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Mehr Kommunizieren, weniger protzen!

Interview mit Werner Lippert über Düsseldorfs Imagekampagne, die Kreativen und das Ende des NRW-Forums

CUBE: Herr Lippert, was zeichnet Düsseldorf für Sie persönlich als Stadt aus? W. LIPPERT:... mehr

CUBE: Herr Lippert, was zeichnet Düsseldorf für Sie persönlich als Stadt aus?

W. LIPPERT: Düsseldorf ist überschaubar und hat trotzdem alle Qualitäten einer geschäftigen und prosperierenden Großstadt. Vor allem im Vergleich zu anderen deutschen Metropolen fällt das auf: Köln, eine wesentlich größere Stadt, schlägt doch viel geruhsamer, zumindest was den Heartbeat des Business angeht. Wenn man wie ich viel mit der Kreativindustrie, der Mode- oder Werbeindustrie, zu tun hat, weiss man das sehr zu schätzen: Alle stehen parat und rennen sofort los! (lacht)

CUBE: Wenn Sie mal zurückschauen bis in die 1970er Jahre, in denen Sie angefangen haben in Düsseldorfer Werbeagenturen zu arbeiten, was hat sich am Bild der Stadt gewandelt?

W. LIPPERT: Vor allem die Verkehrsinfrastruktur - es gibt immer noch zu viel Verkehr, aber insgesamt ist es schon viel besser geworden. Auch die jetzige Innenstadterschließung wird das Bild ganz wesentlich verändern. Es ist der Abschied von der autogerechten Stadt, oder sagen wir besser: ihr Umzug in den Untergrund. Ein neues Mobilitätskonzept gibt es ja nicht - genauso fehlt das übrigens ja auch im Medienhafen. Positiv ist, dass die Aufenthaltsqualität steigt, weil die Verbindung zum Hofgarten wieder hergestellt wird und eine begrünte Promenade entsteht– wobei man die wunderbaren Pflanzinstallationen von Tita Giese ruhig hätte integrieren können. An mancher Stelle finde ich persönlich auch die Bebauung zu eng – hier hätte man sich doch gewünscht, dass mehr Weiträumigkeit erhalten wird. Übrigens im Gegensatz zu vielen anderen Leerstellen in der Stadt: Bei meinen Streifzügen durch die Stadt bin ich immer wieder überrascht, wie viel Freiraum und bebaubare Fläche es in der City noch gibt. Wir haben unser Limit innerhalb der Stadtgrenzen noch längst nicht erreicht!

CUBE: Es könnte noch ganz andere Verdichtungsmöglichkeiten geben – aber das bedarf auch einer proaktiveren Stadtverwaltung, die mehr auf die Bauherren zugeht, wie das ja z. B. in den Niederlanden, etwa derzeit in Rotterdam, der Fall ist.

W. LIPPERT: Ich glaube, da liegt vieles in Deutschland und auch speziell in Düsseldorf im Argen. Bei den Holländern ist es offenbar auch nicht so, dass die Gesetzgebung offener ist. Der Umgang mit der Gesetzgebung auf beiden Seiten – Verwaltung und Bauherren – wird doch aber sehr viel großzügiger gehandhabt. Deshalb gibt es auch diese ganzen Langfristprojekte im Zwischennutzungsbereich – genau das, was für die Kreativwirtschaft sehr wichtig ist, was es in Düsseldorf leider aber viel zu wenig gibt. Aber es geht natürlich auch um preiswerten Wohnraum – auch da liegen wir in unserer Stadt eher an der unteren Grenze des Möglichen, vom sozialen Wohnungsbau mal gar nicht zu reden.

CUBE: Düsseldorf wird mit zu den 50 wichtigsten Creative Cities weltweit gezählt. Strukturell mag das stimmen, so richtig spürbar in der Außenkommunikation ist das allerdings nicht. Ein akademischer Berufsanfänger aus der Kreativbranche würde wohl eher erst mal nach Hamburg oder Berlin gehen, bis er auf Düsseldorf kommt. Glauben Sie, dass die neue Imagekampagne der Stadt diesen Mangel behebt?

W. LIPPERT: Ich glaube nicht, dass eine Imagekampagne den Zustrom junger Kreativer nach Düsseldorf steuern kann. Da müssen sich die Verantwortlichen doch genauer fragen, was ihre Zielvorgabe und Zielgruppen sind, wen und was sie mit der Kampagne erreichen wollen.

