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Sich öffnen und kommunizieren!

Ein Gespräch mit Kunstsammlung NRW-Direktorin Prof. Dr. Susanne Gaensheimer über das K20/K21 und das Kunstzentrum Düsseldorf

CUBE: Frau Gaensheimer, vor anderthalb Jahren haben Sie Ihr Amt in der Kunstsammlung NRW... mehr
CUBE: Frau Gaensheimer, vor anderthalb Jahren haben Sie Ihr Amt in der Kunstsammlung NRW angetreten nach langer Zeit in Frankfurt. Haben Sie schon das Gefühl im Rheinland angekommen zu sein?

Susanne Gaensheimer: Seitdem das K21 im vergangenen Herbst wiedereröffnet wurde, fühle ich mich angekommen. Gerade das K21 ist ja in den letzten Jahren etwas in den Hintergrund geraten. Das Profil musste daher geschärft werden. Wir haben das Haus modernisiert, aber auch programmatisch neu ausgerichtet. Das Feedback zeigt uns, dass es jetzt deutlich stärker wieder im Bewusstsein der Stadt verankert ist.

Unter Ihrer Vorgängerin waren die Grenzen zwischen K20 und K21 mehr und mehr verschwommen – welche Arbeitsteilung verfolgen Sie?

Ich möchte wieder stärker die Initialidee der Doppelinstitution aufgreifen: Im K21 zeigen wir ausschließlich internationale Gegenwartskunst, im K20 steht die klassische Moderne und Nachkriegsmoderne im Zentrum – wobei das nicht ausschließt, dass wir hier auch die Gegenwart bei der einen oder anderen Ausstellung ergänzend hinzuziehen.

Sie sind auch angetreten mit dem Ziel, beide Häuser zu öffnen – inwiefern?

Zunächst einmal vollziehen wir eine programmatische Öffnung, indem wir etwa mit der Ausstellung „museum global“ unsere Sammlung internationalisieren und das Museum zur Stadtgesellschaft öffnen. Außerdem veranstalten wir Formate für ein breites kunstinteressiertes Publikum, wie ganz klassische Künstlergespräche und Vortragsreihen, aber auch neue Formate wie eine Performance-Reihe. Offener wird das Museum aber auch, weil wir sowohl internationale als auch lokale Künstler zeigen – auch in der Sammlungspräsentation, wofür wir zukünftig übrigens auch mit der Düsseldorfer Kunstakademie kooperieren werden. Neben der Programmatik geht es mir aber auch sehr darum, die Kommunikation der Stiftung zu verändern. So sind wir dabei, unser digitales Marketing auszubauen, indem wir die Sammlung online stellen, aber auch digitale Netzwerke intensiver bespielen.

Wenn Sie auch die Kunstakademie im K21 präsentieren wollen – machen Sie sich da nicht unnötige Konkurrenz mit dem KIT Kunst im Tunnel?

Es wäre sicher kontraproduktiv, wenn es innerhalb der Stadt deshalb zu einer Konkurrenzsituation käme. Deswegen haben wir unser Vorhaben auch mit dem KIT und seiner Leiterin Frau Peters abgesprochen. Wir werden uns sehr punktuell – einmal im Jahr – ausschließlich auf die Absolventinnen und Absolventen der Kunstakademie konzentrieren, die auf diese Weise auch die Möglichkeit bekommen, in einem musealen Kontext auszustellen.

Geöffnet haben Sie das K21 auch räumlich: Nicht nur das Erdgeschoss, sondern auch das erste Obergeschoss sind jetzt frei zugänglich, ohne dass man ein Ticket lösen muss.

Auf unser frei zugänglichen „Besucheretage“ zeigen wir das vor einigen Monaten eröffnete Archiv der legendären Düsseldorfer Galeristen Konrad und Dorothée Fischer. In den Beständen kann man sowohl online stöbern als sich auch Einzelobjekte vor Ort präsentieren lassen. Außerdem haben wir hier Workshop-Räume und den Salon21 – ein im Vergleich zur Piazza deutlich intimerer Raum, in dem wir auch mal kleinere Veranstaltungen durchführen können. Tagsüber kann man sich hier aber auch ganz ungezwungen aufhalten, einfach ein bisschen chillen mit WLAN-Zugang und das Ambiente auf sich wirken lassen.

