Pionierin des neuen Bauens

Anna Heringer baut international mit Lehm und anderen in Vergessenheit geratenen Baustoffen

Sie versuchen, den in Vergessenheit geratenen Baustoff Lehm wieder zu etablieren, nicht nur im globalen Süden, sondern auch bei uns in Europa. Passt er hierher?

Anna Heringer: Lehm ist ja auch ein europäisches Material, das haben wir nur vergessen. Er war auch in Deutschland wirklich weit verbreitet; bei den Fachwerkhäusern ist uns das noch am meisten bewusst. Alles, was lokal verfügbar ist, passt hierher. Es gibt Lehmgebäude in jeder Klimazone und für jeden Zweck. Das ist nur etwas, was wir verdrängt haben, weil Lehm nach wie vor das Image eines ‚Arme-Leute-Materials‘ trägt. Es gab einen berühmten Lehmbauer in Frankreich, der sagte: ‚Baut mit Lehm, er ist feuerfest, günstig, einbruchsicher, gesund und man kann ihn so verputzen, dass er wie ein Steinhaus aussieht.‘ Man hat das Material als wertvoll angepriesen, und dann hat man es versteckt oder so aussehen lassen, als sei es ein Steinimitat oder ein Ziegelhaus. Das ist natürlich schade. In der jetzigen Zeit – gerade mit Martin Rauch – wird Lehm wirklich in seiner vollen ästhetischen Kraft eingesetzt. Das ist etwas Neues. Gerade weil wir so viel Zeit in geschlossenen Räumen verbringen, wird es natürlich immer wichtiger, womit wir bauen. Ich glaube und hoffe, dass dafür auch bei uns das Bewusstsein wächst.

War Martin Rauch, einer der Lehmpioniere aus Österreich, ein Vorbild für Sie, oder lernten Sie einander erst kennen, als Sie bereits eigene Projekte entwickelt hatten?

Ich war als Studentin bei Martin Rauch in Linz und besuchte einen Lehmbau-Workshop. Er war ganz klar ein Vorbild und ein Lehrer für mich. Er hat mich bei meinem ersten Bau, bei der Meti-Schule in Bangladesch beraten und bei den Folgebauten – und irgendwann begannen wir, gemeinsam Projekte zu entwickeln.

Experimentieren Sie neben Lehm auch mit anderen Materialien?

Ja. Lehm hält Druck gut aus, aber Zugkräfte verträgt er kaum. Das heißt, wenn ich in Bangladesch bin, dann ist Bambus der Partner – hier ist es Holz. Es braucht immer irgendwelche Partnerschaften. Wenn es die Rahmenbedingungen verlangen, muss es auch mit einer Betondecke gehen. Aber ich arbeite am liebsten mit natürlichen Materialien.

Sie spielen auf Ihr erstes großes Gebäude in Deutschland an, den Campus St. Michael in Traunstein, wo Sie teilweise mit Beton arbeiten mussten.

Ich hätte dort gerne im ganzen Gebäude mit Lehm gebaut, aber das ließ sich nicht überall durchsetzen. Es ist schwierig, bei unseren deutschen Bauvorschriften. Wir haben den ‚Klimmzug‘ sozusagen bis zur Hüfte geschafft und dann ging uns die Kraft aus, um auch noch die Beine hochzuziehen. So ungefähr sieht das Gebäude jetzt aus, wie ein Hybrid. Aber worüber ich mich am meisten freue, ist, dass wir auch dort Partizipation geschafft haben. Das ist das, was ich beim Bauen im globalen Süden gelernt habe: dass man eben nicht nur Gebäude baut, sondern gleichzeitig eine Gemeinschaft aufbauen kann. Genauso wie bei meinem Altar in Worms, wo die Menschen mitgebaut haben, haben wir auch im Campus St. Michael ganz dezidiert eine Nische gehabt, wo ich wollte, dass die zukünftigen Nutzerinnen und Nutzer mitbauen. Das ist die Kaffee-Nische, die einfach eine geschlungene, organische Form geworden ist, die die Leute über mehrere Wochen gemeinsam aus Lehmziegeln und mit Lehmputz gebaut haben. Dadurch entsteht ein ganz anderes Verhältnis zum Gebäude, weil man weiß, dass man mitgebaut hat. Wenn man am Ende in dieser Ecke gemeinsam einen Kaffee trinkt und sich daran erinnert, wie man im November gefroren hat, während man daran arbeitete, und die gemeinsamen Erlebnisse teilt, ist das natürlich ein ganz anderes Gefühl, als wenn man ein schlüsselfertiges Gebäude bezieht. Man ist wirklich ein Teil davon. Darüber hinaus freut mich natürlich, dass wir auch den Lehm zumindest in großen Teilen wirklich auch tragend und vollständig bewittert einsetzen konnten. Das ist auch für Deutschland etwas Neues. Es gibt Trockenlehm im Innenraum und bewitterte Fassaden, auf denen das Dach voll darauf lastet. Es ist schön, dass wir das realisieren konnten.

Möchten Sie künftig stärker in Europa bauen oder arbeiten Sie ohnehin lieber im globalen Süden?

Ich baue am liebsten dort, wo Lehm am meisten gebraucht wird und wo er am meisten bewirken kann. Deshalb wähle ich ganz gezielt Projekte aus, von denen ich weiß, dass sie viel Strahlkraft entwickeln werden. Prinzipiell liegt mir der globale Süden natürlich schon sehr am Herzen, weil ich dort sehe, wie außerordentlich wichtig Architektur ist. Im globalen Süden gibt es viel wiedergutzumachen, was durch den Kolonialismus extrem geprägt wurde. Und da würde ich gerne meinen Beitrag leisten.

Anna Heringer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Christina Haberlik, freie Redakteurin, für das CUBE Magazin.

Anna Heringer

Anna Heringer, Jg. 1977, deutsche Architektin aus Laufen, studierte an der Kunstuniversität in Linz Architektur. Ihre Abschlussarbeit war eine Schule aus Lehm, Bambus und Stroh, die sie 2004 in Bangladesch verwirklichen konnte. Seither verfolgt sie konsequent diesen Weg des nachhaltigen Bauens und erwarb internationalen Ruf mit ihrem Werk. Heringer wurde mehrfach für ihre Arbeit ausgezeichnet, zuletzt 2024 mit dem Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Zudem ist sie Inhaberin des Unesco-Lehrstuhls für „Lehm-Architektur, Baukulturen und nachhaltige Entwicklung“.

Foto:
Gerald V. Foris
www.geraldvonforis.de

(Erschienen in CUBE München 02|26)

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