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An Wolken festmachen

CUBE traf Wolf D. Prix im Büro von Coop Himmelb(l)au, einem Kreativort mit jeder Menge begreifbarer Modelle

CUBE: Coop Himmelb(l)au ist international von Wien bis LA über Melbourne, China oder Baku tätig.... mehr
CUBE: Coop Himmelb(l)au ist international von Wien bis LA über Melbourne, China oder Baku tätig. Sie planen Gebäude rund um den Erdball. Wie lässt sich das organisieren? Sind Sie ständig mit einem Fuß im Flugzeug?

Wolf D. Prix: Wien ist sozusagen der Flugzeugträger, von wo aus wir starten und Teams entsenden. Dort wo wir bauen, haben wir lokale Partner wie zum Beispiel in Melbourne, was ganz wichtig ist, weil die Regeln des Bauens von Kultur zu Kultur ja so unterschiedlich sind. Und ja, ich reise mehr denn je, weil man in Wien – obwohl, zwei kleine Projekte bauen wir hier sogar gerade – kaum progressiv bauen kann. Das hat vielerlei Ursachen, wie beispielsweise Einschränkungen durch Normen und Baugesetze, die zum Teil übertrieben vorsichtig sind und nicht großzügig ausgelegt werden. Ich kann das so sagen, weil wir viel im Ausland bauen und dort weit weniger Schwierigkeiten haben, unkonventionelle und innovative Bauten zu errichten.

Liegt es vielleicht auch an der österreichischen Mentalität?

Ja, Wien ist eine Zwergpudelstadt, die sich rühmt international zu denken, weil sie ja die bequemste Stadt der Welt ist, wie man immer wieder in Rankings lesen kann. Und das stimmt auch. Wien ist unglaublich bequem. Aber hier Spitzenleistungen in der Architektur zu bringen, ist fast unmöglich. Ich habe mich daran gewöhnt. Es gibt einige Projekte, wie zum Beispiel den Dachausbau in der Falkestraße, der international respektiert ist als einer der ersten, wenn nicht überhaupt der erste realisierte Bau des sogenannten Dekonstruktivismus. Wir sind ja Miterfinder dieser Architekturrichtung, die durch die Ausstellung Deconstructivist Architecture im Museum of Modern Art bekannt wurde. Und ich erzähle Ihnen noch ein Beispiel, warum Wien eher karrierebehindernd als fördernd war: Noch vor dem Dekonstruktivismus haben wir ein Hotelprojekt in Wien und das Ronacher Theater entworfen, beide wurden nicht realisiert. Zur gleichen Zeit hat Jean Nouvel ein Hotel und ein Theater gebaut und damit gezeigt, dass so manche Konstruktion realisierbar ist. Wir mussten noch fast 10 Jahre bis zum UFA Cinema Center in Dresden warten, um zeigen zu können, dass unsere Ideen auch in die Realität umgesetzt werden können.

Woher kommen die Ideen zu Ihren außergewöhnlichen Konstruktionen und Entwürfen? Welche Inspirationen, Wünsche, Gedanken und Abläufe stecken dahinter?

Coop Himmelb(l)au wurde 1968 gegründet, wir waren damals 26 Jahre und unser Gedanke war: Wenn man nur an Architektur denkt, kommt immer auch nur Architektur heraus. Uns waren aber andere Bereiche abseits der Architekturgeschichte wichtiger. Also zum Beispiel die philosophische Richtung der Frankfurter Schule, die antiautoritäre Kindererziehung, der Traum, die Gesellschaft zu verbessern. Uns hat die Strategie von Cassius Clay oder die Weltraumfahrt fasziniert, die gezeigt hat, dass alles möglich ist, wenn man es nur will. Wir waren begeistert von den Formel 1 Rennwagen, die Dynamik in Form übersetzt haben, wir haben uns beeinflussen lassen von Filmen der Nouvelle Vague und der Rockmusik – die Rolling Stones oder die Beatles waren übrigens auch ausschlaggebend, dass wir uns damals einen Gruppennamen gegeben haben. Mit all diesen Eindrücken und Medien, die scheinbar nichts mit Architektur zu tun haben, haben wir eine neue Sprache in der Architektur gefunden, weit entfernt von Palladio und Vitruv. Daraus ist der Dekon­struktivismus entstanden. Der Dekonstruktivismus wird oft mit negativer Kritik belegt, er ist aber eine wichtige Architekturrichtung, die sehr eng mit Freudschen Theorien des Unbewussten und mit der surrealistischen Gedankenwelt zusammenhängt.

