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Von der Kaserne zum Stadtquartier

oder: Ein Sechser im Lotto – Zur Konversion der Münchner Militärflächen

Noch während der Amtszeit der ehemaligen Stadtbaurätin Christiane Thalgott fiel die Entscheidung,... mehr
Noch während der Amtszeit der ehemaligen Stadtbaurätin Christiane Thalgott fiel die Entscheidung, das enorm große Areal der ehemaligen Kasernen innerhalb des Stadtgebiets Münchens in Wohnquartiere umzuwandeln. „Ein Sechser im Lotto“, nannte Christiane Thalgott diese glückliche Wendung der Geschichte, die mit der Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands obsolet werdenden Kasernenflächen der Alliierten und der Bundeswehr für dringend gebrauchte Wohnungen zu nutzen.

Auf acht ehemaligen Kasernenarealen mit insgesamt über 400 ha Fläche soll buntes multifunktionales städtisches Leben Einzug halten. Dies sei ein bundesweit einzigartiger Transformationsprozess, war in der Ausstellung zum Thema in der Rathausgalerie zu erfahren. In zwei Quartieren, in der Nordhaide und am Ackermannbogen sind bereits 4.250 Wohnungen entstanden, 7.800 weitere sollen hinzukommen. Darüber hinaus wird es die nötige Infrastruktur, wie Bildungs-, Kultur-, Freizeit- und Wirtschafteinrichtungen geben. Eine einmalige Chance, die nicht vertan werden darf. Schließlich hat man aus früheren Fehlern gelernt, von Neuperlach oder vom Hasenbergl, wo Betonburgen bzw. ghettoartige Siedlungen entstanden, die wenig mehr als Schlafstädte waren. Die Akzeptanz in den beiden neuen Vierteln ist so groß, weil hier wirklich bürgernahe Konzepte umgesetzt wurden: Z.B. die ,Diagonale‘ in der Nordhaide, ein quer durch das Viertel verlaufender Fußgängerweg, an den die gesamte Infrastruktur - Läden, Kirche, Post, Schule - angeschlossen sind. Gen Norden schließt sich die riesige Fläche der unter Landschaftsschutz stehenden in Europa einmaligen Primärheidelandschaft an.

Die militärischen Restflächen sind ohne Zweifel ein riesiger Zugewinn für den enormen Bedarf an Wohnraum in München, das sich trotz der hohen Mietpreise einem Zuzug von immer mehr Neubürgern kaum erwehren kann. Bis gebaut werden kann, müssen zunächst die Probleme beseitigt werden, die diese Areale mit sich bringen: Verseuchte Böden und deren Abtragung, bzw. der Abriss ehemaliger Kasernengebäude - nur wenige der Kasernengebäude sind erhaltenswert oder stehen gar unter Denkmalschutz, wie die Jutierhalle und die Tonnenhalle auf dem Gelände des künftigen ,Kreativquartiers‘, einem heiß diskutierten Vorzeigeprojekt an der Dachauerstrasse. Hier befand sich bis etwa 1920 die einstige Luitpoldkaserne. Nun soll Wohnen in enger Verknüpfung mit Wissen, Lernen, Arbeiten, Kunst und Kultur hier einziehen. Dies bedeutet eine echte Chance auf ein Integration förderndes und Identität stiftendes Viertel mit eigenständigem Charakter an der Schnittstelle zwischen Schwabing und Neuhausen/Nymphenburg. Gleich nebenan erfreuen sich die Mieter des Ackermannbogens, der einstigen Stetten- und Waldmannskaserne, ihres neuen Wohlfühlviertels, das gerade berühmt ist für die hohe Akzeptanz der Bewohner. „Ideale Lage, Nähe zu Schwabing, gute Verkehrsanbindung, direkt am Olympiapark“, das Schwärmen nimmt kein Ende. Bereits beschlossene Sache sind die Bebauungspläne auf dem Gelände der ehemaligen Funkkaserne zwischen Domagkstrasse und Frankfurter Ring. Noch in diesem Jahr wird Baubeginn sein. Hier entstehen 1.600 Wohnungen, Gewerbebauten und ein Kunsthof unter Beibehaltung der bisher hier angesiedelten Kunstatelierts, vier Kindertagesstätten, eine Grundschule mit Hort, ein Familien- und Bewohnertreff, ein Studentenwohnheim, sowie eine soziale Einrichtung für ältere Menschen. Die teilweise denkmalgeschützten Gebäude werden saniert und erhalten.

Etwas weiter im Norden schliesst sich die ehemalige Bayernkaserne an. Sie lag zwischen dem Euro-Industriepark als südlicher und der Heidemannstrasse als nördlicher Begrenzung. Dieses Gebiet mit seinen ca. 48 ha ist neben dem nicht-militärischen Freiham das größte neue Siedlungsgebiet der Stadt. Es wird noch geplant, etwa bis Mitte kommenden Jahres. 2017 sollen die Bauarbeiten für etwa 3.000 Wohnungen beginnen.

Auf dem Gelände der ehemaligen Prinz-Rupprecht-Kaserne beidseitig der Schleißheimer Straße wird BMW sein Forschungs- und Innovationszentrum gen Norden erweitern. Ein Gymnasium für den Münchner Norden mit angegliederter Sport-Elite-Schule und Gewerbe wird sich hier ansiedeln. Einst diente das Areal als Verpflegungsamt. Davon zeugten später auch noch die amerikanischen Namen Alabama-Depot und Virginia-Depot. Letzteres zählt mit seinen wertvollen Biotopflächen ebenfalls zum städtischen Entwicklungsgebiet.

Auf dem Gelände der ehemaligen Fürst-Wrede-Kaserne entlang der Ingolstädter Strasse im Norden wird der FC-Bayern sein neues Vereinsgelände bekommen. Teilweise verbleiben hier Einrichtungen der Bundeswehr und als Ausnahme wird es auf diesem Areal keine Wohnbebauung geben.

Die einzige östlich der Isar gelegene Restmilitärfläche ist die einstige Prinz-Eugen-Kaserne an der Cosimastrasse. Auf den ca. 30 ha soll auch eine Durchmischung von Wohnen und anderen Nutzungen erreicht werden. Eine Grundschule, ein Hort, eine Turnhalle, die Erhaltung der einstigen Bundeswehrschwimmhalle, Kindertagesstätten und ein Bürgerhaus sind geplant. Großzügige Grünflächen als Parklandschaft mit Wohnclustern auf ca. 12 ha, sowie die Ansiedlung einer ökologischen Modellsiedlung lassen aufhorchen.

Zwar werden die entstehenden Siedlungen den Wohnbedarf Münchens immer noch nicht decken, dennoch bietet sich hier eine einmalige Chance. Bis zum Zustandekommen der Planungen wird noch etwas Zeit vergehen, zumal die Entscheidungsprozesse oft nicht einfach sind. Bund, Land, Kommune, Wirtschaft und Bürgerschaft haben mitzureden. Dennoch - es bleibt ein ,Sechser im Lotto‘, den die aktuelle Stadtbaurätin Elisabeth Merk von ihrer Vorgängerin übernehmen durfte.

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