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Begrünen – um keinen Preis

Seit vierzig Jahren bepflanzt Tita Giese nicht nur in Düsseldorf Verkehrsinseln, vergessene Resträume und auch Architekturen – ein Ateliergespräch

Ein Garagentor und ein Klingelknopf – das Atelier von Tita Giese im Zooviertel ist an... mehr

Ein Garagentor und ein Klingelknopf – das Atelier von Tita Giese im Zooviertel ist an Unscheinbarkeit kaum zu überbieten. Als der Summer surrt, erwartet mich am Ende des leeren, weißen Garagenschlauches die zierliche Gestalt der Grande Dame der Düsseldorfer Grünwelten. Mein rauer Dufflecoat findet in der Garderobe gerade noch Platz neben ihrem schwarzen Prada-Jäckchen – und schon folge ich ihr schnurstracks durch das kleine verglaste Büro mit dem stattlichen Hometrainer in der Ecke, hinaus ins Freiraumatelier. Zwischen den Gebäudeblocks winken uns die Kronen hoher Bambusstämme im Januarwind zu. Für einen Spaziergang durch das winterliche Outdoor-Labor für exotische Pflanzen und surreale Pflanzideen bleibt aber erst einmal gar keine Zeit – zielstrebig steigen wir eine lange Außentreppe in das Untergeschoss hinab: In einem kleinen fensterlosen Spiegelkabinett hängen dort die aktuellen Projekte minimalistisch an den Miroir-Wänden aufgereiht. Fotorealistisch präzise visualisiert ist jedes Pflanzmotiv – zu unterschiedlichen Jahreszeiten, in verschiedenen Lichtsituationen, mit oder ohne Gebäudekulisse. Im Spiegelraum multipliziert sich das und gibt eine Vorahnung von den bizarren Pflanztapeten, die Tita Giese entwirft – für den Düsseldorfer Stadtraum aber auch für Gebäude weltweit, die eine transformative Vision gebrauchen können.

CUBE: Frau Giese, woran arbeiten Sie eigentlich, wenn die Natur im Winterschlaf steckt?
Tita Giese: Das mit dem Winterschlaf ist so eine Sache. Die Natur schläft eigentlich nie, die arbeitet immer – und ich bin auch so veranlagt: Gerade arbeite ich an einem Doppelrestaurant, das Rainer Wengenroth in einer verlassenen alten Maschinenhalle in Lierenfeld bald auf zwei Etagen eröffnen wird. Mit den schönsten Hängepflanzen, großen, beleuchteten Palmeninseln und einem Wasserfall, der sich in ein riesiges im Gebäude vorgefundenes Loch hinein ergießt. Das wird toll!

Und was ist dieses Projekt hier?
Das war mal ein ziemlich scheußlicher 1970er-Jahre-Bungalow, den der Berliner Architekt Jürgen Mayer H entkernt und zu einem Beton-Bunker überformt hat – fantastisch! Dazu setze ich gerade im Außenbereich Pflanzeninseln. Ich gestalte ja eigentlich nichts – ich lehne das sogar ab. Alles was ich herstelle, das sind Tapeten – aus lauter einzelnen Inseln, die sich wie von selbst zu einem Ganzen addieren. Ich setze dazu verschiedene Austernpilze ein – zum Beispiel diesen Pleurotus cornucopiae, einen Frühjahrsausternpilz. Dazu gibts den Pleurotus florida, einen Sommerausternpilz und einen dritten für den Winter – zu jeder Jahreszeit ändert sich also etwas. Eine Abschirmung aus Bambus, Palmen und Sachalin-Knöterich – eigentlich eine Autobahnbegrünungspflanze – macht die entsetzlichen Nachbarhäuser unsichtbar. Die unfällbaren, hohen Weihnachtsbäume im Garten werden außerdem Träger für Schlingpflanzen – Efeu, Clematis armandii, Clematis montana, wilder Wein und andere. Alle Jahreszeiten schlängeln sich da hoch – das gibt eine spannende Unterhaltung der Pflanzen miteinander!