CUBE: Tun die Verantwortlichen in der Stadt das nicht?

W. LIPPERT: Doch schon, und doch scheint mir die Zielsetzung eher touristisch motiviert zu sein und allgemeine Imageziele zu verfolgen als speziell die Kreativbranche ansprechen zu wollen. Ich bin aber auch der Auffassung, dass man die Kreativen eher dadurch erreicht, dass das strukturelle Umfeld in einer Stadt funktioniert. Wir nehmen ja insgesamt langsam Abschied davon, dass man auf Befehl von oben Kreativquartiere erfindet. Wenn man den Stadtmarketingverantwortlichen großer Metropolen wie zum Beispiel Wien Glauben schenken darf, dann muss zuerst was da sein und dann muss es sich kommunizieren und verbessern.

CUBE: Aber ist denn die Substanz nicht da? Düsseldorf hat Mode, hat Werbung, hat viele große Anwaltskanzleien und Unternehmensberatungen. Ist da nicht doch eher ein Kommunikationsproblem?

W. LIPPERT: Ich glaube, dass Düsseldorf viele Ressourcen überhaupt nicht kommuniziert. Für mich ist Düsseldorf in Deutschland d i e Intelligenzstadt überhaupt. Wenn man mal Juristen, Beratungsunternehmen und Werbung in einen Topf wirft, dann ist das ungeheuerlich, was hier an kreativer Intelligenz vorhanden ist. Es gibt auch Dinge, auf die die Stadt nicht so viel Wert gelegt hat, vielleicht weil sie die so lange als selbstverständlich erachtet hat. Ich meine damit speziell die Kunstakademie: Unter Markus Lüpertz war sie sehr stark selbstbezogen, mit Malerei und den klassischen Medien verbunden. Unter Tony Cragg findet nun eine große Öffnung statt mit deutlich jüngeren Professoren, die ganz neue Wege auch in der Öffentlichkeit gehen –das entwickelt zunehmend wieder Trieb- und Strahlkraft! Aber auch in anderen Bereichen wie der Musikszene, die viel mehr als nur Kraftwerk zu bieten hat - es gibt viele verborgene Schätze, die kommunikativ von der Stadt überhaupt nicht genutzt werden.

CUBE: Hamburg scheint da deutlich weiter zu sein – die Reeperbahn und die lebendige Subkultur-Szene sind in der Marketing- und Tourismuskommunikation längst angekommen. Warum tut sich Düsseldorf da eher schwer?

W. LIPPERT: Ich habe den Eindruck, dass Düsseldorf immer so mehr einem Slogan folgt wie „Modestadt Düsseldorf“ oder „Sportstadt Düsseldorf“. Wenn man sich aber andere Städte ansieht, dann ist die Bandbreite doch sehr viel größer: „New York – eine Stadt, die niemals schläft“. Zu Paris fällt mir nur ein: „Die Stadt der Liebenden“ – ein schöner Slogan, obwohl er wahrscheinlich gar nicht von Parisern erfunden worden ist. Bei dieser thematischen Breite müsste man ansetzen, schließlich suchen die Menschen, die wegen des Business nach Düsseldorf kommen oder umziehen, Zweitaspekte: Kultur, Subkultur Liebenswürdigkeit. Oder eben auch das Grüne. Hamburg hat es erstaunlicherweise geschafft, sich auch als die „Grünste Stadt Deutschlands“ zu positionieren.

CUBE: Dann finden Sie es wahrscheinlich auch gar nicht inkohärent, dass Düsseldorf einerseits damit neuerdings wirbt, „Nicht-Schicki-Micki“ zu sein, andererseits aber sich nach Glamour und Promi-Schick sehnt, denken wir nur an die Bambi-Verleihung. Lässt sich das noch unter einen Hut bringen?

W. LIPPERT: Ich glaube, das ist so ein bisschen wie im richtigen Leben. Man versucht zu sagen: Wir sind nicht „Schicki-Micki“, obwohl man es ist - eigentlich dürfte das ja gar keiner wissen! Ganz ähnlich übrigens mit der „Art City“: Entweder bin ich eine Kunststadt, dann muss ich das nicht noch jedem erzählen, oder ich bin es eben nicht. Ich glaube, dazwischen schwankt Düsseldorf. Wenn man sich die Stadt als eine Person vorstellen sollte: Einerseits schämt sie sich ein bisschen für ihren Reichtum - andererseits protzt man aber auch gerne damit. Gerade beim Protzen sollte man aber vorsichtig sein. Es genügt nicht immer zu betonen, dass wir schuldenfrei sind, die meisten Museen und die größte Oper usw. haben. Das weckt Begehrlichkeiten, Neid oder Missgunst unter anderen Städten. Unterm Strich wird das Image einer Stadt sowieso nicht nur durch das Marketing bestimmt, sondern die Mund-zu-Mund-Propaganda und dem, was man tatsächlich zu bieten hat.

