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Räumchen wechsle dich

Ein Raum für jeden Bedarf

Cube: Mit „Workbays way“ scheinen Sie zu beabsichtigen, die Bürowelt radikal zu verändern – ist... mehr

Cube: Mit „Workbays way“ scheinen Sie zu beabsichtigen, die Bürowelt radikal zu verändern – ist die Zeit der konventionellen Büros vorbei?
Erwan Bouroullec: Ich denke es geht weniger um das Verändern, sondern wir versuchen, den Nutzern Objekte, Dinge, Möbel zur Verfügung zu stellen, die leicht zu handhaben sind. Man kann offene oder geschlossene Räume kreieren. Ein Teilaspekt speziell bei der Entwicklung von „Workbays way“ war auch, die Möglichkeiten der heutigen Herstellungstechniken und die Logistik zu adaptieren. Ich denke nicht, dass wir die Bürowelt damit radikal verändern – wir bieten nur neue Varianten an. Wir sind froh, dass wir letztendlich zusammen mit unseren früheren Entwürfen „Joyn“ und „Alkoven“ und nun „Workbays way“ ein sehr breites Programm entwickelt haben.

Man kommt heutzutage kaum um die Tatsache herum, dass sich die Arbeitswelt völlig verändert, das wirkt sich natürlich auch auf das Office-Design aus. Es steckt ja auch eine Philosophie für das Arbeiten von morgen in Ihren Entwürfen...
Ich glaube letztendlich ist das Entscheidende, dass wir diese mobile Technologie für unseren Entwurf verwendet haben. Offensichtlich bietet dieses System sehr viele verschiedene Möglichkeiten in unterschiedlichen Umgebungen zu arbeiten. Es gibt endlose Variationsmöglichkeiten dieser Boxen. Sie sind als Mikroarchitektur zu verstehen. Was aber unverändert zum Büroalltag gehört, ist der Schreibtisch. Die Geschichte des Schreibtisches beginnt mit der Schreibmaschine und geht mit dem Computer weiter. Und vor dem Schreibtisch gab es Stehpulte oder ganz normale Tische, an denen die Leute schrieben oder irgendetwas anderes taten. Schon Architekten – und das ist nicht so weit weg – arbeiteten an einem schräg gestellten Reißbrett, um technische Zeichnungen oder Entwürfe anzufertigen. Wir versuchen hier mit unseren Angeboten die starre Schreibtischsituation ein wenig zu öffnen. Natürlich gibt es auch bei uns Schreibtische, aber wir sagen auch, man kann doch auch auf einem Sofa sitzen, wenn man eine Besprechung hat oder man kann ja auch ab und zu mal im Stehen arbeiten. Es ist ein sehr breit gefächertes und offenes Programm, mit dem man verschiedene Typologien erreichen kann.

Aus welchen Grundelementen besteht das System und welche Materialien verwenden Sie?
Die Struktur besteht aus Aluminiumprofilen und die Wandelemente aus verdichtetem Polyestervlies. Die Verwendung dieses Materials für Möbel ist völlig neu. Es stammt eigentlich aus der Automobilindustrie. Bei unserem System kann man sich die Größe und Form selbst aussuchen, und Räume gestalten, je nachdem wie man es gerade braucht. Eine Teeküche, eine Garderobe, ein Raum mit Bücherregalen zum Lesen, ein Konferenzraum, ein Einzelbüro, ein Zweierbüro und zig andere Möglichkeiten.

Dieses variantenreiche Baukastensystem verspricht auf jeden Fall mehr Freiheit am Arbeitsplatz.
Ja sicher – zumindest wenn man erfinderisch ist. Etwas sehr Bedeutendes ist für mich dabei, dass alles was wir entwickelt haben, einfach zu bestellen, schnell zu installieren, an verschiedenen Orten aufzustellen ist. Es geht schon auch um Schnelligkeit, Einfachheit – und das war ganz entscheidend bei unserem Entwurfsprozess.

Der nächste Schritt wäre dann konsequenterweise sein eigenes Büro immer bei sich zu haben. Ein walking office sozusagen...
Ja – warum nicht. Wir werden daran arbeiten... (lacht).

Was war die ursprüngliche Idee dieses Entwurfes, der Ursprung dieser Erfindung? War es ein langer Prozess das System zu entwickeln?
Seit wir vor 10 Jahren „Joyn“ (ein riesiger Arbeitstisch – beliebig vergrößer- oder verkleinerbar Anm.d.Red) gemacht haben, haben wir im Grunde an dieser Idee herumgetüftelt. Wir wollten genau das Gegenteil dieser japanischen Kapsel-Hotelzimmer, also keine geschlossenen Boxen.
Wir haben sehr viel ausprobiert – und nun mit „Workbays“ haben wir erst einige Schwierigkeiten überwinden müssen, bevor wir ein wirkliches Produkt erschaffen haben: Es existiert, erfüllt die erforderlichen Standards, man kann es kaufen, darauf sitzen und so weiter. Die meisten Workbays basieren auf den Vlies-Stellelementen, die die Wände bilden. Und das ist, denke ich, ein wundervoller Kompromiss zwischen einer Wand, die ja eine gewisse Strenge hat und der Stabilität, die für einen Raum nötig ist. Ein Raumelement, das im Prinzip aus verdichtetem Gewebe besteht, Geräusche von außen absorbiert und darüber hinaus auch noch Komfort bietet.

