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Die Spur der Steine

Kultur und Natur im Dialog

Mit dem KulturWerk hat die Stadt Norderstedt ihre über die Stadt verteilten Kultureinrichtungen... mehr
Mit dem KulturWerk hat die Stadt Norderstedt ihre über die Stadt verteilten Kultureinrichtungen an einem Ort zusammen geführt. Das Hamburger Büro me di um Architekten wurde beauftragt, das ehemalige Kalksandsteinwerk zu sanieren und umzubauen und mit einem Neubau zu ergänzen. Den beiden Architekten Klaus Roloff und Michael Ruffing gelang ein ganz spezieller und besonderer Veranstaltungsort. Gemäß ihrer Entwurfsidee spielen die Geschichte des Kiesabbaus und die Produktionsabläufe der Steinherstellung eine zentrale Rolle. Die Menschen sollen die „Spur der Steine“ erkennen und begreifen, dass der Kiesabbau mit dem nahen Baggersee eine sichtbare Wunde hinterlassen hat. Auch im heutigen Gebäude sollen die Abläufe des ehemaligen Produktionsprozesses abzulesen sein.

Die Gestaltung des Außenbereichs unterstützt den Besucher ebenfalls in diesem Erleben. Die Ostwand des Kalksandsteinwerks stellt die Schnittstelle zwischen Natur und Gebäude dar. Aus der Fassade werden gelochte Kalksandsteine herausgedreht. Diese ermöglichen, dass sich die Natur des Gebäudes bemächtigen und eine unkontrollierte Begrünung der Fassade entstehen kann. In Absprache mit dem NABU wurden Nisthilfen für Mauersegler, Fledermäuse und Insekten in das Mauerwerk integriert. Die Natur holt sich zurück, was ihr einst mühsam abgerungen wurde. Sinnbildlich steht für diesen ewigen Kampf zwischen Zivilisation und Natur ein Baumtrog mit einer Bergkiefer, der sich aus der Wandöffnung der früheren Förderbandebene herausschiebt, gleichermaßen Zitat und Signet.

Architektonisch und konzeptionell ist die Nutzungsverteilung im Gebäude analog zum früheren Produktionsablauf der Steinherstellung organisiert. So wurde das Herzstück der Fabrik, die ehemalige Pressenhalle, zum Veranstaltungssaal umgebaut. Auch die erhöhten Revisionsbalkone und die Ebene der Mischen-Silos wurden dem Saal als Rangbereiche zugeschlagen. Die Beibehaltung der von funktionalen Abläufen geprägten industriellen Form der Pressenhalle führte zu einem räumlich eigenwilligen und sehr markanten Veranstaltungsraum.

Die ehemalige Verschiebebahn des Kalksandsteinwerks wird zum Foyer, dem Corso. Seine Gestaltung bezieht sich auf die ehemalige Funktion dieses Raumes. Analog der linearen Bewegung der Schiebe-Loren, können heute Kassen und Sitzbänke sowie der Bartresen verschoben werden. Dies ermöglicht die flexible Installation immer neuer Raumsituationen. Doch nicht nur die mechanische Funktionalität der Einbauten wird in das Nutzungskonzept einbezogen. Vor allem die langgestreckte, lineare Ausrichtung des Gebäudes ermuntert die Besucher zum Flanieren. Der Corso - das Sich-Zeigen und Gesehen-Werden - wird zum wichtigen Moment des Abends.

Die lüftungstechnische Versorgung des Gebäudes erfolgt mittels einer Hybridlüftung, die sämtliche Räume mit einem Quellluftsystem natürlich belüftet, was vor allem bei klassischen Konzerten und Theateraufführungen von großem Vorteil ist, da es keine Hintergrundgeräusche wie bei einer mechanischen Lüftung gibt. Ebenfalls wurde ein für diesen Ort maßgeschneidertes, energieoptimiertes Gebäudekonzept entwickelt, das aus einer Vielzahl regenerativer Komponenten besteht.

Der Neubau der Musikschule ist ein wichtiger städtebaulicher und funktionaler Bestandteil des Ensembles KulturWerk Norderstedt. Als viel genutzte Ausbildungseinrichtung belebt sie den Standort zusätzlich. Der neu geschaffene weiße Kubus der Musikschule und das industriell geprägte Bestandsgebäude des Kalksandsteinwerks erzeugen durch den Dialog zwischen Alt und Neu ein spannungsvolles Nebeneinander. Die Musikschule setzt sich aus zwei Bauteilen zusammen. Der zurückgesetzte Kubus ist als frei stehender Baukörper positioniert, doch durch die Verlängerung der Verschiebebahn des KulturWerks entsteht eine Art Spange, die das Foyer aufnimmt und die verschiedenen Gebäude des Kulturzentrums räumlich verbindet. Bei Großveranstaltungen ist außerdem eine gemeinsame Nutzung möglich.

Der Innenraum des Erdgeschoß der Musikschule ist von Stützen freigehalten, was durch zwei geschosshohe, wandartige Betonträger ermöglicht wird. Hier ist dann auch der große Chor-Proberaum angeordnet. Ergänzend zu den tragenden Flurwänden erhält das 1. Obergeschoß ebenfalls umlaufende Fassadenstützen. Weitere sechs Proberäume befinden sich hier, im Kellergeschoß gibt es noch spezielle Proberäume für elektronisch verstärkte Musik sowie Aufnahmeräume. Im Unterschied zu den anderen Geschossen wird das oberste 2. Obergeschoß von einer leichten Stahlkonstruktion gebildet, deren schlanke Fassadenstützen eine stählerne Dachkonstruktion tragen, die den Innenraum stützenfrei überspannt und Raum für den lichtdurchfluteten Ballettsaal bietet, mit herrlichen Ausblicken über Baggersee und Stadtpark.

Das regenerative Energiekonzept stützt sich beim Gebäude der Musikschule in erster Linie auf ein natürliches Lüftungskonzept. Durch Kippstellung der Fenster stellt sich eine thermisch angetriebene Luftdurchspülung ein. Diese sorgt dafür, dass über Nacht die thermischen Lasten aus dem Gebäude abgeführt werden und dadurch die Räume im Sommer nicht überhitzen. Als Antriebsmotor für die natürliche Luftdurchströmung fungiert das über alle vier Stockwerke durchgehend offene Treppenhaus. Die Abströmung der verbrauchten Luft erfolgt über das Dach durch Fensterklappen am höchsten Punkt. Die zweischalige Fassade erzeugt einen Zwischenraum, der sowohl die Abstrahlungsverluste aus dem Gebäude als auch die Kälteeinwirkung der Außenluft abpuffert. Die „Doppelfassade“ mit den gelochten Kalksandsteinen bietet im Sommer einen stationären Sonnenschutz und fungiert im Winter als Kollektorfassade mittels Wärmestrahlung der Massebauteile.

So entstand ein maßgeschneidertes Kulturzentrum für Norderstedt. Aus dem Dialog zwischen Historie und Gegenwart erwächst ein zukunftsfähiges Neues, eine Spannung, die der Besucher spürt. Der Ort hat sich verändert, aus der Fabrik wurde ein „Haus für Alle“.

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