Zu den Abläufen: Teamarbeit war uns immer und ist uns auch heute wichtig. Auch dafür hatten wir viele Vorbilder. Eines, das ich gerne zitiere, waren die beiden Bergsteiger Messner und Habeler, die erkannt haben, dass jeder dort führen soll, wo er besser ist, der eine im Fels, der andere im Eis. Auch bei uns übernimmt derjenige den Lead, der im jeweiligen Bereich besser und schneller ist. Mit den beiden gibt es noch eine weitere Analogie: Messner und Habeler haben es geschafft die Eiger Nordwand in einem halben Tag zu besteigen, wofür andere drei Tage gebraucht haben. Weil sie erkannt haben – und das ist interessant –, dass sie mit Schnelligkeit auch Gefahren wie Steinschläge oder Eisbrüche umgehen. Dieses System wenden wir auch gerne an, indem wir Sachzwänge durch Schnelligkeit und Intelligenz biegen und wenn möglich umgehen. Als unser Team größer wurde, kam auch die Strategie von Pep Guardiola, damals Trainer von FC Barcelona, als Vorbild dazu, denn er hat verschiedene Züge aus anderen Sportarten wie Eishockey, Handball oder Basketball auf Fußball übertragen und damit die Mannschaft erfolgreich gemacht.

Und Sie haben diese Strategien umgelegt auf die Architektur?

Ja, mit ähnlichen Strategien haben wir bewiesen, dass man unsere Entwürfe und Konstruktionen realisieren kann – auch ökonomisch, was immer bezweifelt wurde. Ich frage mich, warum die Bauindustrie bisher nicht in der Lage war, neue Methoden zu entwickeln, die es uns allen möglich macht, größere Volumen günstiger zu bauen, sodass Wohnungen nicht immer kleiner werden müssen, um leistbar zu bleiben. Ganz im Gegenteil baut man heute so wie vor 2.000 Jahren, also Ziegel auf Ziegel – das halte ich für antiquiert. Ich bringe immer folgenden Vergleich: Wenn die Autoindustrie gedanklich genau so faul wäre wie die Bauindustrie, dann würden wir jetzt noch mit Ochsenkarren fahren. Auch die Politik wäre hier gefragt! In China wird hier schon weitergedacht, intensiv zu Materialien geforscht oder auch mit Robotern gebaut.

Sehen Sie Ihr Tun auch als Beitrag hinsichtlich ökonomischer Entwicklung?

Ja sicher, wir haben ein gewisses Repertoire in der Architektur entwickelt und entwickeln es natürlich laufend weiter. Mit Hilfe unseres Artificial Intelligence Programms zum Beispiel, in dem alle unsere rund 600 Projekte erfasst sind – das den Beruf des Architekten im übrigen sehr verändert oder überhaupt obsolet macht, aber das ist eine andere Sache –, können wir aufgrund von Erfahrungen, neuen Methoden und Denkweisen heute sehr schnell und wirtschaftlich Lösungen finden. Wobei die Forschung, wenn man dem Hirnforscher Wolf Singer zuhört, der unser Gehirn als dynamischen vieldimensionalen Raum definiert und die Leistung riesiger Computer mit jenen einer Stubenfliege vergleicht, hier auch noch einiges zu tun hat. Darüber hinaus benötigen alle unsere Gebäude um 30 Prozent weniger Energie als die Regeln und Gesetze es erfordern.

Sie werden ja mit unterschiedlichsten Stichworten zur Architektur verbunden, wie „leicht und veränderbar wie Wolken“ oder „Architektur muss fetzen und brennen“, #nocolumns, #nogravity. Was ist Ihnen für die Zukunft wichtig?

Der programmatische oder ideologische Hintergrund zu „no gravity“, „no columns“ kommt von der Weltraumfahrt. Denn erstens gibt es im schwerelosen Raum keine Zentralperspektive und zweitens keine stützenden Funktionen. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass man Schwerelosigkeit im Innenraum erzeugen kann. Denkt man zum Beispiel an gotische oder barocke Kirchen: In den Vierungen oder Kuppeln, wie beispielsweise in der Karlskirche, da wurde tonnenschweres Material verbaut und dann mit einem Himmel weggemalt. Also wenn da nicht die Sehnsucht nach Schwerelosigkeit dahintersteht? 

Und Säulen wiederum sind ein Architekturelement, das Druck aufnimmt. Als 68er-Generationsangehörige haben wir immer gegen Druck gekämpft und daher mag ich keine Säulen, sondern eher zugbeanspruchte Kon­struktionen. Das Dach der BMW Welt zum Beispiel hat 14.000 m² und ist zehnmal größer als der dorische Tempel in Paestum. Der Tempel hat 36 Säulen, um das Dach zu tragen, beim Dach der BMW-Welt sind nur elf Stützen notwendig. Das ist ein Riesenfortschritt auch in der Technologie und in der Berechenbarkeit der Konstruktionen.

Das heißt, Sie bleiben auch zukünftig bei #nocolumns #nogravity?

So weit es geht. Die Minimierung ist nach wie vor unser Ziel. Am liebsten keine. Aber so weit, dass wir die Gebäude an den Wolken anhängen können, so weit sind wir noch lange nicht.

