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DÄNEMARK-SPEZIAL: Pragmatischer Utopismus

Jasagen tut not

Mit diesen Worten beschrieb Bjarke Ingels die Architektur von BIG anlässlich der Ausstellung der... mehr

Mit diesen Worten beschrieb Bjarke Ingels die Architektur von BIG anlässlich der Ausstellung der Arbeiten des Büros im Dänischen Architekturzentrum 2009 in Kopenhagen. Mit Humor und einer Prise Widerborstigkeit gestaltete BIG die Präsentation als begehbaren Comic und erzählte lauter Geschichten, um zu zeigen wie Architektur bei BIG konkret entsteht: Unter chaotischen Randbedingungen, in Reibung an der Wirklichkeit voller Widerstände, Hindernissen und Fehlschlägen. Erst Improvisation und Anpassung führen zum Erfolg. Statt über Widerstände, Probleme und Fehlschläge zu jammern, sagt BIG ganz bewusst Ja zur Wirklichkeit, zur Stadt, zum Leben: „Yes is more“ lautet das erfolgreiche Motto der Gruppe und auch der gleichnamige „Archicomic“ von Bjarke Ingels. Eine lesenswerte Monographie der besonderen Art, ein Manifest, das tiefe und dabei unterhaltsame Einblicke in das Denken und die Arbeitsweise von BIG gestattet und gekonnt mit den bekannten Maximen bekannter Architekten wie „less is more“ von Mies van der Rohe, „less is a bore“ von Robert Charles Venturi oder „more is more“ von Rem Kohlhaas spielt.
Nach Bjarke Ingels wird Architektur seit jeher von zwei konträren Extremen beherrscht. Auf der einen Seite gibt es eine Avantgarde voll wilder Ideen – oft so realitätsfern, dass sie meist kuriose Randerscheinungen bleiben. Auf der Gegenseite sieht er eine Riege gut organisierter Unternehmensberater, die vorhersehbar langweilige, aber qualitativ hochwertige Klötze bauen. Er sieht die Architektur scheinbar fest verwurzelt zwischen diesen beiden gleich unfruchtbaren Gebieten, zwischen naiv-utopisch und bis zur Erstarrung pragmatisch. Statt sich für eine Seite zu entscheiden, will BIG in der fruchtbaren Schnittstelle agieren. Das meint Bjarke Ingels mit „pragmatisch-utopischer Architektur“. Er will eine Architektur, die gesellschaftlich, wirtschaftlich und ökologisch perfekte Orte schafft. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Bjarke Ingels kritisiert das Selbstverständnis der unterschiedlichen Avantgarden, da sie sich nicht durch das definieren, was sie bejahen, sondern durch das, was sie ablehnen. Das sieht er als Grund für die fruchtlose Abarbeitung an Widersprüchen seit Generationen. BIG will das nicht fortführen, statt wie üblich radikal gegen wahlweise den Kontext, das Establishment, die Anwohner, das Budget zu sein, wollen sie radikal versuchen, es möglichst allen recht zu machen.

So wie Charles Darwin Schöpfung als kontinuierliche Folge von Überschuss und Auslese verstand, schlägt BIG vor, die Kräfte der Gesellschaft und die vielfältigen Interessen der Allgemeinheit bestimmen zu lassen, welche Ideen des Büros leben oder sterben müssen. Weil das Leben sich weiterentwickelt, müssen sich mit ihm auch die Städte und Architekturen weiterentwickeln. BIG verfolgt einen evolutionären Ansatz, nur diejenigen Ideen werden und sollen Bestand haben, die sich am besten an Veränderungen anpassen.

Vier der zahlreichen Projekte von BIG sollen hier die Arbeit und das Selbstverständnis des Büros illustrieren.

Die VM Häuser stammen aus der Anfangszeit des Büros und wurden 2005 gemeinsam mit Julien de Smedt realisiert. Sie waren das erste Wohnprojekt im neuen Kopenhagener Stadtteil Ørestad. Der Masterplan sah weitestgehend eine quadratische Blockrandbebauung vor, entsprechend der vorherrschenden städtebaulichen Struktur Kopenhagens.

BIG öffnete, knickte und drehte den Block bis an die Grenzen des rechtlich Zulässigen und erreichte damit maximale Ausblicke auf die umliegenden Landschaften und vermied gleichzeitig die als langweilig empfundene Vis-a-Vis-Situation der beiden Gebäude. Von oben betrachtet sehen die Häuser wie ein V und ein M aus. Auf der Seite der bestehenden Vorstadt haben die Häuser vier Stockwerke und steigen dann in Richtung neuer, dichter Stadt bis auf zwölf Stockwerke an. Im V-Haus befinden sich Eigentumswohnungen mit südorientierten, keilförmigen Balkonen, die minimale Verschattung mit maximaler Auskragung verbinden und das Gefühl vermitteln, auf einem Schiffsbug zu stehen.