Und über alldem schwebt auch weiterhin Tomas Saracenos „In Orbit“?

Das ist natürlich ein Publikumsliebling, dessen Existenz wir zumindest für die nächsten drei Jahre sichern konnten. Unser neuer Hauptsponsor Samsung übernimmt dafür die Kosten der technischen Instandhaltung, die aufwendig ist und permanent erfolgen muss. Nach Ablauf dieser Phase wird man erneut prüfen, ob die Installation noch weiter im Hause bleibt. Irgendwann sollte man ja auch mal etwas Neues machen.

Ein wichtiges Pfund des Stammhauses K20 ist die vom Land NRW seit 1961 aufgebaute Sammlung von Werken der klassischen Moderne. Wie verfahren Sie damit zukünftig? 

Als Museum hat man die Aufgabe, mit der eigenen Sammlung zu arbeiten, auf der Basis der eigenen Geschichte. Die Sammlung des K20 ist eine europäische Sammlung der klassischen Moderne und der Nachkriegsmoderne vor allem in den USA – und das mit einer sehr hohen Signifikanz. Sie ist weltberühmt und ist daher auch im permanenten Austausch mit anderen großen Museen in der Welt. Diese Ausrichtung wollen wir nicht über Bord werfen – aber weiter öffnen und erweitern. Mit der Ausstellung „Museum Global“ haben wir dazu eine erste Initiative unternommen, indem wir gezeigt haben, was parallel zu den ersten Jahrzehnten der Moderne in Europa in der Kunst in Japan, in Ländern Lateinamerikas, in Russland usw. passierte. Diesen Faden werden wir an gegebener Stelle wieder aufnehmen und fortspinnen.

Ist die Öffnung des geographischen Kunsthorizontes allein dem heute erwarteten globalen Verständnis von Kunstgeschichte geschuldet – oder geht es letztlich auch darum, der realen Multiethnizität und Diversität der Besucher entgegen zu kommen?

Auch die Kunstsammlung NRW muss die raschen Veränderungen unserer Gesellschaft auf allen Ebenen deutlicher spiegeln. Selbst kleine mittelständische Unternehmen agieren heute global; immer mehr Kinder haben eine internationale Bildungskarriere. Da kann doch auch unser Blick auf die Kunstgeschichte nicht an nationalen oder kontinentalen Grenzen aufhören.

Welche Rolle wird denn vor diesem Hintergrund die Kunstvermittlung künftig im K20 spielen?


Meine Vorgängerin Marion Ackermann hat den hohen Stellenwert der Vermittlung in den Museumsbetrieb eingeführt und eine wirklich hervorragende Abteilung aufgebaut. Sie ist so aufgestellt, dass sie alle verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche erreicht – Kinder und Jugendliche genauso wie Menschen mit Migrationshintergrund oder Erwachsene mit und ohne akademischen Hintergrund. Woran wir arbeiten müssen, ist vor allem eine bessere Kommunikation: Wir müssen mit den Menschen in Düsseldorf und in NRW einfach noch direkter in Kontakt kommen. Das K20 sollte zu einem niedrigschwelligen, offenen Ort für die Kunst werden, an dem alle Besucher sich wohlfühlen.

Als Kunstsammlung des Landes haben Sie nicht zuletzt auch einen Sammelauftrag – gibt es ein festes Budget dafür?

Die neue Kulturministerin Frau Pfeiffer-Pönsgen hat erstmals seit zehn Jahren wieder einen festen Ankaufsetat für die Kunstsammlung eingerichtet. Das hat unsere Position auf eine ganz neue Basis gestellt, können wir doch so wieder langfristig und damit auch strategisch planen. Gerade auch Großerwerbungen, die über mehrere Jahre finanziert werden müssen, sind so wieder möglich.

Und wer entscheidet genau über die Ankäufe?

