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Schwellenlose Begegnungszonen

Architektur als soziale Hardware & Planung mit Ahnung

CUBE: Gemeinsam mit Cecily Corti und Ihrem Team haben Sie in den letzten Jahren eine... mehr

CUBE: Gemeinsam mit Cecily Corti und Ihrem Team haben Sie in den letzten Jahren eine Notschlafstelle, eine Wohngemeinschaft und das sozial innovative Projekt VinziRast mittendrin, in dem Obdachlose und Studierende gemeinsam unter einem Dach wohnen, arbeiten und lernen, realisiert. Jetzt sitzen wir gerade auf der Baustelle der WG VinziRast Home, die als Startquartier für acht Asylanten unter Ihrer Aufsicht adaptiert wird. Was motiviert Sie so engagiert und über mittlerweile so viele Jahre für die VinziRast ein Gebäude nach dem anderen zu einem guten Teil ehrenamtlich zu planen?
Alexander Hagner: Ich fühle mich in Sozialprojekten noch mehr gefordert. Gerade in diesen schwierigen Situationen gilt 08/15 nicht, weil es hier um existentielle Lebenssituationen geht und man noch bewusster arbeitet. Außerdem schätze ich die Offenheit des Vereins, der wohl sehr klare Vorstellungen hat, aber für alle abweichenden Anregungen, solange sie der Sache dienen, offen ist. Und ich tue es nicht, weil ich ein Gutmensch sein will, sondern sehe es als Selbstermächtigung, heraus aus der gefühlten Ohnmacht, die sich einstellt, wenn man die Bilder in den Medien betrachtet. Mit diesen Projekten können wir zeigen, wie wir glauben, dass es geht und sich gehört und dann darüber reden. Das ist mein Werkzeug, das ich habe und wo ich glaube die Klinge scharf ist.

Wodurch unterscheiden sich Sozialprojekte am meisten von anderen Planungsaufträgen?
Wenn man heute Sozialprojekt hört, bedeutet es reflexartig Reduktion, statt zu überlegen, wie es anders geht. Mangel mit Mangel zu beantworten finden wir nicht gut, denn dann riechen und sehen sie auch danach aus. Wir reduzieren nicht – im Gegenteil, wir tun noch Dinge dazu, wie zum Beispiel bei mittendrin das Lokal und das Dachatelier. Hier feiern Menschen ihre Geburtstage oder veranstalten Unternehmen ihre Pressekonferenzen. Das hängt sicher nicht nur damit zusammen, dass es ein Sozialprojekt ist, sondern auch weil der Raum einer ist, den man mag. Oft kommen Leute, die gar keine Ahnung haben, worum es hier eigentlich geht. Es gefällt ihnen einfach und sie kommen einmal, ein zweites mal, erkennen das Projekt und werden vielleicht sogar Teil des Ehrenamts.
Ein anderer wichtiger Punkt ist das Thema Langlebigkeit. Heute fallen viele Entscheidungen zugunsten von Zeit statt langfristig zu denken, ob bei der Planung oder Realisierung. Und das signalisiert das Ergebnis dann auch. Zum Beispiel die Obstkistchen, die als Wandverkleidung in mittendrin verwendet wurden. Sie sind ja eigentlich Müll, aber die Art wie wir damit umgegangen sind, entscheidet letztendlich wie ein Raum oder Produkt wird. Das strahlt aus und man spürt, dass hier eine menschliche Hand darüberging. Und so etwas repariert man später auch eher. In der Wirtschaft ist Arbeitszeit der teuerste Faktor und das Produkt finanziell sekundär. Wir haben in unseren Projekten viele Arbeitskräfte, dafür kein Geld um Material zu kaufen, also eine upside down Situation und das müssen wir nutzen.