Wie schaffen Sie es, dass das dann auch über Jahre so erlebbar bleibt?
Sie brauchen wirklich den besten Gärtner, den es am Ort gibt. Denn das was ich tue, verdreht alles das was Gärtner sonst tun – um 180 Grad! Das fängt schon mit dem klassischen Begriff des Unkrauts an: Bei mir ist etwas nur Unkraut, wenn es nicht in meinem Konzept enthalten ist. Anders als viele Landschaftsarchitekten nutze ich aber auch nicht-heimische und damit auch invasive, also in unser Ökosystem aus anderen Erdteilen eingedrungene Pflanzen. Schon vor zwanzig Jahren habe ich mit indischem Springkraut gearbeitet – in Neuss am Hafen wuchs das riesengroß – fantastisch!

Ist denn das nicht ökologisch gefährlich?
Vor allen in den Wäldern sind das wirklich gefährliche Pflanzen – da werden die einheimischen Gewächse total verdrängt. Aber mal ehrlich – was sollen die in der Stadt verdrängen? Die Landschaftsgärtner und -architekten denken da meiner Ansicht nach viel zu ideologisch. Mittlerweile ist diese „Jute-statt-Plastik“-Denke auch in den Ämtern eingezogen, nachdem man vorher über Jahrzehnte in Nacht- und Nebelaktionen meine Pflanzungen mit Herbiziden zerstört hat. Ich war echt heilfroh, als meine Projekte irgendwann beim früheren Kulturdezernenten Grosse-Brockhoff angesiedelt wurden. Seitdem kümmere ich mich direkt mit meinen Assistenten um die Anlagen im Düsseldorfer Stadtraum. Und nachdem ich mit international bekannten Architekten wie Herzog & de Meuron und anderen gearbeitet habe, ist das alles auch viel einfacher. Alle – auch die Verantwortlichen in der Politik – haben plötzlich viel mehr Respekt. Das war aber nicht immer so!  

Wie ist denn die Zusammenarbeit mit den Schweizer Architekten damals eigentlich entstanden?
Der Erstkontakt kam durch Thomas Ruff zustande, der schon länger mit ihnen gearbeitet hatte. Das erste gemeinsame Projekt waren dann die hängenden Gärten für die Salvatorpassage in München. Da habe ich das tatsächlich geschafft, was bis dato noch keiner gewagt hatte: Pflanzen von oben nach unten wachsen lassen. 

Was war denn daran so kompliziert?
Was glauben Sie was passiert, wenn sie Schlingpflanzen, die Sie nach oben wachsen lassen, plötzlich einfach umdrehen? Ich habe lange überlegt und nach Lösungen gesucht. Von einer Firma in Rotterdam wusste ein Hilfsgärtner im Botanischen Garten von Amsterdam. Die haben 20 m hohe Hallen, wo wir die Pflanzen über zwei Jahre gezielt hängend züchten konnten. Die Präzision, mit der Herzog & de Meuron immer bis ins letzte Detail arbeiten, ist uns dabei sehr zupass gekommen. Über ein Jahr lang konnten wir die Hängepflanzen anschließend in einem alten E-Werk bei München testen. Vor allem das Wachstumslicht war eine echte Herausforderung – die LED-Technologie war ja zu Beginn des Jahrtausends längst noch nicht so ausgereift wie heute. Aber es funktioniert immer noch wunderbar.

Würden Sie sagen, die Salvatorpassagen waren ein Schlüsselprojekt in Ihrer Karriere?
Zumindest war es eine echte Mutprobe! Es gibt ja so Profis, die tragen immer grüne Sachen und wirken in ihrer ganzen Biederkeit wie die geborenen Fachleute. Ich wirke dagegen immer unseriös – und die sagen dann immer, ich sei doch wohl verrückt und hätte keine Ahnung. Auch wenn ich natürlich wegen meiner Projekte, Reisen und Netzwerke heute viel mehr über Pflanzen weiß als früher, stehe ich doch immer noch zu meinem Halb-Wissen und Dilettanten-Dasein! Bei jedem Auftrag versuche ich ohne Scheuklappen das umzusetzen, was mir vorschwebt.