Geschosshohe Verglasungen der Wohnungen unterstützen die grandiosen Ausblicke. Das M-Haus ist eine großzügige Neuinterpretation der Corbusierschen Wohnmaschine mit durchgehenden, bunten Fluren, an den Enden verglast und als gemeinschaftliche Aufenthaltsräume für alle Mieter konzipiert. In beiden Häusern entstanden 225 Wohnungen mit mehr als 80 Grundrissvarianten.
The Battery ist eine Studie, die BIG im Auftrag der Stadt Kopenhagen für das Gelände des ehemaligen Militärschießplatzes entwarf. Aus einem ersten Plan für eine Universitätserweiterung, eine Moschee und neue U-Bahnlinie entstand ein komplexes und hoch verdichtetes Projekt eines Zentrums mit Wohnungen, Büros, Kitas, kulturellen Angeboten, Einkaufsmöglichkeiten und einer Moschee. BIG entwickelte eine Art städtisches Gebirge mit urbanen Gipfeln, parkähnlichen Schluchten, öffentlichen Höhlen und bewohnten Terrassenfeldern. In das Volumen des Bergkamms schnitt BIG Verbindungswege und verknüpfte so The Battery mit den umliegenden Stadtteilen.

Noch weit darüber hinaus geht der Entwurf von Loop City, ein umfassendes Stadtentwicklungskonzept für ein Gebiet von 11 km² Größe im Bereich von insgesamt 20 Entwicklungsgebieten in Kopenhagens Vororten, die durch eine neue Stadtbahn verbunden werden sollen. BIG schlug die Bahn in Kombination mit einem System von Elektroautos als Rückgrat der städtischen Entwicklung vor und entwickelte Strategien für eine neue Infrastruktur für Energie, Abfall und Wasser.

Die Idee von Loop City bietet eine Entwicklungsperspektive für die nächsten 50 Jahre und sieht eine grenzüberschreitende Region zwischen Schweden und Dänemark vor, mit einer Reihe ganz unterschiedlicher städtischer Knotenpunkte, Universitäten und Arbeitsbereichen als Modell für eine sowohl nachhaltige als auch dichte, der Erholung dienende Entwicklung des Gebietes.

West 57th ist ein Gebäude von außergewöhnlicher Form, das 600 Wohneinheiten unterschiedlicher Größe enthält sowie kulturelle Angebote und Büros im Sockel. Es ist das erste Projekt von BIG in New York und befindet sich aktuell im Bau. Als eine Art Hybrid zwischen dem klassischen Block Kopenhagens und dem traditionellen Hochhaus Manhattans verbindet das neue Gebäude beide Vorteile: Die Kompaktheit und Effizienz des Blocks mit einem Hof, der Dichte und ein Gefühl von Privatheit und Sicherheit vermittelt sowie die Luftigkeit und grandiosen Ausblicke des Hochhauses. Durch die drei niedrig gehaltenen Ecken des Blocks und das Hochziehen der Nord-Ost-Ecke auf über 140 m Höhe bietet der Hof Blicke auf den Hudson River und sorgt für optimale Belichtung. Bjarke Ingels vergleicht den Hof mit dem Central Park und seiner Lage in der Stadt. Der Hof ist wie ein riesiger grüner Garten umgeben von einem dichten Wall von Wohnungen.

Ein Porträt von Bettina Schön


BIG Bjarke Ingels Group

Der dänische Architekt Bjarke Ingels (Jahrgang 1974) gründete die Bjarke Ingels Group (BIG) 2005 in Kopenhagen. Das weltweit tätige Büro wird heute von acht Partnern geleitet (von links: Andreas Klok Pedersen, Thomas Christoffersen, Bjarke Ingels, Jakob Lange, Finn Nørkjær, David Zahle, Kai Uwe Bergmann, Sheela Maini Søgaard). In Deutschland gewann BIG den Wettbewerb für das IBA-Projekt Maritimes Wohnen am Kaufhauskanal. BIG ist eine Gruppe von Architekten, Designern, Bauhandwerkern und Denkern, die interdisziplinär in den Bereichen Architektur, Urbanismus, Forschung und Entwicklung tätig ist. Die Methoden, Lösungsansätze und Arbeitsabläufe der Gruppe sind unkonventionell, kreativ und selbstbewusst. Die oft spektakulären Arbeiten und Ideen von BIG finden ein breites öffentliches Interesse. CUBE porträtiert die Gruppe und stellt einige ihrer Projekte vor.
www.big.dk

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