Wiedererwecktes Denkmal
Projekte entstehen oft aus Begegnungen, eher zufällig als geplant. So auch beim sogenannten „Gut Nazareth“ im nordwestlichen Stadtteil Mariaweiler von Düren: Ein Bauantrag, der die formale nachbarschaftliche Zustimmung der Anrainer verlangte, führte den Kölner Architekten Stephan Otto auch in die Etage der Geschäftsführung der Firma Heimbach, etwas außerhalb des alten Dorfkerns. In diesem Kontext kam das Gespräch auch auf ein Ensemble alter Industriehallen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, etwas abseits des aktuellen Fabrikationsstandortes gelegen. Ursprünglich Teil der ersten Produktionsstätte des Textilherstellers, der sich schon früh auf Textilien und Filze für die heimische Papierindustrie spezialisierte, war das Ensemble mittlerweile denkmalgeschützt, aber seit Jahrzehnten ungenutzt. Wie es der Zufall wollte, kam der Architekt auf seinem Rückweg an den alten Hallen vorbei. Nur eine kurze spontane Ortsbegehung genügte, und ihm war klar: Daraus ließ sich mehr machen!
„Gut Nazareth“, benannt nach der gleichnamigen Straße, umfasst einen denkmalgeschützten Bestand aus zwei giebelständigen, zwei- und dreigeschossigen Backsteingebäuden, die durch eine eingeschossige Halle verbunden sind. Mit seinem südlich anliegenden Vierkantschornstein tritt das Ensemble markant zur Straße in Erscheinung. Auf der Rückseite wird der Komplex durch einen langgestreckten Mühlenteich begrenzt, der an eine frühere Nutzung als Wassermühle erinnert. Nach Süden schließt sich eine weitläufige, eingeschossige Industriehalle aus der Nachkriegszeit an, die mit Trapezblechen verkleidet und nicht Teil des Denkmalensembles ist. Zusammen mit zwei weiteren Gesellschaftern erwarb Otto das Areal 2020. Darauf folgte ein Jahr der Entkernungsarbeiten: Die über drei Jahrzehnte lang ungenutzten und komplett leerstehenden Hallen wurden in Abstimmung mit dem Denkmalschutz vollständig von allen zwischenzeitlichen Einbauten und Einlagerungen befreit. Ein weiteres Jahr brauchte es, die historische Bausubstanz sowohl in ihren Grundrissen als auch in Ansichten und Details wiederherzustellen.
Als Architekt mit Schwerpunkt auf dem nachhaltigen Umgang mit Denkmalimmobilien legte Otto besonderen Wert auf die Restaurierung und Wiederverwendung historischer Materialien aus dem Bestandsgebäude. Nicht nur alle ausgebauten Ziegelsteine wurden an anderer Stelle wiederverwendet – auch die Althölzer der wiederherzustellenden Dachstühle fanden neue Nutzung. Alte bauzeitliche Holzdielen wurden zudem aufwendig ausgebaut, restauriert und erneut eingesetzt. Der raue Industriecharme der Hallen mit ihren gusseisernen Stützen und den typischen Rundbogen- und Sichtbogenfenstern, ebenso wie die gealterten Oberflächen mit ihren Nutzungsspuren, wurde dabei bewusst erhalten.
Ergänzend wurden umfangreiche Arbeiten im Außenbereich des Areals vorgenommen: Großformatige Platten dienten der Erschließung der Hallen und wurden mit versiegelungsoffenen Schotterflächen und Baumpflanzungen kombiniert, um auch hier Orte mit Aufenthaltsqualität zu schaffen. Mitte 2022 konnte schließlich die Vermietung starten: In den nördlich gelegenen Hallen 4 und 5 zog das Kreativwerk Elim ein, das hier eine kleine Veranstaltungshalle mit Café und Biergarten betreibt. Die übrigen Hallen dienen als Event- und Veranstaltungslocation mit Bar, technisch ausgestatteter Bühne sowie rustikalen Tischen und Stühlen – regelmäßig finden hier Hochzeiten, Oldtimertreffen, Firmenevents und private Partys statt. Ein Highlight ist eine großzügige Freitreppe, die je nach Bedarf dank eines erhaltenen historischen Krans flexibel zwischen den Etagen installiert werden kann – Industriekultur pur.
www.stephanotto.de
www.gut-nazareth.de
Fotos:
Stephan Otto
(Erschienen in CUBE Köln Bonn 01|26)