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Gute Gründe für Wissenstransfer

Der Düsseldorfer Architekt Thomas Pink von pinkarchitektur im Interview

CUBE: Hallo Herr Pink, Sie haben zusammen mit Karl-Heinz Petzinka in Düsseldorf die... mehr

CUBE: Hallo Herr Pink, Sie haben zusammen mit Karl-Heinz Petzinka in Düsseldorf die beeindruckende Landmarke des Stadttores geschaffen, haben in den letzten Jahren in der Stadt aber auch mit vielen eigenen Bestandsprojekten geglänzt – Stichwort Ideenbotschaft oder Rote Halle. Gibt es bei aller Unterschiedlichkeit der Bauaufgaben einen gemeinsamen Nenner oder sind das zwei verschiedene Kapitel in Ihrer Architektenvita?

T. PINK: Kapitel gehören letztendlich zu jedem guten Buch und sicher auch zu einer Architektenvita, aber wichtig ist eigentlich, dass sie ein stringentes nachvollziehbares Konzept als Grundlage haben. Das macht die Projekte dann, auch für uns immer wieder überraschend und verblüffend, wiedererkennbar. Ich glaube, es liegt einfach daran, dass wir uns in der Regel niemals einer ästhetischen Spielerei hingeben sondern immer bemühen, schlüssige Konzepte in ihren ästhetischen Ausprägungen letztendlich auch zu realisieren. In der Summe ergeben diese Kapitel irgendwann ein schönes Buch!


CUBE: Wie würden Sie denn die Haltung skizzieren, die hinter diesem Buch Ihres Büros steckt?

T. PINK: Wir sind sicher technisch extrem versiert. Ich glaube, das ist eine Grundlage, warum man es mit mir überhaupt aushält. Wenn ich ein bisschen besser in Mathematik gewesen wäre, würde ich heute wahrscheinlich Flugzeuge konstruieren, aber es hat nur zur Architektur gereicht (lacht). Diese gemeinsame Affinität macht es leicht, die Potentiale technischer Aspekte aller Wissenschaften zu erkennen und schnell zu adaptieren. Zugleich teilen wir alle die Begeisterung für Ästhetiken, die auf der Grundlage des „Guten Grundes” entstehen, wie wir immer sagen. Alle unsere Projekte starten nicht mit einer vorgefassten ästhetischen Meinung – das Faszinierende ist, dass wir manchmal selber überrascht sind, wie das ästhetische Ergebnis am Ende aussieht.


CUBE: Wie prägt das Ihre Rolle gegenüber dem Bauherren?

T. PINK: Wir als Architekten sind für den Wissenstransfer aus den unterschiedlichsten Disziplinen und Wissenschaften in Richtung Bauherr verantwortlich. Es gibt ja durchaus Protagonisten, die meinen Architektur sei viel zu kompliziert geworden – diesen bewußten Wissensverzicht halte ich für falsch. Unsere Welt entwickelt sich gerade in diesen letzten Jahren in so einer rasanten Geschwindigkeit, dass wir Architekten uns schlichtweg ständig neu positionieren müssen, wenn es um die technischen Kenntnisse geht. Dabei meine ich nicht das Deklinieren von DIN-Normen und Richtlinien – genau das nicht! Sondern man muss offen durch diese Welt gehen und schauen, über was andere gerade nachdenken.


CUBE: An welche Forschung denken Sie dabei konkret?

T. PINK: Ein schönes Beispiel ist die Automobilindustrie: Vor 5-6 Jahren hat kein Mensch dort ernsthaft darüber nachgedacht, ganze Karosserien aus Kohlefaser zu fertigen. Dann setzt plötzlich das Denken ein, wir müssen leicht sein, damit unsere Elektroantriebe und Hybridantriebe überhaupt effizient eingesetzt werden können. Sehr leicht bauen wäre auch etwas, was man in der Architektur weiterverfolgen sollte, aber es setzt sich nicht durch, obwohl die Vorteile eigentlich auf der Hand liegen: Weniger Verbrauch an Masse, an Energie – das hat enorme Auswirkungen auf den gesamten Lebens-zyklus eines Gebäudes. Passiert aber nicht, weil das Bauwesen im Schneckentempo durch die Innovationslandschaft schleicht. Wir sollten wach bleiben und nicht locker lassen und immer wieder auch mal einen Versuch unternehmen, die Bauherren an dieses andere Bauen heranzuführen, denn über kurz oder lang kommt das ganz sicher.