Apropos Wolken und China, das Sie vorhin erwähnt haben. Sie haben kürzlich den Wettbewerb für das Science & Technology Museum in Xingtai gewonnen. Man liest in diesem Zusammenhang auch hier von der Bedeutung Ihrer poetischen Metapher der Wolke für die Menschheit. Wo und wie ist sie dort zu finden?

Der Ausstellungsteil schwebt wolkenartig über dem infrastrukturellen Bereich, also den Räumlichkeiten für Vorträge, Kino oder Studios. In Xingtai ist ja die Luft besonders schlecht – übrigens ein Thema, genau wie Wasser, das uns alle in naher Zukunft sehr beschäftigen wird. Man kann bis zu 70 Tage ohne Essen, zwei Tage ohne Wasser, aber nur zwei Minuten ohne Luft leben – das sind die Dringlichkeitsstufen zur Lösung dieser Probleme. Daher wird der Park unseres Museumskonzeptes, der zwischen den Ebenen liegt, über einen Kanal mit frischer Luft versorgt werden, also mit Luft, die in zwei Türmen davor gefangen und gewaschen wird.

Für diese Lösung haben Sie mit Atmos Aerosol Research zusammengearbeitet, mit dem Sie auch für ein Resort an den Schnittstellen von Architektur, Städtebau, Luft- und Lebensqualität forschen. In welchem Stadium befindet sich dieses Projekt?

Das Konzept besteht im Vorentwurf und soll ein Gesundheitsresort werden. Dieses Projekt ist ein großes Teamspiel aus Wissenschaftlern, Architekten und Managern.

Sie planen Museen, Hotels, Zentralbanken, Bürogebäude, eine Kirche, die nicht nur viele Auszeichnungen erhielt, sondern nun auch auf Briefmarken verewigt ist, oder eben auch medizinische Zentren. Gibt es einen Bereich, der noch nicht auf Ihrem Tisch gelandet ist? Für den Sie brennen würden?

Immer das Nächste, das ich gerne tun möchte, aber ich würde sagen eine Schule oder eine Universität. Egal wo auf der Welt, wir sind globale Architekten. Es ist übrigens spannend die Kulturen eines Landes wirklich zu erfahren. Nicht als Tourist, sondern wenn man in der Kultur arbeitet. Das beginnt schon bei den Vertragsverhandlungen oder auch wie die Rolle des Architekten gesehen wird, und dann natürlich die Erfahrungen während der Bauzeit. In China zum Beispiel haben wir lange gebraucht, bis wir verstanden haben, was die chinesischen Bewohner bzw. die Nutzer des Museums wirklich wollen respektive brauchen. Ich komme auch gerade aus Philadelphia, wo mir auf dem Uni-Campus wieder einmal die Aufmerksamkeit unserer heutigen Stadtbewohner vor Augen geführt wurde. Sie ist auf 40 cm geschrumpft, nämlich so weit, wie man das Handy von sich halten kann. Was das für Auswirkungen auf die Architektur hat, kann ich nur zynisch sehen. Aber Architektur wird auch unbewusst wahrgenommen. Daher kann man Architektur auch nicht nur über Bilder kommunizieren, sondern braucht die 4. Dimension, das ist die Zeit, die man in einem Gebäude, einem Raum verbringt. Das Erlebnis des Raumes ist nach wie vor ein ganz wichtiger Aspekt unserer Entwürfe. Deswegen bauen wir auch im wahrsten Sinn des Wortes begreifbare Modelle, um die Qualität der späteren Bauten, die die Komplexität unserer Gesellschaft widerspiegeln, schon im vorhinein zu bestimmen.

Ganz persönlich zum Abschluss: Leben Sie gerne in Wien und wohnen Sie in einer von Ihnen geplanten Umgebung?

Wien ist eine angenehme Stadt – hochsozial. Wenn du Kinder hast, bist du wirklich gut versorgt, aber als Innovationspunkt für neue Entwicklungen macht sie es Architekten nicht leicht, hier zu überleben. Und ja, ich lebe in einem Haus, das ich geplant habe – ganz oben.

Ohne Säulen?

Nein, es gibt zwei.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Katharina Beitl.

Zur Person

Wolf D. Prix ist einer der drei Gründer, heutiger Designchef und CEO des weltweit tätigen Architekturbüros Coop Himmelb(l)au. Er studierte Architektur an der Technischen Universität Wien, der Architectural Association of London sowie am Southern California Institute of Architecture (SCI-Arc) in Los Angeles.

Wolf D. Prix wird zu den Begründern der dekonstruktivistischen Architekturbewegung gezählt. Seinen internationalen Durchbruch hatte Coop Himmelb(l)au mit der Einladung zur Ausstellung „Dekonstruktivistische Architektur“ im MoMA New York 1988. Im Laufe der Jahre wurde er mit zahlreichen nationalen und internationalen Architekturpreisen ausgezeichnet. Von zwei Universitäten wurde ihm das Ehrendoktorat verliehen und im Jahr 2015 auch das Ehrendiplom der Architectural Association of London.

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