Was waren die größten Herausforderungen und Ziele bei den realisierten VinziRast-Projekten?
Wir planen in diesen Projekten für Menschen, die kein Angebot haben sich räumlich zurückzuziehen und sich deshalb in sich selbst zurückziehen. Das ist für eine Gemeinschaft keine gute Voraussetzung. Mit der architektonischen Herangehensweise versuchen wir dieses Manko im Rahmen der Möglichkeiten weitestgehend zu kompensieren. Wie zum Beispiel hier in der neuen Wohngemeinschaft, für die wir gemeinsam mit Studierenden eine Struktur entwickelt haben, die durch eine zweite Ebene „Einzelzimmer“ in einem Doppelzimmer ermöglicht. Die Anforderung an die Studenten war hier: je kleiner die Stückliste der zweiten Ebene, desto besser habt ihr es getroffen – einerseits physisch, weil weniger Raum weggenommen wird und andererseits natürlich weil es dann günstiger wird. Die Diskussionen waren heiß und es wurde um jeden Zentimeter gekämpft, von der Höhe des Bodenbelages bis zur Höhe der abgehängten Ebene. Das Gute ist, wir bieten hier nun beides: Stockbett-Doppelzimmer und unser Experiment. Wir werden sehen, welche Variante von den Bewohnern bevorzugt wird.
Bei VinziRast mittendrin wiederum war das Ziel: Gemeinschaft als Angebot aber nicht als Zwang. Und zwar möglichst ohne Schwellen, einfach hineingehen, durchgehen, nicht einmal drinnen bleiben müssen. Das ist ganz wichtig, damit die Kontaktmöglichkeit mit der Gesellschaft gegeben ist. Wie als Zwiebelprinzip können sich die Bewohner, in diesem Fall also Studierende und Obdachlose, vom Einzelzimmer in die Wohngemeinschaft bis zur Gemeinschaftsküche und schlussendlich in das ganze Haus hineinbewegen. Außer in der Notschlafstelle hat jeder Vinzi-Bewohner sein eigenes Zimmer. Wir gehen nicht an die Grenzen und haben uns oft selbst gefragt, inwieweit es Luxus ist. Aber es wurde alles mit Spenden und Krediten, die wiederum mit Spenden zurückgezahlt werden müssen, realisiert. Genau wie das Lokal, das nie auf Gewinn ausgerichtet war. Wir wollten damit Beschäftigung anbieten, gemeinsame Arbeit und dass es eine schwarze Null schreibt war das Ziel. Jetzt läuft es super.

Wie fühlen sich die schönsten Momente bei Projekten, die Sie im sozialen Bereich realisieren, an?
Wenn man Menschen, denen nichts zugetraut wird, mit etwas betraut und sie sich so unheimlich Mühe geben. Ich hatte nie zuvor so tolle Bautrupps wie unsere Bewohner, die intensiv mitgeholfen haben und mit ihrer Arbeitszeit viel Zusätzliches ermöglichten. Nicht weil sie so effizient waren. Nein, sie sind aufgrund des Lebens auf der Straße körperlich extrem eingeschränkt, aber dieses Bemühen ist eine unglaubliche Arbeitseinstellung und stellt ihr Leben in einen Kontext, der sinnstiftend ohne Ende ist. Ein besonderes Beispiel war Christoph, der leider schon gestorben ist: Jahrzehnte galt er in den Augen Vieler als Abschaum. Bei uns war er der Herr Ingenieur, denn er kannte sich aus mit Strom. Er war ein wichtiger Mann für das Projekt und das Projekt hat ihn in seinen letzten Lebensmonaten wachsen lassen. Das ist ähnlich wie wenn ich mit Studierenden arbeite und sie nach Präsentationen ein externes Feedback bekommen, das sie um 10 cm größer werden lässt. Die Struktur vorzugeben um diese Momente zu ermöglichen, das lässt mich mein Leben gut und gerne revuepassieren und ist unbezahlbar. Und natürlich fühlt es sich auch gut an, dass aufgrund unseres Zutuns 50 bis 70 Menschen weniger auf der Straße schlafen.

