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THE FUTURE IS NEVER WRONG

Helmut Jahn über sein Lebenswerk, die Zukunft der Architektur und die Quelle seiner Kreativität

CUBE: Gab es eine Initialzündung, die Sie die Laufbahn des Architekten einschlagen liess?... mehr

CUBE: Gab es eine Initialzündung, die Sie die Laufbahn des Architekten einschlagen liess?

HELMUT JAHN: Nicht direkt - und Gott sei Dank wusste ich noch nicht, wie hart es ist, ein guter Architekt zu sein.

CUBE: Sie unterhalten vier Büros weltweit - wie schaffen Sie es, den Überblick zu behalten?

H. JAHN: Wir haben unser Hauptbüro in Chicago, wo alles entworfen wird. Die drei anderen, in Berlin, in Shanghai und in Doha, sind Projektbüros. Es ist überschaubar, weil wir eine Struktur haben, die sehr hierarchisch ist - ich habe zwei Partner und wir sind ein sehr kleiner Kreis, in dem wir entscheiden, was wir tun, und deswegen ist unsere Architektur, glaube ich, gekennzeichnet von einer Einheitlichkeit, die als unsere Handschrift erkennbar ist.


CUBE: Es wurden Ihnen schon etliche Labels angehängt - aber wie sehen Sie sich selbst - als Künstler, als Visionär?

H. JAHN: Wir haben durch unsere lange Erfahrung inzwischen ein Register, mit dem wir spielen können. Und wir können die Komponenten modifizieren und je mehr wir damit experimentieren, desto mehr Freiheit bekommen wir. Die neueren Gebäude sind von einer Freiheit - viele sind noch im Entwurf oder in der Planung - die eine neue Ästhetik bilden, aber nicht aufgrund einer formalen Absicht, sondern als ein Resultat der Strategien, die wir anwenden, um so ein Gebäude zu realisieren. Es ist also gar nicht wichtig, wie ich mich sehe. Ich bin immer noch ein aktiver Architekt. Ich habe immer noch nicht das erreicht, was man vielleicht erreichen kann: Ich habe noch nie das perfekte Gebäude gebaut, ich muss immer noch mehr wissen. Sobald man denkt, man hat alles erreicht, hat man schon verloren. Die Geschichte wird am Ende das Urteil über mich bilden, nicht ich selbst und auch kein Kritiker.


CUBE: Was könnte denn das perfekte Gebäude sein?

H. JAHN: Wenn ich das wüsste wäre ich um einiges schlauer.


CUBE: Wie fallen Ihnen die Ideen für Ihre Entwürfe zu?

H. JAHN: Es sind eigentlich nicht immer Ideen - wenn man sie beurteilt, dann findet man oft heraus, dass sie nicht das Wichtige sind. Für mich ist der Entwurfsprozess entscheidend. Das ist ein ziemlich rationaler Prozess - im Bestfall kommt die Idee eines Gebäudes im Verlauf des Entwurfsprozesses. Man muss immer Entscheidungen treffen, um eine Idee weiterzuverfolgen, eine Idee zu ändern, etwas zu verbessern - der Entwurfsprozess ist also etwas, was man nicht voraussagen kann. Er hat mit der Lage des Gebäudes zu tun, mit der sozialen und wirtschaftlichen Umgebung, und er hat vor allem zu tun mit dem Klienten. Und das ist ja das Schöne an der Architektur, man findet nie heraus, was der richtige Weg ist, er ist immer ein bisschen anders.


CUBE: Ihr Motto lautet ,The Future is never wrong‘ - was wollen Sie damit ausdrücken?

H. JAHN: Wir haben immer aus der Vergangenheit gelernt und nach über 40 Jahren Berufspraxis weiß ich, dass man Fortschritt nur erzielt, wenn man mit den gegenwärtigen Dingen nicht zufrieden ist. Dieses Leitmotiv zwingt uns, den Glauben nie aufzugeben, die Dinge besser machen zu können.


CUBE: Sie kommen gerade aus Doha - was entsteht dort?

H. JAHN: In Doha entsteht ein Convention-Center mit einem großen Turm, es ist eigentlich ein ähnliches Projekt, wie das, was wir am Anfang unserer Deutschland-Projekte in Frankfurt gemacht haben - den Messeturm. Es ist auch ein Campanile - allerdings mit 570 Metern doppelt so hoch und eben ein großes Convention-Center. Die Aufgabe war dort, wie damals in Frankfurt, ein Zeichen zu setzen für die Stadt.


CUBE: Überall spricht man von Energieeffizienz und Nachhaltigkeit - was ist an so einem 570-Meter-Turm ,sustainable‘?

H. JAHN: Ich habe meine eigene Meinung zu Sustainability, das ist nicht neu, das war immer schon ein Problem. Wir haben vor 10, 15 Jahren schon nachhaltig gebaut, bevor dieses Wort überhaupt existierte. Es war schon immer unsere Absicht, ob das Flachbauten, Hochhäuser oder Flughäfen sind, Häuser zu bauen, die so wenig Energie wie nur irgend möglich brauchen und den maximalen Komfort bieten. Nach all dem, was wir über Sustainability wissen, ist die Hauptentscheidung, ob ein Gebäude nachhaltig ist, dann erreicht, wenn das Design richtig ist. Wenn wir die Basis, die Kriterien für die Form und die Technik an einem Gebäude, wenn wir die natürlichen Ressourcen Licht, Sonne, Luft, Erde verwenden, und möglichst wenig Equipment in einem Gebäude aufbauen, und wenn die Struktur eines Gebäudes, die oft vergessen wird, dazu noch die Nachhaltigkeit leicht machen, dann erreichen wir ein Gebäude, das dieses Kriterium wirklich verdient. Das Problem ist eigentlich, dass uns immer noch die Mittel fehlen, eine Bilanz zu ziehen, wie man die Sustainability eines Gebäudes beurteilt. Die Nachhaltigkeit eines Gebäudes zeigt sich nur auf lange Sicht, wenn man sieht, wie sich das Gebäude bewährt.


