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Moderne Stadt der kurzen Wege

Baubürgermeister Thomas Dienberg zu seiner Perspektive und Aufgabenstellung

CUBE: Herr Dienberg, seit gut zwei Monaten sind Sie der neue Baudezernent von Leipzig. Wie... mehr
CUBE: Herr Dienberg, seit gut zwei Monaten sind Sie der neue Baudezernent von Leipzig. Wie leicht ist Ihnen der Umzug von Göttingen nach Leipzig gefallen?

Thomas Dienberg: Das ist eine ambivalente Angelegenheit. Mich für Leipzig zu entscheiden, ist mir sehr leicht gefallen. Leipzig bietet Aufgaben und ein Arbeitsumfeld, welches, ohne übertreiben zu müssen, ein Traum für jeden Stadtplaner darstellt. Aus Göttingen wegzugehen, ist natürlich auch schwergefallen. Man verlässt Freunde, Bekannte und ein Arbeitsumfeld, in dem man sich gut auskennt und in dem man sich vielleicht auch ein bisschen eingerichtet hat. Unterm Strich bin ich dankbar und glücklich über die Möglichkeit, in dieser Stadt arbeiten zu dürfen.

Was macht Ihrer Meinung nach Leipzig als Stadt so lebenswert?

Leipzig ist eine grüne Stadt. Sie hat kurze Wege. Sie hat einen hohen Anteil an gut erhaltener älterer Bausubstanz, sie hat Quartiere mit überwiegend ausgewogener Sozialstruktur. Leipzig ist eine Stadt, in der vielfältige Lebensentwürfe nebeneinander ihren Platz finden. Das schafft eine hohe Identifikation der Leipzigerinnen und Leipziger mit ihrer Stadt und macht sie für mich zu einer der interessantesten Städte Deutschlands.

Das Integrierte Stadtentwicklungskonzept Leipzig 2030 umfasst die Zukunftsstrategie zur Entwicklung Leipzigs für die nächsten 10 bis 15 Jahre. An welcher Stelle würden Sie erste Akzente setzen?

Das Integrierte Stadtentwicklungskonzept bietet mit seinem breiten und räumlich differenzierten Blick auf die Themen der Leipziger Stadtentwicklung eine hervorragende Grundlage, aktuell besonders drängende Themen zu vertiefen und voranzubringen. Im Kontext solch übergreifender Herausforderungen, wie beispielsweise sozialer Zusammenhalt oder Klimaschutz und Klimaanpassung, ist mir besonders wichtig, mich um das Thema bezahlbares Wohnen zu kümmern. Das ist die Voraussetzung dafür, soziale Vielfalt und Durchmischung zu fördern und zu erhalten. Hierfür braucht es auch eine vorausschauende und gemeinwohlorientierte kommunale Bodenpolitik. Mit Integration des Liegenschaftsamtes in mein Dezernat eröffnet sich die Chance, diese aktuell extrem wichtigen Themen noch besser und langfristig zu unterstützen.

Neben inhaltlichen Schwerpunkten braucht es einen differenzierten Blick auf unsere Stadt: Alle Stadträume haben ihre Bedeutung und Aufgaben für eine wachsende Stadt wie Leipzig. Wir Stadtplaner reden von der doppelten Innenentwicklung: Das heißt z. B. in innerstädtischen Quartieren, die Nutzungsmischung und die Balance von Bebauung und Freiraum zu erhalten. Vielerorts lassen sich Siedlungen durch Lückenschlüsse nachhaltig ausbauen und entwickeln. Es geht aber auch darum, innerstädtische Grünräume zu bewahren und zu qualifizieren. In diesem Zusammenhang bedaure ich die Bebauung der Grünfläche Otto Runki Platz sehr. Die dringend benötigte Schwimmhalle für den Leipziger Osten könnte auch gut 70 m weiter südlich im Bereich der Sporthallen errichtet werden. In den randstädtischen Ortsteilen geht es darum, Lücken in der Infrastruktur zu schließen. Beide Perspektiven sorgen für kurze Wege und alle Möglichkeiten für ein attraktives, lebendiges Zusammenleben der Bürgerinnen und Bürger.

Derzeit scheint die City von Leipzig ja eine einzige große Baustelle zu sein – wenn Sie es einmal auf den Nenner bringen: Was bekommen die Bürgerinnen und Bürger am Ende dafür?