Was wird die Zukunft für Sie und das Büro gaupenraub bringen? Bleiben Sie weiterhin so sozial engagiert?
Neben unserem normalen Bürobetrieb, von dem wir vorwiegend leben und der momentan hauptsächlich private Projekte umfasst – obwohl meine Büropartnerin Ulrike Schartner und ich auch Büros und Wohnhäuser planen und umsetzen – wird im sozialen Kontext nach 14 Jahren der Verhinderung nun doch das VinziDorf Wien realisiert. Seit 2002 kämpfen wir für dieses Projekt, das eigentlich bei einem Treffen mit Pfarrer Pucher in seinem VinziDorf Graz der Auslöser der Zusammenarbeit mit Cecili Corti war. Sieben Jahre lang hatten wir für dieses Projekt unterschiedlichste Grundstücke im Angebot, haben dafür geplant und sind immer wieder an Politik und Anrainern gescheitert. Seit weiteren sieben Jahren gibt es das Grundstück des Marianneums in der Hetzendorferstraße mit einem gewidmeten Baugrund. Trotz Einhaltung der Bauordnung ab der ersten Einreichung hat es weitere sieben Jahre gedauert bis wir nun beginnen dürfen. In der Zwischenzeit haben wir uns dementsprechend viel mit dem Thema Akzeptanz von sozial schwierigen Projekten im urbanen Raum befasst. In Hetzendorf ist ein Bestandsgebäude vorhanden, das die Homebase des Dorfes sein wird, mit Mensa, Küche, Sanitärflächen, Lager und acht Wohnungen im Dachgeschoss. Darum herum werden satellitenartig Module wie in einem Dorf im Garten verstreut. Keine Container, sondern vorgefertigte Module in Holzleichtbauweise mit einer Wandseite aus Ziegeln, die bauphysikalisch von Vorteil sind und uns von Wienerberger gesponsert werden. Die Fassaden werden mit Wandschindelplatten, die uns von der Firma Eternit zur Verfügung gestellt werden, verkleidet. Für jeden Bewohner eine Einheit wie wir es auch schon bei den anderen Projekten gehandhabt haben. Mit der Umsetzung beginnen wir erst, wenn 2/3 finanziert sind um die anderen Projekte des Vereins nicht zu gefährden. So gesehen hat die jahrelange Verhinderung des VinziDorfes ja auch etwas Gutes gebracht, denn diese anderen Projekte wie die VinziRast, VinziMarkt oder VinziPort, die zwischenzeitlich entstanden sind, die gäbe es sonst vielleicht gar nicht. Allen gemeinsam bleibt jedenfalls, dass sie eine Alternative bieten wollen für jene, die aufgrund der teils auch verständlichen Richtlinien nicht aufgefangen werden.
Und ab Herbst 2016 weite ich meine Lehrtätigkeit aus und beginne die neue Stiftungsprofessur für Soziales Bauen an der Fachhochschule Kärnten. Als Magnet für Sozialprojekte und mit der langjährigen Erfahrung und der Psychologie, die wir bei der Umsetzung der Projekte studieren konnten, werde ich ab September jungen Menschen im Rahmen ihres Masterstudiums das Thema „Soziales Bauen“ näherbringen.

www.gaupenraub.net
www.vinzirast.at

Alexander Hagner

Geboren 1963 in Deutschland. Nach der Matura absolvierte er eine Tischlerlehre und studierte Architektur an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Seit 1997 ist er selbstständig tätig und gründete 1999 gemeinsam mit Ulrike Schartner das Architekturbüro gaupenraub. Nach Lehraufträgen und einer Universitätsassistenz ist er seit 2015 Gastprofessor an der TU-Wien. Das Projekt VinziRast mittendrin wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und war für den European Union Prize for Contemporary Architecture – Mies van der Rohe Award 2015 nominiert. Ab Herbst 2016 übernimmt er die Stiftungsprofessur für Soziales Bauen an der Fachhochschule Kärnten.

gaupenraub www.gaupenraub.net mehr