CUBE: Sie haben einen Vortrag über ,Archi-neering‘ gehalten - ist das der neue Weg der Architektur - und was verbirgt sich dahinter?

H. JAHN: Wir haben uns Anfang der 90er-Jahre, nach dem Irrweg der Postmoderne, wieder besonnen, dass gute Architektur wirklich diese Synthese zwischen der Architektur und der Ingenieurkunst braucht. Wir haben damals - das war die Zeit des Bangkok-Flughafens - für das Komfort- und Klimaengineering einen Weg eingeschlagen, wo wir sehr früh bei einem Projekt die Koordination zwischen den unterschiedlichen Disziplinen sehr wichtig empfunden haben und das Wort ,Archineering‘ ist einfach eine Mischung aus Architecture und Engineering - und dieses Know-how haben wir immer weiter und weiter verbessert - und tun es auch heute noch.


CUBE: Das heißt auch, es geht immer mehr um Ganzheitliches, um Teamwork - dann ist die Zeit des vermeintlich einzelgängerischen Stararchitektentums vorbei?

H. JAHN: Das Wort Stararchitekt hat mir eigentlich nie etwas bedeutet. Das ist nur ein Zeichen der Überbewertung, weil die Medien herausgefunden haben, dass Architektur sich gut verkauft. Wenn mich das Wort zu irgendwas gereizt oder verpflichtet hat, dann dazu, dass es meine Aufgabe als Architekt ist, sehr ernst zu nehmen, was ich für die Umgebung, für die Städte tue.


CUBE: Die Aufgaben ändern sich, die ganze Branche ändert sich, was würden Sie dem Nachwuchs für einen Rat mit auf den Weg geben?

H. JAHN: Die Welt wächst, in 20 Jahren haben wir fast doppelt so viele Menschen wie heute - die brauchen Häuser, die brauchen Plätze zu arbeiten. Da werden neue Aktivitäten geschaffen und wir Architekten müssen es verstehen, mit der Zeit zu gehen und neue Wege zu finden, wie man diese Ansprüche durch Gebäude erfüllt. Ich wäre glücklich, wenn ich wüsste, wie sie sein sollten. Wenn man die Zukunft positiv sieht und mit der Kenntnis der Vergangenheit in die Zukunft blickt, ist die Zukunft nie falsch.

CUBE: Die Retrospektive Ihres Schaffens, die in Nürnberg begann - löst sie ein komisches Gefühl bei Ihnen aus - so, als müssten Sie bald abtreten?

H. JAHN: Nein, denn das ist nicht nur eine Retrospektive, sondern gleichzeitig auch ein Blick in die Zukunft. Was ich im Laufe der fast zweijährigen Vorbereitung für diese Ausstellung gelernt habe, ist, dass ich Teile meiner Vergangenheit geistig schon verlassen habe, dass sie aber sehr wichtig dafür waren, wo wir jetzt mit unserer Architektur sind und dass das, was wir in Zukunft erreichen wollen, sehr davon beeinflusst ist.

CUBE: Was tun Sie, wenn Sie nicht arbeiten?

H. JAHN: Seit ungefähr 20 Jahren segle ich, und seit 15 Jahre segle ich in Wettbewerben - und das ist eine Situation, die Konzentration und Zeit benötigt, die mich von der Architektur wegbringt, und mich gleichzeitig entspannt. Wenn ich von dieser sportlichen Betätigung zurückkehre, kann ich mich wieder mit neuer Kraft der Architektur widmen.

CUBE: Sie haben gerade einen Weltrekord aufgestellt, habe ich gehört?

H. JAHN: Nein, keinen Weltrekord, sondern wir haben die Farr-40 World-Championship gewonnen. Das ist für mich ebenso wichtig, wie ein Architekturpreis oder einen Wettbewerb zu gewinnen. Das Segeln - nach anfänglich kläglichen Ergebnissen - hat aus mir auch einen besseren Architekten gemacht.


CUBE: Herr Jahn, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Christina Haberlik.


Helmut Jahn
Derzeit tourt eine Werkschau des Architekten Helmut Jahn, die in seiner Heimatstadt Nürnberg begann - eine Retrospektive seines Lebenswerks. Doch wer diesen ,Stararchitekten‘ kennt, weiß, dass er niemals rückwärts schauen würde, selbst in seinem 73. Lebensjahr nicht. Jahn schaut nach vorn. Sein Motto lautet: ,The Future is never wrong‘. Was sich hinter diesem Slogan verbirgt, ist auf nahezu allen Kontinenten an seinen Bauten zu sehen - und meint vor allen Dingen Eines: Vorwärts schauen, immer wieder aus Fehlern lernen und immer wieder aufs Neue alles noch besser zu machen als bisher. Jahn ist ein Wunder an Energie, an Zähigkeit, an Einfallsreichtum und an Kreativität. Seine berühmten Entwurfszeichnungen, die er oft mit Tinte scheinbar einfach so aufs Papier wirft, sind geometrische und oft auch ornamentale Kunstwerke. Und Helmut Jahn ist noch in einer anderen Disziplin Weltmeister, in welcher verrät er bei unserem Gespräch.

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Fotos Albrecht und Dennis Bangert www.bangertprojects.de Rainer Viertlböck www.tangential.de mehr

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