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Gestalterisch kluge Konzepte

Fragen an den Architekten und SIA-Präsidenten

CUBE: Herr Cadosch, was ist heute die grösste Herausforderung für Architekten? Stefan Cadosch:... mehr
CUBE: Herr Cadosch, was ist heute die grösste Herausforderung für Architekten?
Stefan Cadosch: Bezeichnend für die heutige Zeit ist, dass die Herausforderungen fast täglich zunehmen: Ansprüche an energieeffizientes Bauen, an den Brandschutz, an hindernisfreies Bauen und an einen schier unüberschaubaren Wall an Vorschriften, Anforderungen und Materialspezifikationen, aber auch juristische Fallstricke im umfassenden Vertragswerk rund um das Bauen erfordern viel Fachkenntnisse und einen unbändigen Gestaltungswillen.

In der Öffentlichkeit sind Schlagworte wie Wachstum, Verdichtung, Städteplanung, Siedlungsqualität in aller Munde. Welchen Beitrag können Architekten für eine qualitativ hochwertige Verdichtung leisten?
Ich stelle fest, dass diese Schlagworte oft negativ konnotiert werden. Die wesentliche Aufgabe des Architekten besteht darin, gerade dort Qualitäten zu schaffen: Räumlich und gestalterisch kluge Konzepte leisten wertvolle Beiträge, so dass sich niemand eingeengt oder bedrängt fühlen muss. Eine gut gestaltete Wohnung von 70 m2 kann spielend grösser wirken, als eine schlecht geschnittene Wohnung von 120 m2. Verdichtung nach innen und energieeffizientes Bauen gehören zudem eng zusammen, weil das eine ohne das andere nicht ausreichend erfüllt werden kann. Hier kann und muss der Architekt massgebliche und qualitative Beiträge leisten.

Zürich urbanisiert vor allem seine Stadtränder, während zentrale Viertel kaum verändert werden dürfen. Wie stehen Sie, bzw. der SIA dazu?
Die Zentren unserer Städte und Dörfer stehen mehr unter Investitionsdruck, als man auf den ersten Blick wahrnehmen kann. Unwiederbringbare Zerstörung ist schlimmer, als allenfalls übertriebener Denkmalschutz. Auch ist zu berücksichtigen, dass die meisten Baudenkmäler mit hoher Qualität in den Zentren zu finden sind. Hier gilt es, die baukulturelle Verantwortung gegenüber vorangegangenen und zukünftigen Generationen umsichtig wahrzunehmen. Neues muss auch hier entstehen können, aber nur nach sorgfältiger und breit angelegter Interessensabwägung. Da sind öffentliche Debatten und Mitwirkungsverfahren zielführend. Für diesen Diskurs setzt sich der SIA mit ganzer Kraft ein.

Architekten haben durchaus auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe – gibt es vom SIA hierzu eine Leitlinie?
Eine breite öffentliche Baukulturdebatte ist für die bauliche Weiterentwicklung einer Gesellschaft von entscheidender Bedeutung. Baukultur ist immer ein direktes, ungeschminktes Abbild einer gesellschaftlichen Entwicklung. Wir in der Schweiz haben die Herausforderung zu bewältigen, dass der öffentliche Diskurs sich fast nur auf historische oder spektakuläre Grossprojekte beschränkt. Wir erweitern diesen Diskurs mit einer Vielzahl an Publikationen, Fachanlässen und Tagungen. Wir gehen aber auch direkt auf die Bevölkerung zu, beispielsweise mit den „SIA-Tagen“, wo unsere Mitglieder die Türen von zuweilen nicht zugänglichen Bauwerken für ein paar Tage öffnen.

Was hat sich in den letzten Jahren beim Bauen in Zürich verändert?
Das Bauen ist einem vielfältigen Wandel unterworfen. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Anzahl verfügbarer Baumaterialien stark erhöht und die digitale Planung hat Einzug gehalten. Zudem hat die Mobilität sehr stark zugenommen und wir konsumieren heute pro Person fast einen Drittel mehr an Wohnfläche, als noch vor dreissig Jahren. In Zürich ist es heute sehr schwierig, günstigen Wohnraum zu finden, gerade weil Bauland äusserst knapp ist und das Wohnen in der Stadt wieder sehr gefragt ist. Die grössten Veränderungen aber stehen unmittelbar bevor: Digitale Produktion von ganzen Häusern, das komplett vernetzte Gebäude (smart home) und sharing economy sind die Stichworte. Diese gepaart mit völlig neuen Wohn- und Arbeitsformen werden das Bauen in den nächsten Jahren erheblich verändern.

Woran erkennt man gute Architektur?
Gute Architektur erzeugt positive Emotionen und sie entsteht dort, wo eine baukulturell anspruchsvolle Bauherrschaft eine Vision für ihre Bauaufgabe entwickelt und sich mit guten Architekten zusammen tut. Oft erkennt man gute Architektur daran, dass sie gewohnte Bilder in Frage stellt, neue Wahrnehmungen eines Ortes oder eines Bauwerkes ermöglichen, den öffentlichen Diskurs befeuern und auf Dauer positive Impulse auf den Betrachter übertragen. Nicht selten eckt aber gute Architektur am Anfang auch an, gerade weil sie Gewohntes in Frage stellt, nicht selten ist die Debatte anfangs ablehnend und hoch emotional. Gute Architektur braucht Zeit, um in ihrer ganzen Dimension erfasst werden zu können. Lesen Sie zeitgenössische Berichte über historische Bauwerke, die heute zu den Welt-Monumenten gehören: Ganz am Anfang galten sie als absolute Schandflecken im Stadtbild.

In Zürich fehlt günstiger Wohnraum. Muss gute Architektur teuer sein?
Die Mär, dass gute Architektur immer auch teuer ist, ist bald so alt wie das Bauen selbst. Gute Architekten sind sehr wohl in der Lage preisgünstig zu bauen. Die Frage ist immer dieselbe, nämlich ob die Bauherrschaften dies auch wollen. Vergessen darf man auch nicht, dass wir heute vor der grotesken Situation stehen, dass das erforderliche Bauland, vor allem im innerstädtischen Bereich oft teurer ist, als das eigentliche Bauvorhaben.

Herr Cadosch, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Stefan Cadosch Der Bündner Stefan Cadosch ist Präsident des Schweizerischen Ingenieur- und... mehr

Stefan Cadosch

Der Bündner Stefan Cadosch ist Präsident des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA. Der diplomierte Architekt ETH und Betriebswirtschafter spricht alle vier Schweizer Landessprachen. Zusammen mit Jürg Zimmermann leitet er seit 1999 das Architekturbüro Cadosch & Zimmermann in Zürich. Neben seiner Tätigkeit als Architekt arbeitete er von 1993 bis 2011 als Verantwortlicher für Architektur für die Eternit AG. Cadosch verfügt über ein grosses nationales und internationales Netzwerk in der Planungs- und Bauwirtschaft, in der Industrie sowie zu Verbänden, Hochschulen und Medien. (www.sia.ch)