Ich stimme Ihnen zu. Im Prinzip resultiert dieses Bild aus dem dynamischen Einwohnerzuwachs der letzten Jahre. Ein Anstieg von fast 93.000 Einwohnern seit 2010 bleibt nicht ohne Folgen für das Stadtbild. Die Straßen, Geh- und Radwege werden voller, Baulücken verschwinden, Neues entsteht. Investoren und Unternehmen haben Leipzig als interessanten Standort entdeckt und investieren in Wohnungen, Hotels, Bürogebäude usw. Die Innenstadt bietet hervorragende Lagemerkmale: Eine zentrale Anbindung direkt zum Hauptbahnhof mit attraktiven überregionalen Zugverbindungen sowie dem lokalen ÖPNV. Mit ihrer Vielfalt an Nutzungen – Wohnen, Arbeiten, Einkaufen – ist sie das exemplarische Beispiel für eine „Stadt der kurzen Wege“ im Sinne der Leipzig Charta. Ein attraktiv gebautes Umfeld mit qualitätsvoller historischer und moderner Architektur sowie gut gestaltete Grünanlagen runden das Bild ab. Ich denke, das ist es, was nicht nur Touristen, sondern insbesondere auch die Bürgerinnen und Bürger bereits schätzen: Der hohe Lebenswert, den Leipzig bietet. Die durchgehend belebten Parks, Plätze, Einkaufsstraßen und Gassen sind ein deutliches Zeichen dafür.

Die Wohnungssituation ist momentan bestimmt die drängendste Fragestellung in der Stadt. Eine ganze Reihe von Wohnprojekten auf innerstädtischen Flächen sind bereits aus dem Boden gestemmt worden. Was halten Sie denn von dem, was da entstanden ist?

Noch hatte ich nicht die Zeit, mir alles anzusehen. Jedoch stelle ich ein weiteres Ansteigen beim Baugeschehen fest. Insbesondere die Zahlen zu den Baufertigstellungen im Geschosswohnungsbau sind kontinuierlich gestiegen. Es ist zu erkennen, dass eine hohe bauliche Dichte in den zen­trumsnahen Lagen realisiert wurde und es gerade bei Projekten mit vielen Wohnungen eine gewisse Zeit dauert, bis diese vollständig vermietet sind.

Wo besteht Bedarf an Nachbesserung?

Neben den notwendigen Quantitäten dürfen wir auch die Qualitäten nicht vernachlässigen. Gebäude prägen unser Umfeld auf viele Jahrzehnte hinaus und sollten sich daher mit qualitätsvoller Architektur in die bereits gebaute Umgebung sehr gut einfügen. Hier sehe ich Luft nach oben. Wir müssen den Anspruch haben an die räumlichen und gestalterischen Qualitäten der Gründerzeitquartiere anzuknüpfen ohne diese zu kopieren. Ich wünsche mir, dass bedarfsgerechte Wohnungen für die verschiedensten Einkommens- und Altersgruppen der Leipziger Bevölkerung entstehen.   Des Weiteren hoffe ich auf Impulse der Bau- bzw. Wohnungswirtschaft, wie wir schneller zu mehr fertiggestellten Wohnungen kommen und den notwendigen Schritten hinsichtlich Absenkung des Ressourcenverbrauchs und wirksamen Maßnahmen beim Klimaschutz gerecht werden können.

Mit steigenden Grundstückspreisen, die deutlich über dem sächsischen Durchschnitt liegen, hat die Stadt ein vergleichsweise hohes Investitionshindernis, wenn es um geförderten Wohnungsbau geht. Was könnte die Stadt Ihrer Ansicht nach tun, um günstigen Wohnraum zu schaffen?

