Geschichte: grün und lebendig

Die stetige Erneuerung des Mauerparks war von Beginn an Teil der Entwurfsidee

Anders als viele Besucher:innen schätzen Berliner:innen den Mauerpark nicht nur wegen des Flohmarkts an der Bernauer Straße oder der sommerlichen Open-Air-Events im Amphitheater. Die stetige Erneuerung und Renaturierung des ehemaligen Mauerstreifens würdigt die durchdachte Philosophie des ursprünglichen Gesamtdesigns und bietet Anwohnenden und Familien zwischen Wedding und Prenzlauer Berg eine dringend benötigte, tägliche Freifläche.

Der Senkgarten etwa ist mit seiner verträumten Atmosphäre nur ein kleiner und doch sprechender Teil des umfassenden Großprojekts des mittlerweile verstorbenen Landschaftsarchitekten Professor Gustav Lange. In verschiedenen Phasen wurde dieses von 1992 bis 2020 realisiert und wird bis heute ständig weiterentwickelt. Der Mauerpark steht für Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen – eine grüne Oase der Heilung auf dem Gelände einer erschütternden Geschichte.

In Langes Entwurf spielen die Menschen dabei eine Schlüsselrolle. Im größeren Maßstab verwendete Lange eine axial ausgerichtete Anordnung um primäre geometrische Formen herum, was zu einer stabilisierenden, übergeordneten Formensprache führte. Im kleineren Maßstab jedoch wurden Geometrien und Linien aufgebrochen und verstärken so den Eindruck von Dynamik, denn: „Leben findet in Zwischenräumen statt – nicht in organisierten Strukturen“, erklärte Lange bereits im Jahr 1996. Obstbäume stehen in lockeren Gruppen auf den Rasenflächen; es gibt sowohl angepflanzte Wildblumenabschnitte als auch natürlich entstehende Bienenflächen – markiert durch wenige, bewusst platzierte Steinquader. Der Landschaftsarchitekt Frank Sleegers, der das Projekt über vier Jahre hinweg eng begleitete, schrieb über seinen Kollegen: „Lange handelte im Bewusstsein, dass der Gestaltung von Landschaft immer ein Denken über die Bedeutungsebenen als lesbare Schichtungen vorausgehen muss.“ Bestehende Anwohnerinitiativen, wie zum Beispiel der hölzerne Regenbogenspielplatz und der interkulturelle Gemeinschaftsgarten, zu dem seit kurzem auch ein Bienenareal gehört, blieben deshalb erhalten. Und ob beim Spazierengehen, Spielen oder Ruhen – der Mensch bleibt im Mauerpark stets Teil der Erneuerung: „Unter dem Schirm eines formgeprägten und klar lesbaren Gestaltungsgerüsts brauchte es Brüche, Fugen und Zwischenräume für Spontanes, Prozesshaftes – sei es Vegetation oder menschliche Aneignung.“ (Sleegers, 2022)

Heute ist das landeseigene Unternehmen Grün Berlin in enger Abstimmung mit dem Bezirk Pankow für die behutsame und klimaresiliente Sanierung, Weiterentwicklung und Pflege des vielfältig genutzten Geländes verantwortlich. Für 2026 ist unter anderem die Befestigung des Sonnenhügels oberhalb des Amphitheaters vorgesehen, um weitere Erosion zu verhindern. Die Graffiti-Community erhält während der Arbeiten einen separaten Zugang zum darüber liegenden Mauerstück – denn auch sie ist ein wichtiger Teil von Geschichte und organischer Erneuerung.

 

Fotos:
visitberlin, Chris Martin Scholl
Unsplash, Fionn Grosse

(Erschienen in CUBE Berlin 01|26)

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