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Lebensweltliche Schwerpunkte

Über geschätzte Traditionen, inhaltliche Themenbereiche und neue Formate im Az W

CUBE: Sie werden ab Jänner das Az W, das 23 Jahre von dem Gründungsdirektor Dietmar Steiner... mehr

CUBE: Sie werden ab Jänner das Az W, das 23 Jahre von dem Gründungsdirektor Dietmar Steiner geleitet wurde, übernehmen. Was dürfen wir in Zukunft auf den Ausstellungsflächen im Wiener Museumsquartier erwarten? In welche Richtung werden die Impulse gehen?
Angelika Fitz: Zuallererst ist mir wichtig zu sagen, dass das Az W nicht neu erfunden werden muss, denn es hat sich über die letzten zwei Jahrzehnte eine spezifische DNA erarbeitet. Das Az W bildet die gesellschaftliche Dimension von Architektur in allen Facetten ab und hat sich damit ein Alleinstellungsmerkmal unter den Architekturmuseen weltweit erarbeitet. Es gibt schon jetzt rund 500 Veranstaltungen im Jahr, von Vorträgen über Diskussionen, Workshops, Filmreihen oder Exkursionen in den Stadtraum, wobei es hier nicht einfach um Einzelgebäude als schöne Preziosen geht, sondern um die Fragen, wie sie entstanden, warum sie so aussehen und vor allem auch wie sie genutzt werden, also um die sozial-ökonomische Realität des Bauens. An diese differenzierte Wahrnehmung von Architektur werde ich anknüpfen. Gleichzeitig ist es mir ein Anliegen, das Publikum zu erweitern, denn Architektur geht uns als AlltagsexpertInnen alle etwas an. Auch wenn Architektur oder Stadtraum nicht einfach in den Ausstellungsraum gerollt werden kann, möchte ich noch eindringlicher erlebbar machen, wie Architektur uns beeinflusst und was sie bewirken kann. Ich werde dazu thematisch vorgehen und zeigen, welche lebensweltlichen Themen sich in der Architektur spiegeln.

Welche sind die dringlichsten lebensweltlichen Themen aus Ihrer Sicht und in welcher Form werden sie im Az W zu finden sein?
Für die nächsten Jahre habe ich mir drei große Themenfelder vorgenommen, entlang derer ich Ausstellungen erarbeiten möchte. Zum einen „Urban Citizenship“: Was wir als BürgerInnenschaft kennen, ist geprägt vom
19. Jahrhundert, von der nationalen Staatsbürgerschaft. Wenn wir uns aktuell die kulturell vielfältige Realität unserer Städte anschauen, wird es immer wichtiger werden, in welcher Stadt wir leben, nicht welcher Nationalität wir dabei angehören. Vielleicht werden wir gefühlt mehr zu StadtbürgerInnen als zu StaatsbürgerInnen? Damit zusammenhängend natürlich die Bedeutung der Architektur, angefangen mit den Möglichkeiten für Ankunftsräume. Stadt war und ist Migrationsraum. Was heißt das für den gebauten Raum? Welche Schnittstellen zwischen Wohlfahrtsstaat und der Möglichkeit des informellen und selbstorganisierten weit über klassische Partizipation hinausgehenden Handelns sind notwendig? Der zweite Bereich knüpft daran an und behandelt die Frage von solidarischen Räumen in Zusammenhang mit Leistbarkeit, mit der Zugänglichkeit von öffentlichen Räumen, der Organisation von Planungsprozessen und der Transparenz rechtlicher Zusammenhänge. Das dritte Themenfeld wird sich mit Klimawandel und Nachhaltigkeit beschäftigen, mit Fragen nach dem Haushalten mit Ressourcen. Durchaus auch als eine Renaissance der produktiven Stadt, die man aber gleichzeitig auch als reproduktive Stadt denken muss. Auch dafür braucht es Räume und Strukturen. Diese Themen, die jetzt noch abstrakt klingen, werden wir in einzelnen Ausstellungen anschaulich erlebbar machen. Wir werden der Frage nachgehen, was Architektur und Stadt mit uns selbst zu tun hat und wollen gleichzeitig Neugierde auf die Stadt oder die Architektur der anderen produzieren.

Wird es auch neue Formate geben und wie werden Sie die Waage halten zwischen Sammlung, Ausstellungen, Diskurs, Veranstaltungen, Exkursionen, Datenbanken und Bibliothek?
Das Programm ist schon jetzt extrem breit, von klassisch touristischen bis zu diskursiven Veranstaltungen und hands-on-Formaten. Dieses Angebot versuche ich in der Breite zu halten, denn die Nachfrage ist groß. Gleichzeitig möchte ich die Formate erweitern. Oft ist gar nicht so klar, dass wir ein Museum sind, aber wir haben im Az W eine umfassende Sammlung mit Schwerpunkt Österreichische Architektur seit 1945. Darunter rund achtzig Vor- und Nachlässe, die besonders interessant sind, weil hier nicht nur Einzelobjekte oder Skizzen zu finden sind, sondern auch Produktions- und Wirkungsgeschichten, also der begleitende Briefverkehr, Rechnungen, Beschwerden oder Presseartikel. Wirklich sehr spannende Dokumente und einer der Bereiche, für die ich mit Sammlungs-Labs neue museologische Zugangsweisen zu unserem Sammlungsbestand erproben möchte. Aber auch kooperative Formate werden Platz finden, in denen wir Ausstellungen mit verschiedenen Gruppen, ob man sie Community oder Stakeholder nennt, gemeinsam erarbeiten. Und abseits der Exkursionen, möchte ich Testfelder in der Stadt eröffnen, vor allem in den großen Transformationsgebieten. Ich will mit der kuratorischen Herangehensweise im Sinn einer künstlerischen Forschung aktiv werden.

Apropos Stadtplanung – Sie sind auch im Beirat von Aspern Seestadt. Wie ist Ihre Sichtweise zu diesem neuen Stadtteil?
Gerade im letzten Jahr habe ich beobachtet, dass die Meinung ins Positive schwenkt, nach jahrelanger Kritik ausgehend von dem sehr konservativ wirkenden Masterplan, wobei dieser flexibler ist als er aussieht. Für mich ist jeder erneute Versuch, wieder einmal die bessere Stadt zu bauen, trotz allen Scheiterns in der Moderne, faszinierend. Man kann natürlich keine ideale Stadt bauen – vielleicht auch zum Glück. In der Seestadt können wir eine gewisse Qualitätssicherung versuchen, aber eine Stadt lebt auch davon, dass sie etwas aushält. Wirklich herausragend sowohl für Wiener Verhältnisse als auch im internationalen Maßstab, ist hier jedenfalls die Priorisierung des öffentlichen Raums. Nicht nur, dass die U-Bahn vor den Wohnbauten gebaut wurde, sondern auch, dass die Frage von Plätzen und Straßen und anderen bauplatzübergreifenden Freiräumen in dieser Großzügigkeit und Qualität gedacht wird. Die vorrangige Frage für mich ist, was kann man für die nächste Etappe und auch für andere Stadtteile lernen. Ich finde es sehr spannend weit weg vom Elfenbeinturm live dabei zu sein.

Wüssten Sie wie die ideale Stadt aussehen sollte?
Nein, da bekomme ich eher Beklemmungen. Ich bin auch skeptisch gegenüber dem ungebremsten Drang zum Community-Building. Grundsätzlich muss eine Stadt auch leisten können, dass es ein Nebeneinander gibt. Das war schon immer eine Qualität von Stadt, vertraut und unvertraut zugleich zu sein. So beschreiben es auch die Soziologen des 19. Jahrhunderts, ob Max Weber oder Georg Simmel, die sich mit der großen Metropole beschäftigt haben.

Sie kommen aus dem Bereich der Kulturtheorie und des Kulturmanagements. Wie kam es zur Liebe für Architektur?
Anfangs habe ich vorwiegend künstlerische Positionen kuratiert, zum Beispiel in der Kunsthalle Wien zu indischer Gegenwartskunst. Während meiner Recherchen habe ich damals viel mit KünstlerInnen zum öffentlichen Raum in Neu Delhi gearbeitet und bin über den öffentlichen Raum immer mehr in Richtung Stadt und Architektur gewandert. Schließlich bin ich einfach meinen Interessen gefolgt.