Da der Wohnungs- und Grundstücksmarkt privatwirtschaftlichen Regeln unterliegt und nur zu einem kleinen Teil in kommunaler oder gemeinnütziger Hand liegt, müssen Städte und Gemeinden mit angespannten Marktlagen ihre Kompetenzen bündeln, um die Rahmenbedingungen für bezahlbares Wohnen so attraktiv wie möglich zu gestalten. Dazu zählen so unterschiedliche Maßnahmen wie der Verkauf von Arrondierungsflächen an bauwillige Nachbarn mit der Verpflichtung zur Errichtung von anteiligem günstigen Wohnraum, der Ankauf von Flächen zum Verkehrswert oder auch die Bereitstellung weitgehender Beratungsangebote zum bezahlbaren Wohnen oder zu kooperativen Wohnprojekten. Dazu gehört aber auch der Erhalt des bezahlbaren Wohnraums durch den Einsatz der Instrumente des Baugesetzbuches wie beispielsweise Soziale Erhaltungssatzungen, Baugebote oder möglicherweise Zweckentfremdungsverbote und Mietpreisbremse. Schließlich setzen wir uns dafür ein, dass die zur Verfügung stehenden Wohnungsbaufördermittel zielgerichtet eingesetzt und mittelfristig weiter ausgebaut werden.

Auf der anderen Seite: Was könnte das Land tun, damit sich die Situation in wachsenden Metropolregionen wie Leipzig entschärft?

Die Metropolregion Mitteldeutschland, deren Mitglied auch Leipzig ist, entwickelt sich höchst unterschiedlich. Es gibt in den Landkreisen Gemeinden, die weiterhin schrumpfen und überaltern, und im Gegenzug Gemeinden bzw. Städte, die deutlich wachsen. Betrachtet man die in Bau und Planung befindlichen Wohnbauvorhaben in der Region, scheint der bestehende Wohnungsbedarf bei Realisierung dieser Vorhaben mehr als gedeckt zu sein. Ziel muss es daher sein, die zukunftsfähigsten Standorte prioritär zu entwickeln. Hierbei wird es in erster Linie um Standorte mit guten öffentlichen und privaten Versorgungseinrichtungen gehen, d. h. diese Standorte sollten vorzugsweise eine gute Schienenanbindung oder andere attraktive ÖPNV-Anbindungen aufweisen und in integrierten Standorten der Zentren liegen. Für die Stadt Leipzig spielt dabei insbesondere der verkehrsvermeidende Effekt eine Rolle, um das innerstädtische Verkehrsnetz nicht durch ansteigende Pendlerverkehre mit dem Auto zu überlasten. Im Rahmen von Forschungsprojekten arbeitet die Stadt Leipzig mit verschiedenen Akteuren der Region zusammen, um gemeinsam Grundlagen zur Erarbeitung eines regionalen Wohnbauflächenkonzepts zu erarbeiten. Im Sinne einer flächensparenden Siedlungsentwicklung wäre es wünschenswert, wenn der Freistaat die Nachnutzung und Entwicklung von Brachflächen und leerstehenden Gebäuden noch mehr befördern würde.

Wichtig ist jedoch auch, dass solch eine Region als Wirtschaftsraum begriffen und eingeordnet wird. Dieser benötigt eine leistungsfähige Infrastruktur und das bedeutet nicht nur gut ausgebaute Straßen. Insbesondere die Erreichbarkeiten von Anknüpfungspunkten zum Schienennetz, die Taktzeiten und Kapazitäten bedürfen eines gezielten Ausbaus und Förderung durch den Freistaat. Pendlerbewegungen, die den motorisierten Individualverkehr nutzen, können dadurch umgelenkt werden. Zur leistungsfähigen Infrastruktur gehört auch, eine leistungsfähige Breitbandversorgung in der gesamten Metropolregion auf den Weg zu bringen, um Unternehmens- und Wohnstandorte attraktiv zu halten – nicht zuletzt für Möglichkeiten des Homeoffice, welches für sich ebenfalls einen verkehrsvermeidenden Effekt haben kann.

Sie haben sich in Ihrer Arbeit in Göttingen verstärkt für den Mobilitätswandel und den Ausbau der Fahrradinfrastruktur in der Stadt eingesetzt. Steht dies auch in Leipzig in den kommenden Jahren auf Ihrer Agenda?

Ein Schwerpunkt wird sein, die Verkehrswende ökologisch und sozial orientiert voranzutreiben. Beim Thema Mobilität wurde in Leipzig viel Vorarbeit geleistet, nun geht es darum, wie man eine möglichst gute Förderung des Umweltverbundes – also der Verkehrsträger Fußgänger, Radfahrer und ÖPNV – hinbekommt. Ein wesentlicher Punkt ist, dass das Angebot künftig weiter ausgebaut wird. Mit der Mobilitätsstrategie 2030 steht die grundlegende Strategie, jetzt müssen wir schneller in die Umsetzung der Maßnahmen kommen. Das ist mit viel Geld und Planungskapazitäten verbunden.

Beim Thema Radverkehr geht es im Wesentlichen darum, was Leipzig längst begonnen hat: Die Rahmenbedingungen für den Radverkehr auf den Hauptverkehrsstraßen zu verbessern – da ist nach wie vor viel zu tun. Im nächsten Schritt müssen wir uns anschauen, wo es jenseits der Hauptverkehrsrouten umsetzbare Möglichkeiten gibt, neue Radverkehrsverbindungen zu errichten, die dann im Idealfall später einmal ein eigenes Netz darstellen. Mit dem Radschnellweg in Göttingen haben wir gezeigt, dass es möglich ist, eine Route durch eine gebaute Innenstadt zu legen. Hierbei hat sich auch gezeigt, dass es weniger die Trassierung selbst ist, sondern vielmehr der kluge Umgang im Ausbau der Knotenpunkte. Unser Ziel ist eine zügige und komfortable Radverkehrsführung für die ganze Stadt.

Wie wichtig ist Ihnen Nachhaltigkeit in der Architektur? Wie würden Sie persönliche eine „qualitätsvolle Baukultur“ definieren?

„Leipzig wächst nachhaltig“ ist der Leitsatz des Integrierten Stadtentwicklungskonzepts von Leipzig. Damit ist die Architektur nur ein Aspekt von vielen innerhalb des „Organismus“ Stadt. Wir benötigen Gebäude, die vielen Anforderungen gerecht werden müssen. Die Wohnungen sollen bezahlbar sein, die Dachflächen Energie erzeugen, diese im Keller speichern und die Nutzer sollen am Ende wenig davon verbrauchen müssen. Die gewählten Baustoffe sollten mit geringem Energieeinsatz hergestellt, transportiert und verarbeitet werden. Fassadenbegrünung soll dazu beitragen, Hitze durch Sonneneinstrahlung zu reduzieren. Regenwasser gilt es zu speichern und entweder zeitversetzt abzuleiten oder verdunsten zu lassen.

Aber auch die Nutzungskonzepte für Gebäude müssen heute flexibler werden und generationenübergreifend funktionieren. Spannend wird es hier, wie sich das Verhältnis von Büroarbeit und Homeoffice in der Architektursprache niederschlägt. In diesem Dreiklang ist die Nachhaltigkeit von Architektur immer wieder neu zu bewerten und hinsichtlich der gewünschten Funktion zu hinterfragen. „Qualitätsvolle Baukultur“ kann man nicht richtig oder falsch definieren. Sie steht für einen Dialog und ist ein Prozess, der mit einer Definition von Rahmenbedingungen sowie der Aufgabenstellung beginnt. Eine gute Basis bilden hierzu Wettbewerbsverfahren und etablierte Austauschplattformen wie das Gestaltungsforum der Stadt.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Haben Sie bereits einen Lieblingsort für sich entdeckt, an dem Sie sich am besten vom Stress des Jobs entspannen können?

Der Cossi war im September für mich ein schöner Ort zum Entspannen und natürlich das Rosental, das auf dem Weg von meinem zu Hause ins Rathaus liegt.

Herr Dienberg, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Thomas Dienberg

1962 geboren in Bocholt
1981–1988 Studium der Raumplanung, Universität Dortmund
1991–1993 Städtebaureferendariat, Landeshauptstadt Hannover
1994 Thalen Consult GmbH, Neuenburg
1994–1996 Stadt Northeim, Leiter des Bauordnungs- und Hochbauamtes
1997–2001 Stadt Northeim, Leiter des Stadtplanungs- und Bauordnungsamtes
2001–2004 Stadt Göttingen, Leiter des Stadtplanungsamtes
2004–2012 Stadt Göttingen, Leiter der Dezernate für Planen und Bauen
2012–2020 Stadt Göttingen, Leiter der Dezernate für Planen, Bauen und Umwelt
9/2020–dato Stadt Leipzig, Bürgermeister Stadtentwicklung und Bau


(Erschienen in CUBE Leipzig 01|20)

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