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Die Hände schmutzig machen!

Ein Gespräch mit Tim Rieniets, neuer Geschäftsführer der Landesinitiative StadtBauKultur NRW 2020

CUBE: Herr Rieniets, seit sechs Monaten sind Sie der neue Leiter der Landesinitiative... mehr

CUBE: Herr Rieniets, seit sechs Monaten sind Sie der neue Leiter der Landesinitiative StadtBauKultur NRW. Wie leicht ist Ihnen der Umzug von Zürich nach Gelsenkirchen gefallen?

TIM RIENTIETS: Erstaunlich leicht, da ich selbst in Bochum aufgewachsen bin! Die durchaus großen Unterschiede zwischen Zürich und dem Ruhrgebiet habe ich deshalb auch nicht als Schock empfunden. Ich fühle mich der Mentalität der Menschen zwischen Rhein und Ruhr durchaus verbunden.

CUBE: Gut zwei Jahre war es ziemlich still um die Landesinitiative StadtBauKultur NRW, die als erste ihrer Art in Deutschland, für Baukultur bei Architektur und Planung in der Öffentlichkeit sensibilisiert hat. Warum diese lange Arbeitspause, warum ein Komplettneustart?

T. RIENTIETS: Die Landesinitiative StadtBauKultur NRW war, als sie sich 2001 gründete, auf zehn Jahre angelegt. Danach musste erst einmal entschieden werden, ob sie in eine zweite Dekade geht. Eine Entscheidung darüber kollidierte mit den vorgezogenen Landtagswahlen von 2012, was den Prozess noch einmal länger als geplant verzögerte. Dann gab es einige strukturelle Fragen. Der Verein, der hinter der Initiative steht, hat sich neu konstituiert: Es gibt einen neuen Vorstand, einen neuen Beirat und mich als neuen Geschäftsführer – das hat einfach alles seine Zeit gebraucht.

CUBE: Welche Ziele will die Initiative in Zukunft verstärkt verfolgen?

T. RIENTIETS: Ich möchte in der neuen Dekade neue Schwerpunkte setzen. Mir ist es ein großes Anliegen, die Landesinitiative mehr als bisher auf aktuelle Themen der Architektur und Stadtentwicklung zu fokussieren. Eine Landesinitiative für Stadtbaukultur sollte mehr sein als ein schönes Kulturprogramm! Ich bin davon überzeugt, dass so eine Institution wichtige Impulse für aktuelle Entwicklungen geben kann, die andere Akteure in dieser Weise nicht setzen können.

CUBE: Um welche Themen geht es dabei genau?

T. RIENTIETS: Ein Thema ist der große Veränderungsdruck, der auf unserem baulichen Bestand liegt – demographisch, klimatisch, wirtschaftlich, aber auch soziokulturell. Denken Sie an die Veränderung von Lebensstilen oder die zunehmende Säkularisierung unserer Gesellschaft. Das sind alles Trends, die Anpassungen der Gebäude erforderlich machen: Wohnungen müssen umgebaut werden, alte Geschäfts- und Büroimmobilien umgenutzt, Fassaden energetisch ertüchtigt werden usw. Dies gilt besonders in einer Region wie dem Ruhrgebiet, wo die große Phase des Wachstums längst abgeschlossen ist und Neubaumaßnahmen eine immer geringere Rolle spielen. Dieser ganz banale Umbau des Alltagsbestandes – und nicht nur von spektakulären Vorzeigeobjekten – genießt bisher keine besonders große baukulturelle Wertschätzung. Zu Unrecht, wie wir finden! Wir sind überzeugt, dass die Anpassung des baulichen Bestandes nur nachhaltig sein kann, wenn wir den Umbau nicht nur als notwendige Investition betrachten, sondern auch wirklich als eine baukulturelle Chance!

CUBE: Gerade beim Thema Baukultur sind nun eine ganze Reihe von Akteuren im Spiel – Planer wie Bauherren, Behörden genauso wie die Bau- und Wohnungswirtschaft. Wie wird sich die Landesinitiative dazwischen verorten?

T. RIENTIETS: Diese Komplexität von Immobilien- und besonders von Stadtentwicklungsprojekten wird ein zweiter Themenschwerpunkt der Landesinitiative sein. Bei Quartiers- und Immobilienentwicklungen kommen heute immer häufiger neue Allianzen ins Spiel - aus Bürgern, Bauherren, Fachleuten und Kommunen. Diese agieren als Bürgerinitiativen, Baugruppen, Genossenschaften und andere partnerschaftliche Formen. Aber oft mangelt es an geeigneten Verfahren und Kommunikation. Und genau dort hinein möchten wir vorstoßen, denn die Stadt ist ein Gemeinschaftsprojekt und das wollen wir unterstützen.

CUBE: Wo genau wollen Sie denn da ansetzen?

T. RIENTIETS: Grundsätzlich sind wir erst einmal offen für alle Akteure, die bei dem Prozess der Stadtentwicklung relevant sind. Was sicherlich im Vordergrund steht, sind einerseits die Bürgerinnen und Bürger, deren baukulturelles Engagement besser genutzt werden muss. Was uns aber auch interessiert, sind die Kommunen, die dabei ermutigt werden müssen, sich auf neue Zusammenarbeiten einzulassen. Aber auch auf die Bauherren wollen wir zugehen und ihnen bewusst machen, welche Verantwortung sie für eine Stadt tragen.

CUBE: Wollen Sie mit Ihrer Arbeit auch an aktuelle Brennpunkte gehen?