Das System ist ja nicht nur zum Arbeiten, sondern für alle nur erdenklichen anderen Zwecke verwendbar.
Ja – fast für jede Art von Räumlichkeit. Wir versuchen immer Dinge zu designen, die universell genug sind, ob es ein Büro ist oder ob ich vielleicht im Freien arbeiten will – es eignet sich perfekt um zu kombinieren. Bei Bedarf kann man sogar eine Schlafgelegenheit für Gäste daraus machen. Das ist auch einer der Gründe, warum Workbays sich auch besonders gut eignet, um zum Beispiel kommunale Räume zu bespielen oder als Kabinen auf Messen einzusetzen.

Waren Möbel schon immer der Schwerpunkt Ihres Studios?
Ja, absolut – aber es war mehr oder weniger keine bewusste Entscheidung – es kam wohl durch unsere ersten Arbeitsmöglichkeiten und daraus entwickelte sich mehr und mehr, dass der größte Teil unserer Entwürfe Möbel sind. Aber nicht etwa für Massenproduktion, sondern für kleinere Hersteller. Wir sind kein Studio, das Designs für den Elektronikmarkt entwirft. Wie zum Beispiel IPA-Design in San Francisco, die entwerfen sehr viel elektronische Geräte und weniger Mobiliar. Dieses Segment erfordert eine andere Struktur und Größe und man kann eben nicht immer die gesamte Design-Palette abdecken und so haben wir für unser Studio das Motto gewählt, es überschaubar und klein zu halten, uns zu spezialisieren und wandelbar zu bleiben – und das bedeutet eine gewisse Einschränkung. Wir könnten beispielsweise kein Auto designen. Ich würde gerne ein Auto entwerfen, aber das Drumherum und die erforderliche Struktur würden mir nicht liegen.

Wie kamen Sie zu Vitra? Haben Sie Kontakt zum ehemaligen Leiter Rolf Fehlbaum aufgenommen oder kam er auf Sie und Ihren Bruder zu?
Er kam zu uns, aber er besuchte häufig auch alle möglichen anderen Designer. Er schlug uns eine Idee vor, für die wir das Design entwickeln sollten, aber keiner unserer Vorschläge gefiel ihm. Letztendlich haben wir ihn aber überzeugt – damals waren wir noch richtig jung und machten ein Projekt nach dem anderen. Und Fehlbaum sagte immer: „Damit bin ich nicht zufrieden, das ist nicht das Richtige.“ Und wir machten immer wieder neue Vorschläge. Ich glaube ich verdanke ihm sehr viel und habe eine Menge von ihm gelernt.

Diese Arbeit war also bei weitem nicht die erste Zusammenarbeit mit einer Firma?
Nein – davor hatten wir schon mit Cappellini gearbeitet, das war sehr wichtig für uns, wie auch Issey Myake mit dem wir danach gearbeitet haben. Vitra kam erst später dazu und wir arbeiten mit dieser Firma inzwischen fast am häufigsten zusammen.

„Workbays way“ scheint durch seine Flexibilität genau das zu sein, was man im heutigen Office-Design braucht. Ist es in gewisser Weise das Resultat und Ende einer Produktentwicklung?
Ja und nein. Ich meine ,Workbays‘ ist zum Teil eine Entwicklung, die sich aus ,Joyn‘ heraus entwickelt hat – denn nun machen wir wieder etwas halb geschlossenes, Raumelemente als Mikroarchitektur für einen offenen Raum.

Was steht an Neuem an, wie sieht die Zukunft von Ronan und Erwan Bouroullec aus?
Das Problem ist, kaum hat man etwas fertig, weiß man schon, wie man es das nächste Mal besser machen kann – also werden wir zum Teil auch an Verbesserungen arbeiten und auch neue Dinge entwickeln – das wird alles parallel passieren. Aber konzeptionell ist das Produkt seinem Zweck nach zu Ende gedacht und entwickelt.

Wenn Sie es verbessern, würde das ja bedeuten, Sie verleugnen die Perfektion, die es bereits hat...
Ach es gibt immer etwas, was man verbessern könnte – der Preis zum Beispiel. Die Herstellungskosten sind noch sehr hoch. Es ist einfach ein sehr langer Weg, diese Art eines Konzept-Möbelprogramms zu entwickeln. Wir haben immerhin vier Jahre daran gearbeitet.
Das Gespräch führte Christina Haberlik

Ronan Bouroullec und Erwan Bouroullec Die Brüder Ronan Bouroullec, geb. 1971 in Quimper und... mehr

Ronan Bouroullec und Erwan Bouroullec

Die Brüder Ronan Bouroullec, geb. 1971 in Quimper und Erwan Bouroullec, geb. 1976 gehören zu den renommiertesten, weltweit bekanntesten Designern. Aus ihrem Pariser Designstudio stammen Möbelentwürfe für Giorgio Cappellini, Issey Miyake, Ligne Roset oder Vitra, die teilweise nachgerade Kultstatus erlangten. Ihre Produkte sind schlicht, streng und schnörkellos. So auch die jüngste Kollektion „Workbays way“ für Vitra, ein Multifunktions-Baukastensystem, das es in sich hat.

Erwan Bouroullec, der eher die Anmutung eines Philosophen als die eines Designers hat – bescheiden, leise und höflich – erzählt, wie das System entstand und was es kann.

Fotos

Ola Rindal ©Vitra