Für die Ankäufe berate ich mich mit dem wissenschaftlichen Team und der Sammlungsleiterin. Unsere Vorschläge unterbreiten wir dann einer Ankaufskommission – das ist eine von unserem Kuratorium berufene, externe Fachinstanz, die darüber berät und entscheidet. So ist dann wirklich auch gewährleistet, dass eine Sammlung sich immer an ihrer inneren Logik und nicht an den Vorlieben und Vorzügen einzelner orientiert. Ich bin wirklich sehr froh, dass der Ankaufsvorgang in dieser Transparenz eingerichtet ist – schließlich geht es dabei ja auch um Steuergelder.

Die Dichte von einflussreichen Kunstakteuren ist im Rheinland außerordentlich hoch: Es gibt hier viele bedeutende Künstler, Museen, Galerien und Sammler. Die Außenwirkung bleibt aber hinter Berlin oft zurück. – Geht da noch was?

Diese Fülle und Dichte ist eine ausgesprochene Qualität des Rheinlandes, die tatsächlich einmalig in Deutschland ist. Auch für die Kunstsammlung ist es ein besonderer Trumpf, dass hier sowohl weltbekannte, aber auch junge Künstler leben und arbeiten, die man in Ausstellungen oder aber auch in die Sammlungspräsentation einbinden kann. Das müsste noch viel stärker kommuniziert werden. Der Düsseldorfer Kulturdezernent Hans-Bernhard Lohe hat dazu ja auch eine Initiative gestartet. Er möchte mehr überregionale Strahlkraft entfalten, indem die Kultur kommunikativ stärker gemeinsam auftritt. Aber auch das Land NRW ist da sehr aktiv. Gerade unter der neuen Landesregierung könnte sich die Chance ergeben, neben Berlin einen zweiten wichtigen Standort für Gegenwartskunst aufzubauen.

Die Stadt hat einen Wettbewerb zum Blaugrünen Ring initiiert, auch um die verstreut liegenden Kulturinstitute stärker zu bündeln und stärker als eine Einheit erlebbar zu machen. Versprechen Sie sich auch für die Landesgalerie damit mehr Sogwirkung?

Ich finde diese Initiative, die von OB Geisel ausgeht, einfach toll! Mir geht es dabei auch um die urbane Situation, die ich hier immer vor Augen habe: Der Grabbe-Platz ist heute als Platzgefüge einfach nicht mehr optimal. Als das Museum 1986 eröffnet wurde, war er durchaus modern. Heute wirkt das alles aber nicht mehr zeitgemäß und einfach auch heruntergekommen. Der Blaugrüne Ring bietet die einmalige Gelegenheit, mit einem guten Architekten – und vielleicht ja sogar auch in Kooperation mit Künstlern – einen neuen Gesamtentwurf zu machen. Genial wäre es, wenn auch die etwas versteckte Eingangssituation des Hauses in der Unterführung auf diesem Wege verbessert werden könnte. Das ist eine einmalige Chance – auch für die Kunstsammlung!

Wenn es der Grabbe-Platz nicht ist – was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Düsseldorf?

Ich wohne mit meiner Familie gerne in Oberkassel – mein persönlicher Favorit in der Stadt ist aber auch das Viertel um Kloster-, Immermann- und Charlottenstraße – da, wo die vielen japanischen Lokale sind. Da gibt es einen winzigen Laden, der „Anmo“ heißt – eine kleine Kunstgalerie, in der man aber auch auf höchstem Niveau japanischen und chinesischen Tee kaufen und in einer Teezeremonie zu sich nehmen kann.

Frau Gaensheimer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Paul Andreas.


Prof. Dr. Susanne Gaensheimer

Geb. 1967 in München. Studium der Kunstgeschichte in München und Hamburg. 1995–1996 Absolventin des Independent Study Programme des Whitney Museum of American Art in New York. 1997 Promotion. Nach einem wissenschaftlichen Volontariat an der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München 1999–2001 Direktorin am Westfälischen Kunstverein Münster. Von 2001 bis 2008 war Gaensheimer Sammlungsleiterin und Kuratorin für Gegenwartskunst in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, von 2009 bis 2017 Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt/Main. Sie kuratierte 2011 den deutschen Pavillon der Biennale von Venedig, der den „Goldenen Löwen“ erhielt, 2013 auch den deutschen Beitrag zur 55. Biennale. Seit September 2017 ist Gaensheimer Direktorin der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf.