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Adieu Millionendorf

„Meine Bauherrenschaft sind die Bürger“ ist das Leitmotto von Stadtbaurätin Elisabeth Merk

München platzt aus allen Nähten. Bis 2035 wird ein Zuzug in Höhe von 300.000 Neubürgern... mehr

München platzt aus allen Nähten. Bis 2035 wird ein Zuzug in Höhe von 300.000 Neubürgern erwartet. Die Last, für ausreichend Wohnraum und Infrastruktur zu sorgen, liegt auf den Schultern von Stadtbaurätin Prof. Dr. (I) Elisabeth Merk und ihrem Team. Ein Plansoll von 8.500 Wohnungen pro Jahr soll erfüllt werden. Aber wo? Die Kapazitäten der Stadt sind jetzt schon nahezu erschöpft. Es bedarf also neuer Ideen und Konzepte. Die langfristige Siedlungspolitik, „LaSie“ genannt, hat drei Strategien entwickelt, um diese Problematik in den Griff zu bekommen: Verdichtung – Umstrukturierung – Weiterbauen.

CUBE: Frau Prof. Merk, warum ist der Ansturm auf München so stark angewachsen?

Elisabeth Merk: Da kommen sich überlagernde Faktoren zusammen. In erster Linie hat es damit zu tun, dass München aufgrund seiner Geschäftsfelder sehr zukunftsfähig ist. Wir haben etwa 45 Prozent der Berufe im Wissenschaftsbereich mit ansteigendem Level, sehr viele technologische Arbeitsbereiche, exzellente Universitäten, Institute wie Fraunhofer oder Firmen wie Siemens oder BMW. Wir sind auch ein ganz großer Medien- und Kreativwirtschaftsstandort, ob im Bereich von Verlagen oder den neuen digitalen Medien. Hinzu kommt auch eine höhere Geburtenfreudigkeit über Jahre hinweg. Das betrifft nicht nur München-Stadt, sondern die gesamte Metropolregion wächst.

Ganz naiv gefragt: Kann man eine Stadt nicht schließen – wie eine Veranstaltung, wenn sie überfüllt ist. Oder ist das Wachstum eine Chance?

Als Stadtentwickler und als Jemand, der sich mit Architekturtheorie und Stadtbaugeschichte ganz gut auskennt, muss ich sagen, dass solche künstlichen Reglementierungen in der Geschichte nie gut funktioniert haben. Wachstum ist heute schon eher positiv besetzt; meine Generation ist damit aufgewachsen, dass man Wachstum kritisch hinterfragt. Das ist sicherlich nicht mehr so wie in den 1960er-Jahren. Aber deswegen können wir unsere Stadt nicht zusperren. In gewisser Weise agieren wir als Treuhänder für die Stadt, im Sinne von Gemeinwohlinteressen bei dieser Transformation. Es geht um die Klugheit, als Stadt in diesen Wachstumsprozess hineinzuwirken – also in welchen Feldern will man wachsen und was unterstützt man als Wachstum, und wo versucht man mit der Schraube von Qualität und Nachhaltigkeit auch gegenzusteuern?

Unter dem Stichwort „Langfristige Siedlungspolitik“ hat das Planungsreferat drei unterschiedliche Strategien entwickelt. Die erste ist Verdichtung.

Unter Verdichtung verstehen wir, dass man ausgehend von existierenden gebauten Strukturen sozusagen zusätzliches Wachstum generiert – z. B. haben wir eine Schulbauinitiative, wo wir sämtliche in der Stadt bestehenden Schulen angeschaut haben und überlegt haben, kann man da aufstocken, kann man da erweitern, weil man ja nicht genügend Flächen hat, um überall neu zu bauen. Und das gleiche gilt natürlich für den Wohnungsbau.

Prof. Fink von der TUM hat eine Studie zur Verdichtung in die Höhe gemacht. Geht das nur bei Wohnsiedlungen oder ist das auch im Innenstadtbereich denkbar?

Es geht ja nicht nur um die Höhe, es geht auch darum, die entsprechende Infrastruktur dorthin zu bringen. Bei der Innenstadt ist natürlich der Kontext sensibler. Wir haben ja mal untersucht, dass man an der Sonnenstraße durchaus höher werden könnte, da ist die Straße vom Querschnitt her breit genug. Aber da haben wir genau das Problem, dass wir so viele unterschiedliche Eigentümer haben, das macht es ganz schwierig. Und natürlich ist es eine Frage der Architektur und der Stadtgestaltung. Ein schönes Beispiel ist der Arabellapark, wo Hild und K ein Hochhaus aufgestockt haben, was sehr gut gelungen ist. Das macht absolut Sinn. Bei Großstrukturen wie dem Haselbergl oder in Neuperlach, haben wir ein großes Sanierungsgebiet als vorbereitende Untersuchung in Arbeit, weil wir nicht wollen, dass Neuperlach komplett überformt wird. Wir sehen da ein großes Nachverdichtungspotenzial – das wollen wir eben gestalterisch bearbeiten. Da ist auch Prof. Hild mit seinem Lehrstuhl dran, wir begleiten das mit dem Sanierungsgebiet.

Die zweite Strategie ist die Umstrukturierung, wie z. B. im Werksviertel...

Das Werksviertel ist ein Sonderfall, weil es eine sehr heterogene Struktur hat. Es hatte diese Vorcodierung durch den Kunstpark-Ost, also mit einer starken kulturellen Identität, und es liegt an sich mitten in der Stadt. Und dass der Konzertsaal jetzt auch noch dorthin kommt, ist natürlich ein Glücksfall. Wir haben auch größere Umstrukturierungsgebiete: Im Süden die ehemaligen Siemens-Flächen „Isar-Süd“ und demnächst auch die Hoffmanns-Höfe, wo Bürostandorte von Siemens umstrukturiert worden sind, wo auch guter Wohnungsbau realisiert wurde – auch mit guter sozialer und schulischer Infrastruktur. Da stehen fünf Hochhäuser, die durchaus zeigen, man kann auch mit Hochhäusern interessanten Wohnungsbau machen. Diese Umstrukturierungsflächen definieren große Areale neu. Das ist immer eine Herausforderung, das gut zu managen. Auch beim Kreativquartier an der Dachauer Straße wird es ähnlich sein. Diese Umstrukturierungsgebiete haben eine große Kraft.

Die dritte Strategie ist das Weiterbauen. Irgendwann gehen dann ja die Flächen aus – ist die Stadt schon am Anschlag oder gibt es noch Reserven?

Ein Trend geht relativ klar dahin, dass man sich knifflige, schwierige, sehr heterogene Situationen am Stadtrand und dazwischen genauer anschaut. Das sind also nicht mehr die großen Flächen wie Freiham, das ist ja etwas Einzigartiges. Wir haben aber schon viele Bereiche, wie z. B. Obersendling, da geht eben die U-Bahn hin, zum Ratzinger Platz, also habe ich da relativ gute Möglichkeiten, etwas zu entwickeln. Die großen Flächen, auch am Stadtrand, sind auch schwierig wegen der Eigentümerschaften. Das wenigste gehört der Stadt. Die städtebauliche Entwicklungsmaßnahme ist ein Instrument, sozusagen über Umlegungsverfahren mit den Eigentümern zurechtzukommen. Zudem müssen wir mit der Schwierigkeit, eine gute öffentliche Nahverkehrsstruktur hinzubekommen, umgehen.

Stichwort Partizipation der Bevölkerung. Wie kommen Sie zu einem erweiterten Dialog mit den Bürgern?

Ich kann schon ganz ehrlich sagen, dass es natürlich nicht einfach ist. Ich bin ein großer Verfechter von Bürgerbeteiligung und versuche auch immer wieder neue Verfahren auszuprobieren. Jedes Projekt braucht eine andere Herangehensweise, und es ist ein Lernprozess, sowohl auf Seiten der Politik als auch der Verwaltung, der Experten und auch der Bürger. Ein gewisses gegenseitiges Misstrauen steht, glaube ich, oft im Weg. Andererseits können wir große Bürgerbeteiligungsprozesse auch nicht vertreten, wenn wir vorher nicht einen gewissen Rahmen gesetzt haben, der auch vom Stadtrat beschlossen wurde. Generell würde ich schon sagen, Bürgerbeteiligung und Partizipation ist einfach nicht mehr wegzudenken, und deswegen müssen wir uns anstrengen und das möglichst gut machen, quasi als Treuhänder – denn meine Bauherrenschaft sind ja in erster Linie die Bürger der Stadt – oder? Und dort, wo ich über städtische Flächen verfüge, sind sie noch mehr Bauherr als dort, wo es darum geht, was darf ein Privater auf so einem Gelände verwirklichen? Wir haben ja auch die sozial gerechte Bodennutzung und eine Fülle von Steuerungsinstrumenten zum Wohl eines nachhaltigeren Wachstums einzusetzen.

