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Das letzte Haus

Das Kolumbarium wird als Ort des Totengedenkens wiederentdeckt

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Schon lange ist es her, dass Architekten wie der Wiener Adolf Loos noch voller Überzeugung... mehr

Schon lange ist es her, dass Architekten wie der Wiener Adolf Loos noch voller Überzeugung schreiben konnten: „nur ein ganz kleiner teil der architektur gehört der kunst an: das grabmal und das denkmal.“ (Adolf Loos: Architektur (1910), S. 315.) Zumindest das Grabmal hat sich wohl längst verabschiedet aus dem Aufgabenbereich der Architekten. Ursache ist ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel in der Bestattungs- und Trauerkultur: Immer mehr Menschen verzichten heute auf ein Grabmal.

Vor allem in Großstädten steigt die Zahl der ano­nymen Bestattungen auf der Wiese zunehmend – primär aus Kostengründen, aber auch weil es wegen gestiegenen Alterserwartungen, sozialer Vereinsamung und dem Fehlen von religiöser Zugehörigkeit scheinbar niemanden mehr gibt, dem man eine Spur, also einen mit dem eigenen Namen verbundenen Ort für die Trauer, hinterlassen müsste. Dabei leeren sich die Friedhöfe und mehren in den Kommunen die Fragen, wie sich die ungenutzten Flächen in Zukunft nutzen lassen – dem Charakter des Ortes angemessen, aber natürlich auch möglichst kostendeckend.

Auch die Renaissance des Kolumbariums ist ein Symptom dieses Kulturwandels. Dessen Ursprünge reichen zurück bis in die römische Antike: Dort bezeichnete das „columbarium“ eigentlich einen Taubenschlag, prägte sich aber auch als Begriff für reihenweise übereinander angeordnete Urnenfächer ein – wobei jedes Fach mit einem steinernen Namenstäfelchen versehen wurde. Während man in Mittelmeerländern der Bautypologie über Jahrhunderte auch bei Sargbestattungen treu blieb, wurde sie in Mittel- und Nordeuropa erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt: Vor allem in den wachsenden Großstädten entstanden auf den Friedhöfen im Zuge der Feuerbestattung und dem Bau von Krematorien zahlreiche und durchaus kunstvoll gestaltete Kolumbariumsanlagen, die eine würdevolle Antwort auf begrenzte finanzielle Ressourcen und damals auch begrenzte Friedhofsflächen gaben.

Dass das Kolumbarium heute wieder eine neue Aufmerksamkeit erfährt, hat vor allem etwas mit den Kolumbariumskirchen zu tun. Um den Abriss von Kirchenbauten abzuwenden, die aufgrund schrumpfender Gemeinden und Kirchensteuern nicht mehr unterhalten werden können, entscheiden sich katholische Diözesen wie evangelische Gemeinden seit der Jahrtausendwende Kirchenbauten in Urnenstätten umzuwidmen. Das kann einen ganzen Kirchenbau betreffen, der damit zur Grabeskirche wird. Eine noch größere Herausforderung ist die Umwidmung von Teilbereichen: Wenn das normale Gemeindeleben in der Kirche fortbestehen soll, stellen sich neben denkmalpflegerischen auch viele juristische, liturgische und seelsorgerische Fragen. Dabei ist die Gemeinschaft von Toten und Lebenden für die christliche Kirche eigentlich nichts Neues: Seit dem Mittelalter wurden Bischöfe und Könige in den Kirchen begraben (in den Niederlanden auch einfache Bürger) – nicht zuletzt auch der christlichen Auferstehungsbotschaft wegen. Mit seiner Reduktion kommt das Kolumbarium als letzte Ruhestätte den Angehörigen von heute insofern entgegen, als die Grabpflege entfällt und die Trauer über die Verstorbenen wieder räumlich näher an das urbane Leben heranrückt. Gut durchdachte Kolumbariumskirchen ermöglichen dabei ein ausbalanciertes Nebeneinander von Orten für die individuelle Trauer und einem Versammlungsraum, in dem die gemeinschaftlichen Trauergottesdienste stattfinden können. Bei der räumlichen Separierung, aber auch der stimmungs- und symbolhaften Ausgestaltung dieser unterschiedlichen Zonen sind – wie zu Adolf Loos’ Zeiten – die Architekten mehr denn je gefragt.