, aber lange vernachlässigte Ensemble denkmalgerecht saniert und durch zwei moderne Anbauten und einen hochwertigen Innenausbau auf die Wohnbedürfnisse zweier Nutzerparteien neu abgestimmt.
Die in der Typologie des Ensembles bereits angelegte Zweiteiligkeit ließ sich geschickt dafür nutzen, den Bestand in zwei eigenständige Wohnungen aufzuteilen. Um ein großzügiges, modernes Wohnen zu ermöglichen, mussten beide Gebäudeflügel durch einen zusätzlichen eingeschossigen Anbau erweitert werden, der zur einen Seite jeweils aus der Gebäudeflucht des Bestandes hervortritt. Mit seinen transparenten Fensterfronten schafft der pavillonartige Anbau, der den Wohnbereich beherbergt, einen großzügigen Panoramaausblick in den Garten mit viel Tageslicht und einem fließenden Innen-Außen-Bezug zur Terrasse, die in den hanggeneigten Garten leicht abgesenkt eingesetzt wurde. Im Erdgeschoss des Gebäudebestandes schließen sich dazu jeweils der Essbereich, die Küche und das Entree mit Treppe an. Ein dreiseitig verglaster Kamin markiert die Grenze zwischen Wohnen und Essen. Schlafzimmer, Ankleide und Badezimmer befinden sich in beiden Wohneinheiten im Dachgeschoss, das mit großformatigen Dachfenstern ausgebaut wurde. Eine Anbindung an den Außenraum schafft dabei in beiden Wohnungen eine zusätzliche Dachterrasse, die auf den beiden Anbauten errichtet werden konnte. Die umfängliche Sanierung und Neuordnung des historischen Ensembles erfolgte in enger Abstimmung mit der Denkmalbehörde. Der Sanierungsstau der Gebäude war erheblich – trotzdem konnte das historische Fachwerk teilweise original erhalten werden. Allein geschädigte Balken wurden materialgetreu erneuert oder ergänzt – in den Dachkonstruktionen teilweise auch durch zusätzliche, sichtbar belassene Stahlträger, die das Balkenwerk zusätzlich stabilisieren. Die größtenteils verkleideten, punktuell als optischer Akzent aber auch sichtbar belassenen Fachwerk-Gefache wurden bauzeittypisch wieder mit Lehm und einem Kalkputz versehen – die optimierte Dämmung erfolgt über ein in die Hohlräume eingelassenes Blähton-Lehmgemisch. Ebenso wie die sogenannten „Kölner Decken“, die das Balkenrelief der Decke vollständig verputzt zeigen, wurden auch die noch vorhandenen Holzfenster denkmalgerecht wieder aufgearbeitet. Wasserleitungen, Elektrik und Haustechnik mussten dagegen vollständig erneuert werden: Eine zentrale Luft-Wärmepumpe und eine optional nutzbare Gas-Brennwerttherme versorgen eine neue Fußbodenheizung in den Bestandsbauten sowie in den Anbauten Heiz- und Kühldecken. Auch eine Photovoltaikanlage wurde harmonisch in die größtenteils mit wiederverwendeten Ziegeln des Bestands gedeckten Dachflächen integriert. Im Inneren sorgt in allen Räumen Lehmputz für ein ausgeglichenes Raumklima. Als Bodenbelag kommt auf beiden Etagen ein handgehobeltes und anschließend weiß geöltes Eichenparkett zum Einsatz. In den Küchen und Bädern liegen dazu kleinteilige Terracotta-Fliesen. Die historische Eichentreppe wurde samt ihres Geländers erhalten und wiederaufgearbeitet. Eine modern interpretierte Anschlusstreppe in gleicher Materialität und Farbgebung erschließt jetzt den Spitzboden, der als Speicher zur Verfügung steht. Durch Umbau und Erweiterung erhielt der stark vernachlässigte historische Bestand eine neue Lesart: In enger Abstimmung mit dem Denkmalschutz entstand zeitgemäßes Wohnen in historischem Bestand.
Fotos:
Margot Gottschling
www.mgottschling.de
(Erschienen in CUBE Köln Bonn 02|26)