CUBE: Es geht dabei aber ja nicht nur um neue Materialien – es geht ja auch um neue Strategien. Sie widmen sich seit der Transformation der Bochumer Jahrhunderthalle Ende der 1990er Jahre dem Thema Revitalisierung und Umnutzung alter Bausubstanz. In Düsseldorf haben Sie behutsam und doch mit einem ganz radikalen Ansatz die Rote Halle reaktiviert. Was macht den Reiz dieses Vorgehens aus?

T. PINK: Jedem Gebäude gebührt der Respekt, dass man sich seinen Strukturen mit Aufmerksamkeit nähert. Es wäre schlichtweg falsch, nicht den Bestand in Erwägung zu ziehen oder in das Konzept zu integrieren. Der Charme, den ein revitalisiertes Gebäude ausmacht ist das steinerne Gesicht einer Stadt. Diese Gebäude oder Strukturen haben eine sehr eigene Ausprägung: es gibt eine grundsätzliche Akzeptanz und auch positive emotionale Zuneigung, die die Menschen gegenüber solcher Architektur empfinden. Ganz wichtig ist, dass man nicht dogmatisch den Erhalt jeder Architektur propagiert. Nicht jede Struktur, die man vorfindet kann man heute in das nächste oder übernächste Jahrzehnt transportieren. Das ist auch eine Verantwortung, die uns zufällt: wir müssen ein Statement abgeben, müssen entscheiden, ob ein Gebäude – so interessant und erhaltenswert es zu sein scheint – einer nachhaltigen Entwicklung im Wege steht oder Potential für die Zukunft hat.


CUBE: Als Architekt hinterlassen Sie ja nicht die gleiche Spur, als wenn Sie neu planen. Leidet Ihr Ego nicht darunter?

T. PINK: Das sehe ich ganz anders. Die grüne Wiese ist bequem, die Randbedingungen sind überschaubar und beherrschbar. Anspruchsvoller ist die Revitalisierung – da ist ein viel größeres Engagement, eine viel größere Leidenschaft erforderlich. Die Standardlösung gibt es in dem Zusammenhang nicht. Nicht, wenn es ein gutes, glaubwürdiges und nachhaltiges Konzept sein soll. Und man muss feststellen: Die Sensibilität für eine authentische Architektur nimmt zu. Sowohl Bauherren als auch Nutzer entwickeln ein zunehmendes sicheres Gespür dafür, ob es gelingt, eine individuelle Ästhetik für ein Projekt zu entwickeln. Und Investoren erkennen, dass man damit auch wirtschaftlich extrem erfolgreich sein kann.


CUBE: War die Rote Halle ein wirtschaftliches Projekt?

T. PINK: Ja, keine uniforme Stangenware sondern letztendlich Haute couture! Aber die gab es bereits. Wir mussten letztendlich nur den Kleiderschrank öffnen und das Mottenpulver rausnehmen und dann pusten. Und haben dann festgestellt, wie schön alles letztendlich da stand!


CUBE: Gibt es andere Bauten in Düsseldorf, die Sie faszinieren?

T. PINK: Wir haben eine Fülle von Projekten, die über ein ganzes Jahrhundert Architekturgeschichte geschrieben haben bis in die jüngste Zeit. Das macht auch Spaß als Wahldüsseldorfer zu sehen, dass hier eine gewisse Architekturqualität in verschiedensten Ausprägungen gepflegt wird, und dabei auch kritisch diskutiert und hinterfragt wird. Der Tausendfüssler hat zweifellos so eine faszinierende Ästhetik – trotzdem ist es an der Zeit, dass man ihn rückbaut.


CUBE: Ein wichtiger Schwerpunkt Ihres Büros neben Gewerbeimmobilien sind auch Wohnprojekte. Gerade entstehen die Bilker Höfe an der Färberstrasse, auch das in Teilen ein Umnutzungsprojekt. Die Königskinder im Hafen und das neue Wohnquartier an der Rather Westfalenstrasse starten nächstes Jahr. Was zeichnet für Sie ein gutes Wohnprojekt aus?

