Integration einmal anders

Ein früheres Anstaltsgelände wird zu einem flexibel bewohnbaren, inklusiven Quartier transformiert

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Das Quartier am Vituspark in Mönchengladbach hat eine sozialhistorisch bewegte Geschichte: Das Areal, das ziemlich genau auf der Grenze zwischen den beiden Stadtherzen Rheydt und Gladbach liegt, war lange isolierter Wohn- und Arbeitsort für Menschen mit Behinderung, betreut von der Evangelischen Stiftung Hephata. Das 3,6 Hektar große Gelände war dabei von der Nachbarschaft abgegrenzt, ohne Bezug zum umliegenden Stadtleben. Die hier praktizierte Separierung fand erst mit den seit der Jahrtausendwende erreichten Inklusionsbestrebungen einen Endpunkt. Interessanterweise war es gerade die Evangelische Stiftung Hephata, die von Mönchengladbach ausgehend eine Dezentralisierung und Öffnung nach außen sowohl in der Betreuung, der Unterbringung als auch dem Umgang mit Menschen mit Behinderung anregte und umsetzte: So entstanden allein von 1995 bis 2015 in 36 Orten in NRW und an über 170 Adressen inklusive Wohnprojekte in echten Nachbarschaften. Schließlich blieb die Frage: Was kann mit dem mehr und mehr leergezogenen ehemaligen Stiftungskerngelände am Vituspark passieren?

Bereits 2007 gründete Hephata zusammen mit dem Mönchengladbacher Architekturbüro Schrammen die Projektgesellschaft die projektentwickler wohnen 2030. Das Ziel: Das künstlich separierte, von der Bevölkerung aus Vorurteilen oft gemiedene Anstaltsgelände soll wieder in die Stadt integriert werden und eine neue Normalität erhalten. Diese Normalität umfasste einerseits das Nebeneinander zu verbliebenen Einrichtungen der Hephata, andererseits ging es dabei aber auch um die innere Strukturierung des Wohnquartiers. Das Quartier am Vituspark wurde konsequent für die sich ändernden Lebensbedürfnisse von Paaren, Familien und Singles aus allen Generationen konzipiert. Früher als anderswo wurde ein Nebeneinander und eine Ergänzung unterschiedlichster Wohnformen forciert: Neben Häusern des freien Wohnungsmarktes – etwa Gartenhofhäusern, Doppel- und Patiohäusern – gibt es sogenannte Campushäuser: Dahinter verbergen sich flexibel über drei Etagen ausgeführte Wohneinheiten zur Miete, die ein Dreigenerationenhaus ebenso beherbergen können wie die Möglichkeit, Arbeiten und Wohnen an einem Ort zusammenzuführen. So ist in über einem Jahrzehnt in parkähnlicher Umgebung mit altem Baumbestand ein barrierefreies und lebendiges Wohnviertel entstanden, das Aufenthaltsqualität und Zentrumsnähe genauso bietet wie die Nähe zu Pflegeeinrichtungen, einer Förderschule mit Sportplatz und Werkstatt für Menschen mit Behinderung. In sieben Bauabschnitten wurden insgesamt 138 Wohneinheiten realisiert. Die letzte Projektetappe folgt derzeit mit der „Alten Gärtnerei“: Rund 50 weitere Mietwohnungen werden hier in zwei Mehrfamilienhäusern geschaffen – trendbewusst mit flexibel nutzbaren Homeoffice-Halbzimmern, individuell zu bewirtschaftenden Gartenparzellen und einem Gemeinschaftsgewächshaus. Mit dem Quartier am Vituspark hat sich in wenigen Jahren an exponierter Stelle in der Stadt ein echter Strukturwandel ereignet.

www.schrammen.info

Fotos:

Jens Willebrand
www.willebrand.com
Tomas Riehle
www.tomas-riehle.de

(Erschienen in CUBE Düsseldorf 03|22)

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