Zwischen Offenheit und Rückzug
Wohnhaus auf schmalem Grundstück bietet Weite und geschützte Räume
Ist die Bauherrin zugleich Architektin, scheint alles möglich. Es bedeutet aber auch, einen Punkt zu setzen, wenn eigene Ansprüche bis ins Detail umgesetzt sind. So war es auch bei diesem Haus für eine junge Familie, das sich in einem dichtbebauten Umfeld präzise zwischen Offenheit und Rückzug sowie Massivität und Leichtigkeit positioniert.
Das schmale Grundstück ist von unmittelbarer Nachbarschaft umgeben, öffnet sich jedoch mit freiem Blick zu einem Landschaftsschutzgebiet. Diese Gegensätze bestimmten den Entwurf von Architektin Leonie Münch maßgeblich. Ihr Ziel war es, ein Zuhause für sich und ihre Familie zu schaffen, das Ruhe vermittelt, die Umgebung ausblendet und zugleich ein Gefühl von Weite erzeugt. Bereits beim Eintreten sollte sich der Blick talabwärts ins Grün richten. Eine besondere Herausforderung stellte die Topografie dar, da das Grundstück einen Höhenunterschied von nahezu neun Metern aufweist. Durch eine präzise Terrassierung wird das Gelände optimal genutzt: Garten, Terrassenfläche mit Pool und Wohnebene folgen ebenso dem Hang wie Eingangs- und Obergeschoss. Der Baukörper reagiert sensibel auf diese Situation und entwickelt sich als gestaffeltes Volumen aus mehreren kubischen Elementen. Die klare, reduzierte Formensprache des Hauses wird durch präzise gesetzte Einschnitte und sorgfältig proportionierte Fensteröffnungen geprägt, die Blickführung und Umgebung zusammenführen. Das auskragende Obergeschoss verleiht dem Haus eine schwebende Leichtigkeit und schützt zugleich den Eingangsbereich. Während sich die Fassade großzügig nach Süden zum Tal öffnet, bleiben die Seiten zu den Nachbargrundstücken weitgehend geschlossen. Trotz des schmalen Grundrisses entsteht so ein Gefühl von Weite.
Die Entscheidung für eine dunkle Holzfassade stand früh fest. Eine hochwertig anmutende Verkleidung aus lasierter Weißtanne mit vertikaler Laminierung erzeugt auf der Oberfläche einen faszinierenden Effekt: Je nach Lichtverhältnissen changiert die Gebäudehülle zwischen Schwarzgrau und schimmernden Graunuancen. Im Kontrast dazu stehen helle, ruhige und zurückhaltende Innenräume. Ein durchgehender, in Handarbeit gespachtelter Mikrozementboden in Greige schafft Kontinuität und erzeugt eine ruhige, warme und angenehme Atmosphäre. In den oberen Geschossen unterstützen Holz-Alu-Fenster die wohnliche Materialität. Die großzügige Ganzglasfassade im Wohngeschoss kommt ohne außenliegende Verschattung aus, während die südseitige Auskragung effektiven Sonnenschutz gegen die Mittagssonne übernimmt. Alltagstaugliche Lösungen, die ein effizientes Wohnen am Hang ermöglichen, ergänzen den Entwurf: So führt eine Spindeltreppe direkt vom Garderobenbereich im Erdgeschoss mit Hauswirtschaftsraum zur Speisekammer hinter der Küche und ermöglicht kurze Wege zwischen den dienenden Bereichen.
Für Wärme und Energie sorgen eine Sole-Wärmepumpe mit Tiefenbohrung sowie ein Energiemanagementsystem zur Optimierung des Eigenverbrauchs von PV-Strom. Die Systeme unterstützen die Kühlung über die Fußbodenheizung. Ergänzt wird das Konzept durch einen Ofen mit drei Meter hohem Panoramakamin aus Schwarzstahl, der sich als zentrale Skulptur in eine massiv ausgebildete Ofenbank einfügt – ein Ort der Wärme und Familie.
Fotos:
Heidemarie Pleschko
www.pleschko-fotografie.com
(Erschienen in CUBE Stuttgart 02|26)
