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Gestaltungsfrage digitaler Wandel

Ein Gespräch mit dem Architekten Caspar Schmitz-Morkramer über die neue Handelsblatt-Verlagszentrale, die Zukunft der Medienhäuser und eine offene Markthallen-Diskussion

CUBE: Herr Schmitz-Morkramer, die Handelsblatt-Verlagsgruppe wird ab nächstem Jahr nicht mehr in... mehr
CUBE: Herr Schmitz-Morkramer, die Handelsblatt-Verlagsgruppe wird ab nächstem Jahr nicht mehr in der Kasernenstraße zu erreichen sein, sondern im La Tête – einem Bürogebäude, das meyerschmitzmorkramer Architekten im gemischten Quartier Central geplant haben. Was hat dieser neue Standort zu bedeuten?

Caspar Schmitz-Morkramer: Der Standortwechsel kommt zunächst einmal dadurch zustande, dass an der Kasernenstraße der Mietvertrag für die Handelsblatt-Verlagsgruppe auslief. Man hat dann verschiedene Optionen durchgespielt – selbst ein Verbleib war in der Diskussion. Am Ende hat man sich aber dann doch dafür entschieden, sich ganz neu aufzustellen. Der veränderte Standort im Quartier Central hat dabei weitreichende Konsequenzen für die Innen- und Außenwahrnehmung des Konzerns. So wird das Haus etwa ein großes Außendisplay haben – einen 90 m2-Bildschirm entlang der Toulouser Allee. Allein wegen der benachbarten Zugstrecken werden über 280.000 Menschen diesen Screen täglich wahrnehmen können – trotz des vergleichsweise dezentraleren Standorts. Hinzu kommt natürlich aber auch, dass der neue Standort im Quartier Central viel geeigneter dafür ist, Leben und Arbeiten miteinander zu verbinden – allein die Vielfalt der Restaurants spricht ja schon Bände, aber auch die Anbindung an Grünraum.

Ein Großscreen an der Fassade – ist das nicht in Zeiten von Smartphone und Tablet schon fast ein Anachronismus?

Auch wenn jeder heute sein eigenes Display immer dabei hat – ich glaube immer noch an Sehgewohnheiten. Wenn ich als Pendler weiß, dass über diesen Screen ganz bestimmte Inhalte kommuniziert werden – und um die wird es beim Handelsblatt gehen und nicht etwa um konventionelle Außenwerbung – werde ich da doch immer mal wieder beim Vorbeifahren draufschauen. Insofern glaube ich schon, dass das für das Medienhaus eine große Chance ist, seine Ausstrahlung zu erhöhen.

Welche spezifischen Anforderungen eines Medienunternehmens konnten bei dem Haus noch umgesetzt werden?

Weil die Verlagsgruppe sich in einer frühen Phase des Planungsprozesses für die Anmietung der Immobilie entschieden hat, konnten Wünsche und Anforderungen sehr flexibel umgesetzt werden. So gibt es – anders als zunächst geplant – in der Erdgeschosszone ein Restaurant und eine Townhall, die für öffentliche Veranstaltungen genutzt werden kann – auch das ist ein Dialogangebot an die Bürger und die Leserschaft. Aber auch eine kleine Betriebskita wurde integriert. Jeder Standortwechsel birgt natürlich auch immer die große Chance seine Arbeitsstrukturen neu zu überdenken: Dank des horizontal entwickelten Baus können bis zu 200 Mitarbeiter auf einer Ebene arbeiten. Zugleich bieten sich zwischen den vier Aufzugskernen, die das Gebäude um den Innenhof herum aussteifen, aber auch ganz flexible, wandelbare Ausbauoptionen. Nach sehr genauer Analyse hat sich das Unternehmen für eine Mischung aus Großraum-, Gruppen- und Einzelbüros entschieden.

Das Handelsblatt kommt aus einem Hochhaus. Auch im Quartier Central sind in den letzten Jahren – anders als ursprünglich geplant – einige Wohntürme entstanden. War das keine Option?

Planungsrechtlich wäre tatsächlich ein Hochhaus denkbar gewesen, aber die Baukosten hätten sich dadurch natürlich weiter erhöht. Abgesehen davon ist eine horizontale Baustruktur aber auch deutlich flexibler in der Nutzung und deshalb auch einfacher in der Vermietung. Für die Verlagsgruppe selbst war ein Hochhaus kein Kriterium. Auch die rhythmisierte Barcodefassade des La Tête setzt ja im Stadtraum durchaus ein unverwechselbares Zeichen und mit dem Skygarden gibt es einen großzügigen Außenraum mit Aussicht.

Speziell der Skygarden ist ja etwas, was auch ein Techgigant wie Facebook seinem Campusgebäude von Frank Gehry aufgesetzt hat. Sie sind in den letzten Jahren mehrfach in Kalifornien gewesen, um die Veränderungen dort zu studieren, die sich speziell in den Arbeitswelten der Techbranche auftun. Lässt sich das auf Deutschland so 1:1 übertragen?

Sowohl im verdichteten San Francisco als auch im Silicon Valley werden derzeit Trends geboren – unter ganz unterschiedlichen Raum- und Flächenbedingungen. Vor allem bei Unternehmen der Techbranche geht es immer weniger um die klassische Repräsentation, sondern um Arbeitsprozesse und Arbeitswelten. Deshalb findet in den letzten Jahren auch in der Architektur eine Verschiebung statt – vom vertikalen, hierarchischen Hochhaus zum horizontal ausgedehnten, Innen und Außen miteinander verküpfenden Campus. Mit dem La Tête haben wir diese Ideen aufgenommen: Auch wenn wir kein kalifornisches Klima haben, erlaubt doch der Innenhof einen starke Innen-Außen-Beziehung und lässt sich zumindest in den Sommermonaten intensiv nutzen. Verbunden mit mehr Kommunikation und Interaktion in den Arbeitswelten erzeugt das eine neue Qualität von Arbeiten. Übrigens sind in einer techlastigen Metropole wie Berlin solche Büroraumkonzepte fast schon Standard – in anderen Teilen Deutschlands tut man sich noch etwas schwerer.

Wird denn das Konzept speziell in Deutschland auch missverstanden?

Es ärgert mich wirklich, wenn beim Thema Neue Arbeitswelten auf den Fotos immer nur der Kickertisch zu sehen ist! Es geht nicht darum, einen Spielplatz für Erwachsene zu kreieren – es geht um gutes Arbeiten. Der Kicker kann als Kommunikations- und Entspannungstool durchaus dazu etwas beitragen – noch entscheidender sind aber doch ein ergonomischer Arbeitsplatz und der Mix aus kommunikativen Team-Bürostrukturen und Rückzugsorten – seien das nun sogenannte Think-Tanks für konzentrierte Stillarbeit oder Besprechungsinseln für Gespräche unter vier Augen. Begegnungsorte sind wichtig – dürfen aber nicht heißen, dass der Arbeitplatz selbst zum Begegungsort wird.

Noch einmal zum Handelsblatt: Axel Springer und die taz in Berlin, der Spiegel vor einigen Jahren in Hamburg – in Deutschland bauen auffällig viele Verlags- und Medienhäuser gegenwärtig neu. Ist das Zufall oder steckt dahinter System?

Der derzeitige Neubau von Medienhäusern ist tatsächlich ein Indiz für große Veränderungen. Gerade die Verlagshäuser bekommen den Druck zu spüren, dass am Ende des Tages nur der überlebt, der den digitalen Wandel meistert und gestaltet. Und das verändert eben auch ganz automatisch den Anspruch an Arbeitswelten und an die Architektur. Vielleicht weil sie ganz besonders routiniert darin sind, anderen immer wieder Fragen zu stellen, hinterfragen Medienunternehmen sich auch selbst mehr als andere. Sie werden so zur Speerspitze des Wandels. Speziell bei der Handelsblatt-Verlagsgruppe kommt dieser Wandel übrigens auch in der weißen horizontalen Barcode-Fassade zum Ausdruck, die wir entworfen haben.

Sie haben schon die Screen für die Pendler erwähnt – Sie selbst sind auch schon seit vielen Jahren ein Handlungsreisender zwischen Köln und Düsseldorf. Glauben Sie an die gemeinsame Kraft der Region?

Ich bin vor über zehn Jahren aus privaten Gründen von Köln, unserem Bürohauptsitz seit 2004, nach Düsseldorf gezogen. In meinem täglichen beruflichen und privaten Leben hat sich das bewährt: Witzigerweise waren alle unsere ersten Projekte fast durchweg in Düsseldorf. Mittlerweile sind wir auch überregional viel tätig – vor diesem Hintergrund finde ich es schade, dass diese beiden Metropolen sich noch immer mehr als Rivalen, denn als Partner einer übergeordneten Superregion sehen. Beide zusammen könnten eine ganz andere Schlagkraft entwickeln!

Sie melden sich in Düsseldorf auch schon mal zu Wort und haben im Zuge der Kö-Bogen-II-Umplanungen die Initiative einer Markthalle in die öffentliche Diskussion gebracht. Hat es Sie eigentlich gewurmt, dass Sie zum Wettbewerb nicht eingeladen wurden?

Der Vorschlag einer Markthalle wurde damals von vielen begrüßt – es gab aber auch Politiker wie den damaligen Oberbürgermeister Elbers, der darin eine Provokation sah. Das hat, so glaube ich, auch mit dazu geführt, dass wir beim Wettbewerb um den Kö-Bogen-II nicht gefragt wurden. Keine Frage, der Einzelhandel-Büro-Komplex von Christoph Ingenhoven aber auch der gastronomisch ausgerichtete Pavillon von Pablo Molestina sind gelungene stadtbereichernde Gebäude. Beide haben aber mit dem Nutzungskonzept, das uns vorschwebte, nichts zu tun! Und es ist ja die Nutzung, die Stadt am Ende ausmacht – man schaue sich nur das Treiben auf dem Karlsplatz an, meinem persönlichen Lieblingsort in der Stadt. Eine Markthalle fehlt in Düsseldorf nach wie vor – wir müssen da dran bleiben!
 
Herr Schmitz-Morkramer, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Paul Andreas.

Caspar Schmitz-Morkramer

Geboren 1973. Aufgewachsen in Frankfurt am Main, Mannheim und New York. Nach dem Abitur lernte er klassisches Zeichnen bei Charles H. Cecil in Florenz. 1999 Architekturdiplom in Aachen und Berlin. Während des Studiums erste Berufserfahrungen bei Murphy/Jahn in Chicago und im Renzo Piano Building Workshop in Genua. Von 1999 bis 2004 Architekt bei KSP Engel und Zimmermann Architekten in Köln. 2004 Gründung des Architekturbüros   meyerschmitzmorkramer zusammen mit Holger Meyer. Rund 140 Mitarbeiter arbeiten heute an den Standorten Köln, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München und Palma de Mallorca.