T. PINK: Dass es in der Stadt verortet ist, um dauerhaft Wurzeln zu schlagen. Keine autistische Lösung sondern eine sensible Einbettung in den Stadtraum. Bei den Bilker Höfen ist das gelungen – das hat das Richtfest gezeigt: Bei aller anfänglichen Skepsis der Nachbarn ist die grundsätzliche positive Aufgeschlossenheit überwältigend, weil die Menschen begreifen, dass dort wieder lebenswerter Raum entsteht, den sie von anderen Orten aus der Stadt kennen. Dabei ist das dann fast sekundär, welche Stilrichtung die Architektur hat, sie sollte nur immer maßstäblich und dem Ort angemessen sein. Auch die zukünftige Mieterstruktur geht durch alle Bevölkerungsschichten und Generationen. Zu wissen, wo die menschlichen Bedürfnisse liegen, ist meines Erachtens nach immer der Garant dafür, dass diese Projekte funktionieren. Wo kann ich mich bei schönem Wetter aufhalten? Wo können meine Enkel spielen? Kann ich irgendwo meine Gäste empfangen? Das sind die Fragen, auf die Wohnprojekte eine konkrete Antwort geben müssen. Die Bilker Höfe sind keine Bettenstadt aus der Retorte, sondern attraktiver, wiederbelebter Stadtraum.


CUBE: Trotzdem werden auch diese Wohnprojekte nicht genügen um den Bedarf an Wohnraum in den kommenden Jahren zu sättigen. Die ersten Wohnhochhäuser sind auch in Düsseldorf in Planung – das richtige Rezept für innerstädtisches Wohnen?

T. PINK: Ich glaube, dass wir einen recht großen Flächenfundus in Düsseldorf haben, der noch gar nicht erschlossen ist. Dazu gehört letztendlich die Konversion von ehemaligen Industriebrachen, die meiner Einschätzung nur noch zum Teil gebraucht und genutzt werden, etwa an der Hansaallee, oder auch im Hafen. Dass Industrie und Wohnen nicht im Widerspruch stehen müssen – das zeigen auch viele andere Städte. Was das „Vertikale Wohnen” angeht, bin ich doch sehr skeptisch, auch wenn die Königskinder zwei Wohnhochhäuser sind. Die Orte, wo man einen Wohnturm realisieren könnte, sind wohl in jeder Stadt rar gesät. Zudem glaube ich, dass ein Wohnhochhaus keine städtebauliche Qualität schafft, auch nicht innerstädtisch. Unsere Lebensgewohnheiten sind nicht so ausgerichtet. Aber mit vorschnellen Urteilen muss man immer vorsichtig sein – den Versuch sollten wir wagen!


CUBE: Wenn es nicht das Wohnhochhaus der Zukunft ist – was würden Sie gerne einmal entwerfen?

T. PINK: Ich würde gerne mal etwas im Hochgebirge bauen. Wie würde man sich als Architekt artikulieren, wenn es keine vorformulierten Regeln gibt? Es gibt keine unmittelbare Anbindung an die Zivilisation, also Baukultur, auf die man abheben könnte, keine gesellschaftlichen Strukturen, auch Ver- und Entsorgung müssen Sie selbst in den Griff kriegen. Sie selber müssen für sich die Spielregeln entwickeln. Ich wüsste nicht – noch nicht! – was dabei rauskommt, aber das wäre mal eine Herausforderung nach meinem Geschmack!


Herr Pink, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Paul Andreas.


Thomas Pink
Geboren 1958 in Hamburg. 1978-85 Architekturstudium an der RWTH Aachen. 1980-85 Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof. J. Kohl. Seit 1985 freischaffender Architekt im Büro von Josef Paul Kleihues und Wolfgang Döring. 1994 zusammen mit Karl-Heinz Petzinka Gründung des Büros Petzinka Pink Architekten.
Seit 2005 ist Thomas Pink alleiniger Inhaber und Geschäftsführer des Büros Petzinka Pink. Seit 2014 pinkarchitektur.

Fotografie / Illustration Frank Wurzer www.frankwurzer.de Stereovision Tomas Riehle/artur... mehr

Fotografie / Illustration

Frank Wurzer
www.frankwurzer.de

Stereovision
Tomas Riehle/artur
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