Wie berechnet sich die Siedlungsdichte - wann ist die Wachstumsgrenze erreicht?

Keiner würde sagen, man kann nicht in Paris leben – und Paris hat ja eine unendlich viel höhere Dichte, also Personen pro qm, als München. Die Dichte ist natürlich ein wesentlicher Kennwert. Aber eine Stadt kann nicht überall gleich dicht sein, sondern das hängt sehr von typographischen, morphologischen Kontexten ab, und es ist ganz stark auch eine Frage der Gestaltung. Wir machen mit dem Stadtrat ab und zu eine Art Dichtefahrt, wo wir in die verschiedenen Stadtquartiere fahren und uns Bestandsquartiere anschauen und Neubauquartiere. Und interessanter Weise ist es so, dass die dichtesten Quartiere, die einen Dichtekoeffizienten von über 3,8 haben, wie Schwabing, super ankommen. Ein gutes Beispiel ist der Agfa-Umstrukturierungspark, dort haben wir schon ganz ordentlich dicht gebaut, auch sparsam, weil wir den Weißenseepark hatten und uns da auch verzahnen konnten mit einem Sanierungsgebiet, wo wir auch für den öffentlichen Raum etwas tun konnten. Das hat dann wirklich etwas mit Raumkomposition, Baukultur und Gestaltung zu tun – und deswegen muss man bei diesen Debatten unheimlich aufpassen, dass es nicht nur um irgendwelche Quantitäten geht.

Allen Initiativen zum Trotz ist München der Preistreiberei und dem Spekulantentum ausgeliefert. Für Normalsterbliche sind die Mieten nicht mehr bezahlbar. Mit welchen Maßnahmen können Sie gegensteuern?

Wir erreichen über die soziale Bodennutzungsverordnung schon seit Mitte der 1990er-Jahre, eine Menge: Zum einen, dass die Infrastruktur in den Stadtquartieren gleichbleibend gut ist, weil wir einen Teil dieses Planungsgewinns reinvestieren können in diese Strukturen. Das andere ist, dass wir so kontinuierlich in allen Projekten eine Durchmischung kriegen, das bekommen andere Städte nicht so gut hin. Zwar wird die Wohnung durch Mischung nicht billiger, aber zumindest haben wir nicht nur Eigentumswohnungen, die ganz teuer sind. Bei privaten Baumaßnahmen haben wir 30 Prozent geförderten Wohnungsbau oder das Münchenmodell. Bei städtischen Flächen sind es 50 Prozent, bei genossenschaftlichem Wohnen auf städtischen Flächen 20-40 Prozent, und neuerdings haben wir noch den konzeptionellen Mietwohnungsbau. Auf städtischen Flächen haben wir eigentlich nur noch 10 Prozent klassischen frei finanzierten Wohnungsbau und der kommt in erster Linie Baugemeinschaften oder Genossenschaften zugute. Aber natürlich ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wer wüsste das besser als ich. Unsere Zielzahlen sind in den letzten Jahren hochgeschraubt worden, wir haben jetzt schon über 9.000 Wohnungen genehmigt. Zudem müssen wir aufpassen, dass nicht nur die Hochpreissegmente eine Chance haben und alles andere nicht mehr funktioniert. Deswegen sind städtische Entwicklungsmaßnahmen so wichtig. Da schließt sich dann der Kreis.

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Merk.
Das Interview führte Christina Haberlik.


Elisabeth Merk

Prof. Dr. (I) Elisabeth Merk, Architektin, ist seit 2007 Stadtbaurätin von München. Nach freiberuflicher Tätigkeit sowie Promotion in Florenz war sie 1995-2000 in München und Regensburg verantwortlich für Stadtgestaltung, städtebauliche Denkmalpflege und Sonderprojekte. 2000-2006 leitete sie die Stadtentwicklung und Stadtplanung in Halle/Saale. Elisabeth Merk ist seit 2005 Professorin an der HfT Stuttgart und seit 2015 Präsidentin der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL).