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Krähennest statt Umzug

Durch das Ausloten von Raumreserven entsteht Platz

Der Architekt Gerd Streng hat sich intensiv mit der Frage nach Platzressourcen in bestehenden... mehr

Der Architekt Gerd Streng hat sich intensiv mit der Frage nach Platzressourcen in bestehenden Wohnsituationen, speziell von Familien, auseinander gesetzt. Sein Ziel ist es, die richtige Menge Platz am richtigen Ort zu finden, indem er die vorhandenen Grundrissstruktur geringfügig, aber gezielt reorganisiert. Mit seinen „Stair Case Study Houses (SCSH)“ zeigt er exemplarisch, wie durch das Ausloten von Raumreserven Platz entsteht: für Treppen in unzugängliche Etagen, für Aufbewahrung, Aufenthalt und Erschließung – wie in der vorliegenden kleinen Jugendstilvilla in Niendorf.

Der Spitzboden sollte erschlossen und in die Wohnfläche integriert werden. Eine Raumspartreppe war für den über zwei Meter großen Bauherren aufgrund fehlender Kopfhöhe keine Option. Auch etliche Varianten von Dachgauben wurden geprüft und wieder verworfen. Erst eine entschiedene Vergrößerung des Dachvolumens mit hochbaulicher Unterstützung durch publicplan Architektur + Gestaltung schuf den gewünschten Gewinn an Raumqualitäten. Der neue Baukörper führt die Dachflächen des straßenseitigen Giebels fort und fügt sich als Split-Level-Ebene in die historische Bausubstanz ein. Das Haus öffnet sich dadurch großzügig zum Garten und zum neu gewonnenen Westbalkon. Der Spitzboden erfährt eine windmühlenflügelartige Erweiterung mit verbesserter Stehhöhe. Ein subtiler Knick in der Ostfassade verstärkt die perspektivische Wirkung des schlanken Neubaus. Die neue überdachte Terrasse zwischen Küche und Garten ist mit ihren signalgelben Stützen über vier Meter hoch und rahmt den Blick in das üppige Grün. Unter dem Sitzpodest wurde ein Fahrradstellplatz integriert. Das Souterrain unter der Terrasse dient als Abstellraum für Gartengeräte.

Die neue zweiläufige Treppenanlage aus beschichteten Multiplexplatten erschließt das neue Bauvolumen, in dem eine schwebende Ebene als „Krähennest“ eingehängt ist. Von hier aus kann man die hervorragende Rundumsicht genießen und hat zugleich auch einen Rückzugsort – wie im Mastkorb am vorderen Schiffsmast. Auch Bullaugen, Takelagenetz oder Stützmasten beziehen sich auf die Lieblingsbeschäftigung der segelbegeisterten vierköpfigen Bauherrenfamilie. Der tribünenartige zweite Treppenlauf dient als Sitzmöbel, die Zwischenstufen sind als Aufbewahrungskisten gestaltet. Die verglasten Aussparungen in den Setzstufen sorgen für die natürliche Belichtung des innen liegenden Flurs. Der bis zu 3,40 Meter hohe Multifunktionsraum kann flexibel zum Arbeiten, Spielen oder als zweites Wohnzimmer genutzt werden.

www.gerdstreng.de

Fotos:

Uwe Scholz

(Erschienen in CUBE Hamburg 01|23)