Ihrer Publikation „Vom Nutzen der Architektur-Fotografie“ folgernd ist Ihnen das Thema Fotografie ein besonderes Anliegen. Wie kam es zu diesem Werk?
Sieht man sich die Geschichte der Fotografie an, dann waren Stadt und Gebäude die allerersten Sujets. Man könnte sagen, weil sie still gestanden sind, aber auch die Berge standen still. Wenn man genau hinschaut, stellt sich heraus, dass die Stadt oft kurz vor großen Transformationen fotografiert wurde, sie stand also gar nicht so still. Jedenfalls hat die Fotografie in den letzten 150 Jahren die Architekturgeschichte mitgeschrieben. Viele Gebäude sind heute durch eine ikonische Bildsprache kaum trennbar von ihren Fotografien. Diesen Umstand haben sich manche ArchitektInnen zu Nutze gemacht um ihre eigene Marke, ihre Signatur zu stärken. Dabei haben sie immer mit denselben Fotografen zusammengearbeitet. Die Beziehung von Architektur und Fotografie ist aber auch insofern interessant, als beide Metiers zwischen Kunst und Dienstleistung oszillieren. In dem Buch, das ich gemeinsam mit der ig_architekturfotografie und der Gestalterin Gabriele Lenz herausgegeben habe, geht es ganz stark um diese Beziehungen aber auch wie der Gebrauch der Architektur portraitiert wird, ob jungfräulich oder mit Gebrauchspuren, ob mit oder ohne Menschen im Bild. Und letztlich geht es darum, wie diese Fotos genutzt werden.

Unter anderem wurde untersucht, nach welchen Kriterien Architekturmagazine Bilder auswählen, welche Fotografien Quote bringen. Wie lautete die überraschendste Aussage?
Wir haben JournalistInnen zu diesem Thema befragt und erstaunlicherweise ist es heute immer noch so, dass die Bilder deskriptiv sein müssen. Sie müssen möglichst klar die wesentlichen Elemente zeigen, die Grundfeatures der Gebäude von der sogenannten Schokoladenseite, wo immer das sein soll bei einem Gebäude. Verwunderlich wenn man das mit der Geschichte der Modefotografie vergleicht, wo es heute nur noch um Atmosphärisches geht. Ganz starke Architekturfotos, wie zum Beispiel Aufnahmen im Nebel, werden selten publiziert und wenn nur als Teil langer Serien. In der Welt der Architekturpublikationen gibt es noch viel Entwicklungspotential. Wir haben übrigens auch einige der besten ArchitekturfotografInnen in der Az W-Sammlung, zum Beispiel das Gesamtarchiv von Margherita Spiluttini. Aber auch das Archiv des Architekturkritikers Friedrich Achleitner, der ein zentrales mehrbändiges Werk zur österreichischen Architektur des 20. Jahrhunderts publiziert hat, in dem nicht nur die ikonische, sondern auch die alltägliche Architektur enthalten ist, wäre einmal auf seine Bildsprache zu untersuchen.

Eine persönliche Frage zum Abschluss: Bei welchen Gedanken an Ihren neuen beruflichen Abschnitt schlägt Ihr Herz am schnellsten?
Ich arbeite ja schon lange in diesem Feld und habe Ausstellungen, diskursive und kooperative Projekte zum Thema Urbanismus und Architektur realisiert. Jetzt aber mit dem Az W Themen kontinuierlich über mehrere Jahre zu entwickeln, mit dem Publikum mitzuwachsen, zu schauen was die AlltagsexpertInnen zu diesem Thema mitbringen, darauf freue ich mich. Hoffentlich kommen wir auch in den Modus des Teilens von Wissen – ein Museum ist ja keine Institution, die sich dozierend an die Öffentlichkeit wenden soll, sondern ein Ort des Wissenstransfers. Auch auf das extrem erfahrene und inspirierte Team des Az W, das ich schon kennengelernt habe, freue ich mich und auf diese Homebase, die Kooperationen mit verschiedensten kulturellen Playern, sei es in Wien oder darüber hinaus international, transdisziplinär ermöglicht.

Frau Fitz, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Katharina Beitl.

Angelika Fitz ist Kulturtheoretikerin, Autorin und Kuratorin und arbeitet seit 1998 mit... mehr

Angelika Fitz

ist Kulturtheoretikerin, Autorin und Kuratorin und arbeitet seit 1998 mit eigenem Büro in Wien. Sie entwickelt kuratorische Projekte an den Schnittstellen von Architektur, Kunst und Urbanismus für internationale Kulturinstitutionen, sie ist als Vortragende, in der Lehre und als Beraterin tätig. 2003 und 2005 war sie Kommissärin für den österreichischen Beitrag zur Architekturbiennale Sao Paulo. Ab Jänner 2017 wird sie die Leitung des Az W in Wien übernehmen.