T. RIENTIETS: Es ist wirklich mein Ziel, dass wir uns im besten Sinne des Sprichwortes die Hände schmutzig machen! Zum einen wollen wir nicht nur über Baukultur reden, sondern sie auch konkret umsetzen, Leute fördern und unterstützen und auch selbst die Initiative ergreifen, um Vorbilder zu schaffen. Aber wir werden uns auch verbal die Hände schmutzig machen und uns an jenen Stellen zu Wort melden, an denen etwas passiert! Uns geht es um die Qualität in der Baukultur. Wobei wir nicht diejenigen sind, die anderen sagen, was gut und was schlecht ist. Stattdessen wollen wir andere dabei unterstützen, sich selbst ein Urteil zu bilden und an öffentlichen Meinungsbildungsprozessen teilzuhaben. Das Ziel ist deshalb nicht nur uns selbst zu positionieren sondern anderen Hilfestellung dabei zu geben, den öffentlichen Dialog zu führen und zu befeuern.

CUBE: Wie könnte diese Hilfeleistung konkret aussehen?

T. RIENTIETS: Wir denken an ein einfaches Förderprogramm, auf das sich jeder bewerben kann, der ein konkretes baukulturelles Thema oder Projekt vor Ort ansprechen möchte. Wir wollen finanzielle, technische oder kommunikative Hilfe anbieten, damit Menschen in NRW z. B. eine öffentliche Diskussion veranstalten können. Auf diese Weise wollen wir Bürger und Kommunen ertüchtigen, den baukulturellen Dialog im Alltag zu führen – daran mangelt es leider oft gewaltig!

CUBE: Mit welchen weiteren Themen wird die Landesinitiative in Erscheinung treten?

T. RIENTIETS: Neben den schon genannten Themen „Umbau“, „Gemeinschaftliche Quartiers- und Immobilienentwicklung“ und „Baukultureller Diskurs“, wollen wir auch die Wohnungsfrage thematisieren. Hier dreht es sich zum einen um die Frage, wie wir zeitgemäße Wohnansprüche sowohl in den wachsenden als auch in den schrumpfenden Städten Nordrhein-Westfalens gerecht werden können. Außerdem geht es darum, über neue Wohnformen nachzudenken, in denen sich eine alternde, individualisierte und zunehmend diverse Gesellschaft zu Hause fühlen kann.

CUBE: Gibt es bereits konkrete Projekte, die Sie uns verraten können?

T. RIENTIETS: Grundsätzlich sind wir erst einmal für alle Projekte offen. Menschen und Institutionen können sich mit ihren Projektideen bei uns um Unterstützung bewerben. Voraussetzung ist, dass diese Vorhaben inhaltlich passend und innovativ sind, und dass sie im Sinne der Baukultur gemeinnützig wirken. Besonders interessiert sind wir aber an Projekten, die etwas „machen“! Ein Beispiel: Die Landesinitiative und die Stadt Gelsenkirchen erörtern gerade ein Pilotprojekt zur Sanierung von Schrottimmobilien. Das Konzept stammt aus den Niederlanden. Dort kaufen Kommunen Schrottimmobilien auf, die dem baulichen und sozialen Gefüge eines Quartiers dauerhaft schaden. Diese Schrottimmobilien geben sie unter ihrem Marktwert an private Bauherren ab, die sich für den Kauf beworben haben. Als Gegenleistung verpflichten sich die Bauherren, dass sie diese Immobilien in einem bestimmten Zeitraum sanieren. Außerdem müssen sie sich dazu bereit erklären, für einen festgelegten Zeitraum selbst darin zu leben. Sie müssen also nicht primär nur Geld, sondern vor allem auch Muskelkraft und Verbindlichkeit investieren.

CUBE: Das Aktionsgebiet der Landesinitiative umfasst ja ganz NRW – ein Bundesland mit schrumpfenden, strukturschwachen und ländlichen Räumen, aber auch mit wachsenden Metropolräumen. Werden Sie dieses breite Strukturspektrum überhaupt abdecken können?

T. RIENTIETS: Der Anspruch unseres Namens ist natürlich gewaltig! Das Kernteam der Landesinitiative wird am Jahresende fünf Personen umfassen – damit werden wir diesen Anspruch nur bedingt erfüllen können. Klar ist: Die Projekte, die wir fördern oder initiieren, werden möglichst breit regional gestreut. Konzentrieren müssen wir uns dabei auf jene Orte, an denen baukulturell besonders wichtige und akute Fragen aufgeworfen werden.

Herr Rieniets, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Paul Andreas.



Tim Rieniets
Tim Rieniets (geb. 1972 in Hilden) studierte Architektur und arbeitete als Stadtforscher, Publizist und Kurator. Er war Dozent für Städtebau am Lehrstuhl von Kees Christiaanse, ETH Zürich, und Gastprofessor an der TU München. Rieniets war an verschiedenen Forschungsprojekten beteiligt und initiierte das Lehrprojekt „Urban Research Studio“ an der ETH Zürich. Er ist Herausgeber verschiedener Publikationen und war Co-Kurator der International Architecture Biennale Rotterdam 2009 „Open City: Designing Coexistence“. Seit dem 1. April 2013 ist er neuer Geschäftsführer der neu aufgestellten Landesinitiative StadtBauKultur NRW 2020. Er lebt in Essen und arbeitet in Gelsenkirchen.

Mehr Informationen zur Landesinitiative StadtBauKultur NRW 2020 und ihren Themen unter: www.stadtbaukultur.nrw.de

Fotos Cristóbal Márquez Hans-Jürgen Landes www.landesfoto.de mehr

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Cristóbal Márquez
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