CUBE: Nochmal zurück zur kreativen Szene: In Berlin-Mitte genügt es oft, sich in ein Café zu setzen - und man weiß, wo und wie die Kommunikation zwischen den Kreativen stattfindet. Wo sind diese Orte des Austauschs in Düsseldorf?

W. LIPPERT: Auch wenn es in Düsseldorf keine Digitale Bohème gibt wie in Berlin – es gibt diese Orte! Nehmen wir nur mal den Salon des Amateurs unter der Kunsthalle. Das ist eine große Austauschplattform zwischen Kunstakademie, Fachhochschule, Musikszene. Neu entsteht die gesamte Szene um den Worringer Platz herum. Außerdem spielt die Kneipen- und Clubszene eine wichtige Rolle: Allein wenn ich den Studenten bei uns hier im NRW-Forum aufmerksam zuhöre, wie sich dort die Musik-, die Grafik-, die Mode- und die Schmuckdesigner-Szene mischen und daraus heraus ganz neue Berufsfelder entwickeln. Trotzdem glaube ich, dass Düsseldorf, ein bisschen seine Schmelztiegel-Kultur verloren hat. Man muss ja nicht gleich wehmütig werden, aber das „Creamcheese“, wo die Werbeleute sich mit Künstlern und Musikern getroffen haben, steht heute im Museum Kunstpalast.

CUBE: Was ist mit dem NRW-Forum selbst?

W. LIPPERT: Es ist immer schwer, über sich selbst zu reden (lacht). Wir sind sehr happy, dass wir ein Publikum haben, das wir nicht genau beschreiben können, weil es genau aus diesen vielen Facetten besteht, sowohl generationenübergreifend als auch disziplinübergreifend. Ich glaube, dass das NRW-Forum so eine Art Hot-Spot oder Plattform ist für viele Menschen.

Ein wichtiger Baustein ist ja dabei die digitale Vernetzung - sei es in den Ausstellungen über mobile Applikationen oder auch in sozialen Netzwerken, die Sie als eine der ersten Kulturinstitutionen in Deutschland aufgegriffen haben.
Zwei Ansätze waren dabei entscheidend: Über Social Media erreichen Sie die jungen Generationen sehr viel schneller - das ist bei kleinen Veranstaltungen sehr wichtig, wenn man kein großes Budgets für Mailings hat. Die andere Seite ist die, dass wir mit der Menge von Social Media-Kontakten, die wir haben, einen ganz guten Ersatz dafür gefunden haben, was früher Vereine waren: Mit 31.000 Fans (etwa 6.000 davon regional) haben wir einen der größten Kunstvereine um uns herum organisiert. Wir kriegen zum Teil ein paar Hundert Reaktionen auf unsere Postings, die sind sehr häufig konstruktiv. Man muss sich allerdings mit viel Aufmerksamkeit und Liebe darum kümmern.

CUBE: Ende des Jahres laufen Ihr Vertrag und auch die Finanzierung des Forums über Landesmittel aus. Dafür gibt es nun Überlegungen seitens der Stadt zu einem Fotomuseum - aus Ihrer Sicht ein adäquater Ersatz?

W. LIPPERT: Wir hätten uns natürlich sehr gewünscht, dass die Idee des NRW-Forums weitergeführt wird. Vielleicht bleiben ja auch Bausteine erhalten. Als wir 1998 angefangen haben, haben wir gesagt: Wir machen nichts, was ein normales Museum macht. Da wir einen Großteil des Budgets selber erwirtschaften mussten, haben wir nach einem Alleinstellungsmerkmal gesucht. Es war das, was alle anderen nicht zeigen wollten: Fotokunst, Mode, Design, Werbung, Architektur usw. Heute gehört dies alles mit zum Standard, auch in den Museen – insofern ist das NRW-Forum auch von hinten ein bisschen überrollt worden.

Herr Lippert, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Paul Andreas.