Was ist denn eigentlich spannender für Sie – ein Projekt, was in einem Neubau-Kontext im Dialog mit einem Architekten entsteht, oder Stadtraum-Projekte an Orten, die eine transformative Vision brauchen?
Kommen Sie, ich zeige Ihnen ein Projekt, das ich für den Wehrhahn gerade plane! (Wir verlassen das unterirdische Spiegelkabinett und erreichen schnellen Schrittes das Büro – ein langer lichtgrauer Schreibtisch mit Gartenblick und einer großen Visualisierung mit Essigbäumen darüber, die wie die einzigen Überlebenden einer Gerölllawine in den Himmel stehen.) Ich wollte immer schon so etwas machen – eine Straße aufreißen lassen und dann darin Bäume pflanzen. Und genauso so ein Inferno kam mir nun zu Gesicht bei der Baustelle am Wehrhahn: Auf einem Mittelgrünstreifen, wo die Wehrhahnlinie den Tunnel verlässt, stapeln sich die Asphaltbrocken wie die Eisschollen im Bild von Caspar David Friedrich. Eigentlich wollte ich Yukkas dazwischen setzen – weil die Haushaltslage der Stadt aber angespannt ist, bin ich jetzt auf Essigbäume umgeschwenkt. Sie halten extreme Hitze aus und benötigen keine künstliche Bewässerung. Deshalb haben sie sich in den letzten Jahrzehnten ja auch wie wild in den Städten ausgebreitet – noch in den 1950er-Jahren standen sie nur dekorativ in Vorgärten. Aber sie haben wunderschöne Herbstfärbungen und Blütenstände und werden wie Palmen beschnitten. 

Entwickeln Ihre Bilder an solchen urbanen Rest- und Nichtorten, wie Sie es jetzt gerade für den Wehrhahn planen, nicht eine ganz besondere visionäre Kraft?
Ich arbeite am liebsten an solchen total öden und vergessenen Orten. Das war ja auch mit dem Tausendfüßler schon so, als ich in den 1980er-Jahren angefangen habe mich dort auf den dazwischen liegenden Verkehrsinseln auszubreiten. Es ist wirklich eine Schande, dass die wunderbare Hochstraße weichen musste! Ich hätte sie stehen gelassen, weiß beschichtet, künstlich angestrahlt und eine Palmenallee darüber geführt.  

Stattdessen gibt es dort nun viel Freiraum, Platanen und japanische Kirschbäume...
Ach ja, japanische Kirschbäume! Früher war das ein Exotikum – heute kriegen Sie die in jedem Baumarkt! Mich interessieren solche Pflanzmoden nicht. Mich beschäftigt immer die Frage, wie sich der Kontext einer Pflanze durch bestimmte Arrangements verschieben lässt! Für das Actelion Business Center in Basel von Herzog & de Meuron habe ich zum Beispiel mit Anthurien gearbeitet – wirklich die Spießerblume schlechthin. Manchmal kaufe ich mir sogar selbst welche, weil sie praktisch nie kaputt gehen – weshalb sie wiederum oft auf den Fensterbrettern verstauben. In Basel habe ich diese Anthurien mit Palmen kombiniert – das erzeugt eine ganz andere, viel exotischere Assoziation und doch ist die alte Bedeutung dadurch ja nicht einfach ausgelöscht.  

Sie haben vor ein paar Jahren mal in einem Interview gesagt, Düsseldorf sei eine ziemlich langweilige Stadt – warum eigentlich?
Als ich Anfang der 1960er-Jahre aus der bayerischen Provinz an die Kunstakademie kam, da gab es eine lebendige Kunstszene, die sich um Galeristen wie Jean-Pierre Wilhelm etabliert hatte. Da sind wir nach der Akademie oft in die Altstadt – damals noch kein gelecktes, plattiertes holländisches Dorf für Junggesellenabschiede, sondern viel barackiger. Der einzige Ort, an den es mich heute manchmal noch zieht, ist der Salon des Amateurs – oft zum Tanzen zusammen mit meinen Assistenten. Gerade weil es so langweilig geworden ist, kommt man in Düsseldorf aber auch gut zum Arbeiten – und bis zum Flughafen sind es nur 10 Minuten...

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch, Frau Giese.

Das Interview führte Paul Andreas.

 

Tita Giese
studierte an der Kunstakademie Düsseldorf. Nachdem sie über Jahre in ihrem Hinterhofatelier im Greifweg in Oberkassel mit Pionierpflanzen und Pilzen experimentierte, planzt sie seit 1978 vor allem im öffentlichen Raum Pflanzeninseln. Sie entstehen in Düsseldorf zunächst an der Ronsdorfer Straße, dann zwischen den Verkehrsadern des Tausendfüßlers (mittlerweile aufgelöst), zuletzt am Stresemannplatz und Ernst-Reuter-Platz – oft auf urbanen Restflächen in besonderer Artenvielfalt und -kombination. Wenn sie nicht gerade um die Welt reist, lebt und arbeitet Tita Giese in Düsseldorf.