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Von Innen nach aussen

Fragen an die VSI.ASAI und ihren Präsidenten

CUBE: Herr Wachter, Sie sind Präsident der VSI.ASAI, der Vereinigung Schweizer Innenarchitekten.... mehr

CUBE: Herr Wachter, Sie sind Präsident der VSI.ASAI, der Vereinigung Schweizer Innenarchitekten. Wo endet die Architektur, wo beginnt die Innenarchitektur?
Thomas Wachter: Architektur denkt von aussen nach innen. Im Fokus der Architektur stehen die Ansprüche einer Gesellschaft, eines Städtebaus und einer langfristigen Raumentwicklung. Die Innenarchitektur denkt jedoch von innen nach aussen. Hier stehen die Nutzer und die Identität einer Marke im Vordergrund. Dies führt automatisch zu einem anderen Massstab, der das Detail im Bezug zum Menschen ins Zentrum rückt. Der Innenraum ist Ausgangspunkt unserer Betrachtung. Die Arbeit der Innenarchitektur ist räumlich jedoch nicht auf innen oder aussen begrenzt. Bis zu den Fragen des Städtebaus gibt es in der Tätigkeit der Innenarchitektur keinen technischen Unterschied zur Architektur.

Das Bauen professionalisiert sich, die Zahl der beteiligten Fachplaner wächst. Wie wollen sich Innenarchitekten in diesem Prozess positionieren?
Gebäude werden heute oft vom GU als „Black Box“ gebaut. Der Mieterausbau folgt danach individuell – hier stehen Innenarchitektinnen und Innenarchitekten in der Funktion als planende Generalisten. Sobald konkrete Nutzeransprüche vorliegen, wird ihr Fachwissen zum Vorteil des Kunden. Sie entwickeln die Raumstruktur, bilden die Nutzeridentität, schaffen die Markenarchitektur und planen vom Rohbau, Innenausbau bis zur Möblierung und Ausstattung den gesamten Bauprozess. Ob es sich um einen Innen- oder Aussenraum handelt, ist dabei sekundär.

Innenarchitektur schafft Neues innerhalb und mit bestehenden architektonischen Strukturen. Gibt es da keine Reibungspunkte zum Architekten?
Eigentlich nicht. Die Aufgaben sind aus der Nutzersicht klar getrennt. Architektur hat eine städtebauliche und soziologische Aufgabe, die Innenarchitektur kümmert sich um den konkreten Nutzer. Sehr viele Architekten arbeiten jedoch auch als Innenarchitekten, nicht alle sind sich aber der differenzierten Sichtweise bewusst, mit der Folge, dass inhaltliche Konflikte zwischen Auftraggeber und Architekten entstehen. Mit einer Klärung der Funktion des Architekten könnte dies vermieden werden.

Besteht eine Zusammenarbeit zwischen der VSI.ASAI und dem SIA?
Die VSI.ASAI ist eine eigenständige Vereinigung, die sich als Schweizerischer Berufsverband der Innenarchitektur versteht. Wir sind ein Planerberuf im Bauwesen. In dieser Funktion sind wir auch im SIA Fachverbandsmitglied und pflegen einen regen Austausch.

Im Gegensatz zur Architektur fehlt in der Innenarchitektur ein Master-Studiengang. Zu Recht?
Auf europäischer und internationaler Ebene gilt Innenarchitektur als akademischer Berufstitel, vorausgesetzt werden ein dreijähriges Bachelor- und ein zweijähriges Masterstudium. In der Schweiz haben wir generell eine liberale Auffassung der Berufsqualifikation und halten qualitativ trotzdem mit der Weltspitze mit. Das fehlende Masterstudium führt aber einerseits dazu, dass die Besten ihr Masterstudium im Ausland absolvieren und so oft für den Schweizer Markt verloren gehen. Andererseits ist der Zugang für internationale Vergaben ohne Masterstudium für Schweizer erschwert. Seit einem Jahr gibt es auf Initiative der VSI.ASAI nun den international anerkannten REG-A-/B-/C-Eintrag für Innenarchitektur. So kann die REG-A-Qualifikation (Master-Stufe) auch autodidaktisch erworben werden.

Wie haben sich die Aufgaben der Innenarchitektur in den letzten Jahren gewandelt?
Deutschland und die Deutschschweiz haben sich durch die Bewegung der Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts am Bauhaus und durch den Werkbund intensiv mit den Fragen des „funktionalen“ Wohnens auseinandergesetzt. Auf dieser Basis konnte die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg eine Vorreiterrolle im europäischen Möbelbau übernehmen. Der Möbelentwurf war für Schweizer Innenarchitekten bis in die 1970er-Jahre die zentrale Aufgabe. Danach rückten der gebaute Raum und seine spezifische Identität immer stärker ins Zentrum unserer Arbeit. Das Gebiet der Einrichtung und Wohnraumplanung besteht heute nur noch im obersten Wohnbausegment. Viel wichtiger sind heute Planungsaufgaben, bei denen der Mensch und die Marke im Vordergrund stehen. Das sind heute Unternehmensräume, Hotel und Gastronomie, Gebäudesanierungen, Denkmalpflege, Museen, Shops und Messebauten.
Innenarchitektinnen und Innenarchitekten sind aus ihrem Selbstverständnis heraus befähigt, Nutzerinteressen mit identitätsstiftenden Massnahmen zu vernetzen. Daraus entsteht der Mehrwert. Die Nachhaltigkeit vom Räumen hat heute weniger mit Bautechnik als mit der gestalterischen Qualität zu tun. Eine gestalterische Qualität entsteht, wenn die Nutzeridentifikation gelingt. Technisch hochqualifizierte Räume haben kein nachhaltiges Dasein, wenn die Nutzeridentifikation nicht gelingt.

Herr Wachter, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Thomas Wachter: Thomas Wachter ist Innenarchitekt FH/EMBA, Mitglied von VSI.ASAI. und SIA. Er... mehr

Thomas Wachter:

Thomas Wachter ist Innenarchitekt FH/EMBA, Mitglied von VSI.ASAI. und SIA. Er leitet die Ecru AG, die mit Innenarchitektur planend, beratend und koordinierend Unternehmensidentitäten gestaltet. Nach einer Lehre als Hochbauzeichner hat er am Bauhaus Dessau Architektur studiert und 1992 an der Zürcher Schule für Gestaltung sein Innenarchitekturstudium abgeschlossen. 2007 absolvierte er den Master EMBA an der Universität St. Gallen. Als Präsident steht er seit acht Jahren der VSI.ASAI vor, der Vereinigung Schweizer Innenarchitekten/Architektinnen (www.vsi-asai.ch).