Hundert Jahre wie weggewischt
Sanierung und Modernisierung eines Siedlungshauses trotz strenger Auflagen
Kurz vor seinem hundertsten Geburtstag wird ein Haus im sogenannten Fliegerviertel behutsam saniert. Bei seiner Gründung in den 1920er-Jahren hieß das Viertel noch Gartenstadt Neu-Tempelhof. Die Straße, in der das Haus steht, trug ursprünglich den Namen Burgunderstraße. Seit 1936 heißt sie Peter-Strasser-Weg. Im Zuge einer Umbenennungspolitik des NS-Regimes wurden alle Straßen der Gartenstadt nach Fliegerhelden des Ersten Weltkriegs benannt und haben ihre Namen bis heute behalten. Der städtebauliche Entwurf der Gartenstadt geht auf Stadtbaurat Fritz Bräuning zurück. Beteiligte Architekten waren die Protagonisten der Moderne: Bruno und Max Taut, Paul Engelmann, Franz Hoffmann und Martin Wagner. Die Reihenhäuser am Peter-Strasser-Weg gelten heute als ein außergewöhnlich gut erhaltenes Ensemble der Gartenstadtbewegung.
Die Berliner Architektin Florence Girod erhielt den Auftrag, eines dieser denkmalgeschützten Reihenhäuser zu sanieren und heutigen Bedürfnissen anzupassen. Eine ehrenwerte Aufgabe einerseits, da diese Häuser zu den streng geschützten Gebäudetypen der Gartenstadt Neu‑Tempelhof gehören. Eine sehr schwierige Aufgabe andererseits, da die Erhaltungssatzung des Quartiers strenge Auflagen impliziert und nur enge Gestaltungsspielräume lässt. Es dürfen keine baulichen Veränderungen vorgenommen werden, die das Gesamtbild beeinträchtigen.
Die Sanierung folgt dem Leitbild der Substanzbewahrung und gestalterischen Zurückhaltung. Demzufolge erfuhr das dreigeschossige Reihenhaus V baulich lediglich eine behutsame Erweiterung durch einen eingeschossigen Anbau zum Garten hin, wodurch zusätzlicher Wohnraum geschaffen werden konnte. Auf seinem Dach entstand eine Terrasse für das Obergeschoss, in das auch ein neues Badezimmer eingebaut wurde.
Im Erdgeschoss zeigen sich die wenigen baulichen Veränderungen am deutlichsten: Die kleinteiligen Räume wurden aufgelöst zugunsten eines nahezu offenen Grundrisses. Die Architektin legte großen Wert darauf, die bauzeitliche Struktur sichtbar zu machen und weiterzudenken. Charakteristische Originalelemente wie Treppen, Türen, Böden oder das Dachgebälk wurden aufgearbeitet. Besonders die Treppe mit ihrem filigranen Geländer und die originalen Türen wurden eigens betont. Im Einklang mit der Erhaltungsverordnung Neu-Tempelhof erhielt das Haus neue Holzfenster mit Sprossen und Stulp und sein Dach zinnverkleidete Gauben. Nach Freilegung der Balken und Stützen der markanten Dachkonstruktion und deren statischer Ertüchtigung wurde das relativ steile Satteldach erhalten und ein neues Raumgefüge integriert. Auch die typische zurückhaltende Farbgestaltung der Fassade und der Innenräume blieb wie vorgegeben.
Im Zuge der energetischen Sanierung wurden Dach und Fassade gedämmt. Alle getroffenen Maßnahmen optimieren den baulichen und energetischen Standard des Baudenkmals und es entstand ein Haus, das Vergangenheit und Gegenwart stimmig verbindet.
Fotos:
Jan Bitter
www.janbitter.de
(Erschienen in CUBE Berlin 02|26)


