Zwischen Gleis und Glockenturm

Die Überbauung einer Bahntrasse schafft ein belebtes Quartier in Lindenthal

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Seit 1893 verläuft die Köln-Frechen-Benzelrather Eisenbahn durch das westliche Kölner Stadtgebiet von Frechen nach Niehl. Die wegen ihrer früheren Braunkohletransporte als „Klüttenbahn“ bekannte Strecke passiert dabei den stillgelegten Braunsfelder Güterbahnhof. Um diese Brache in innerstädtischer Lage aufzuwerten, hat der Architekt Matthias Dittmann vom Kölner Architekturbüro md3+ einen städtebaulichen Plan entwickelt und auch architektonisch umgesetzt: Für die Unternehmen Friedrich Wassermann und WvM Immobilien + Projektentwicklung entwickelte er ein urbanes Quartier mit vier Wohnhäusern, das Einzelhandel und Gastronomie, öffentlichen Platz- und Grünraum inte­griert – ganz ungewöhnlich auch über dem Gleis.

Sowohl die Strecken- als auch die Betriebsführung der Bahnstrecke mussten bei der Konversion des Areals beibehalten werden. Die von Kölner Häfen und Güterverkehr betriebene Verbindung verkehrt etwa zwanzigmal täglich zwischen den Häfen Niehl und Hürth mit Dieselfahrzeugen, gelegentlich auch als Strecke für eine Museumsbahn. Zugleich sollte das Areal zwischen Aachener und Stolberger Straße so bebaut werden, dass die Nachbarbebauungen und -nutzungen berücksichtigt und – wo möglich – auch durch Verknüpfungen neu geordnet werden. Das Architekturbüro entwickelte für das neue Quartier das Konzept eines urbanen Platzes, der an seinen Rändern an den vorhandenen Bestand anknüpft und die Baumassen entlang einer Nord-Süd-Verbindung differenziert entwickelt. Den Auftakt an der Aachener Straße macht ein abgestufter, maximal fünfgeschossiger Block mit drei Wohnhäusern, die in ihrer östlichen Erdgeschosszone Einzelhandel, Gastronomie und einen Kulturtreff vorsehen. Diese öffnen sich zum neuen Clarenbachplatz, der auf der anderen Seite durch den respektvoll freigestellten Glockenturm der Clarenbachkirche und das dazugehörige, in zweiter Reihe stehende Gemeindehaus gebildet wird. Der öffentliche Platz, der sich entlang der aufgelockerten Bebauung zweier weiterer viergeschossiger Wohnhäuser und eines kleinen Parks mit Spielgeräten fortsetzt, ermöglicht die fuß- und radläufige Durchquerung des Quartiers. Zugleich garantiert der Clarenbachplatz aber auch den Fortbestand des Braunsfelder Wochenmarktes, der seit über 50 Jahren am Glockenturm organisiert wird. An der Westseite mündet die Bahnstrecke in einer Tunneldurchfahrt spektakulär in den neuen Wohnblock: Mit zeichenhafter Anspielung an das bahntypische Andreas­kreuz wird auch das alte denkmalgeschützte Bahnwärterhäuschen durch eine Aufständerung der oberen drei Wohn­etagen erhalten. Die Koexistenz von Wohnen und Bahnverkehr wird durch ein konstruktives Abschirmelement aus Stahlbeton möglich, mit dem die Wohnungen vor Feuer und Immissionen geschützt werden. Eine durchgehende Schabracke an der Tunneldecke und Tunnelventilatoren sorgen dafür, dass die Emissionen der Dieselloks bereits mit dem Fahrtwind schnell nach außen getragen werden. Um ausreichend Schallschutz zu gewährleisten, wurde die Gleisanalage mit Kautschukpuffern erneuert, die den Körperschall entkoppeln; der Luftschall wird über schallabsorbierende Wandaufträge minimiert. Auch den Anrainern kommt das zugute.

www.md3plus.de

Fotos:

Dorit Werheid
www.picsandplan.de

(Erschienen in CUBE Köln Bonn 04|21)

 

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