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Einst Viehauktionshalle – heute Szenetreff

Behutsame Restaurierung der Schanzen-Höfe

Jahrzehntelang standen die alten Viehhallen an der Sternschanze leer. Es schien, als sei ihr... mehr
Jahrzehntelang standen die alten Viehhallen an der Sternschanze leer. Es schien, als sei ihr Schicksal besiegelt und der Einsatz der Abrissbirne nur noch eine Frage der Zeit. Doch zum Glück kam es anders: Begeistert von der alten Industriearchitektur entwickelte der Architekt Giorgio Gullotta ein Konzept zur Erhaltung des spannenden Gebäudeensembles: Ein neues Quartier sollte entstehen – mit guter Küche, Innenhöfen und interessanten Räumen, die vor allem Kreative ins Schanzen-Viertel zogen. Allen voran TV-Koch Tim Mälzer, der im Juli 2009 hier sein Restaurant „Bullerei“ samt Bistro „Déli“ eröffnete.
Beide Locations befinden sich im Kopfbau sowie in Teilen der westlichen Halle. Man betritt das Restaurant über den denkmalgeschützten Kopfbau der ehemaligen Viehversandhallen über das vorgelagerte Déli mit Tagesbar. Die Küche präsentiert sich dabei als Herzstück der Fläche: Durch ein Sprossenfenster erhält der Gast direkten Einblick zum dortigen Geschehen. Dank dieser Anordnung ist es möglich, die Küche vom Restaurant und Déli gleichzeitig zu benutzen. Die Halle, deren Charakter aufgrund der Gruppierung der einzelnen Funktionsflächen erhalten bleibt, bietet Sitzplätze für 180 Gäste. Vor dem denkmalgeschützten Kopfbau befindet sich die Außengastrofläche des Délis, die durch eine hohe Gästezahl zur Belebung des Viertels beiträgt. Die Sitzplätze im Innenhof werden nur abends vom Restaurant bespielt und bieten den umliegenden Mietern tagsüber einen intimen und gleichzeitig gemeinschaftlichen Platz zum Verweilen. Natursteinböden und unverputzte Wände erhalten den Charme der historischen Viehversandhallen. Der getrommelte Blausteinboden wirkt, als würde er schon seit 100 Jahren als Bodenbelag in den Hallen dienen. Das Wechselspiel zwischen der historischen Struktur und der neuen Architektur bestimmen die Atmosphäre des Restaurants und des Délis. Bewusst wurden Designklassiker mit einfachen Objekten vermischt. So wechselt sich im Restaurant der Klassiker Foglio von Flos mit nackten Glühbirnen ab. Gleiches gilt für die Möbel: Esstische aus 300 Jahre alter Eiche werden von modernen Graffitis eingerahmt und im Déli wird der Hochglanztisch von Piet Hein Eek mit Stühlen aus Holzresten flankiert. Das Gäste WC erhält – gemäß der ursprünglichen Nutzung – Betontröge anstatt eines regulären Waschtisches und die WC Kabinen erinnern an die ehemaligen Viehställe. Der Tresen im Restaurantbereich wurde mit tiefblauen Jugendstilfliesen belegt. Auch hier wurden also verschiedene Elemente genutzt, um den Stilmix, der sich durch die Restaurantfläche zieht, zu komplettieren.

Ebenfalls Mieter in den Schanzen-Höfen ist die elbgold-Kaffeerösterei, die mit Ladengeschäft und Kaffeebar in Teile der nördlichen Viehversandhallen gezogen ist und hier direkt an den nicht überdachten Innenhof angrenzt. In der elbgold-Kaffeerösterei werden alle Rohkaffees ganz traditionell von Hand im gasbetriebenen Trommelröster veredelt. Der 45 kg-Probat-Röster stammt aus den Dreißigerjahren und wurde in den Niederlanden extra für das Café restauriert. Die rund 400 m2 bieten den Kaffee-Perfektionisten genügend Raum, um neben dem täglichen Geschäft auch Seminare anzubieten. Und während des Café-Betriebs kann man im gemütlichen Lagerhallen-Ambiente bei der Röstung zusehen. Der beeindruckende 45 kg-Probat-Röster und die dazugehörigen Kaffeesilos aus schwarzem Stahl sowie das als Raumteiler fungierende Corten-Stahl-Gewebe werden mit Türen und Möbelelementen aus geölter Eiche kombiniert. Industrieböden und unverputzte Wände erhalten den Charme der historischen Hallen und bestimmen im Wechsel mit der neuen Architektur die Atmosphäre im elbgold.

Doch in den Schanzen-Höfen ist nicht nur der Genuss zu Hause, sondern auch die digitale Welt. Der über die Jahre heruntergekommene Speicherboden wurde für eine TV Produktion für IPTV und Web TV aufwendig instandgesetzt und ausgebaut. Im Epoxydharz-Hochglanzboden spiegeln sich das geweißte Tragwerk sowie die für den Bauherrn entworfenen Möbel und Türelemente. Die Türen und Möbelelemente aus Roseneiche ergeben einen spannenden Kontrast zu den weißen Flächen und dem grauen Hochglanzboden. Die Beleuchtung des Raumes erfolgt indirekt über im Dachwerk integrierte Lichtvouten. Schimmernde Perlmuttwände bringen einen edlen Kontrast zum ruppigen Natursteinboden im Eingangsbereich der Mietfläche im Erdgeschoss.
Ebenso wie in den Innenräumen wurde auch bei dem äußeren Erscheinungsbild großer Wert auf eine behutsame und sorgfältige Instandsetzung des historischen Bestandes gelegt. Egal, ob Gaube, Holzfenster oder Sims – alles wurde originalgetreu rekonstruiert, so dass man zum Teil schon recht genau hinsehen muss, um überhaupt noch ausgebesserte Schadstellen und nachgebrannte Ziegel zu entdecken. Im Zuge des neu gestalteten Innenhofs wurde eine zusätzliche Fassade notwendig, die Gullotta aus Klinkerwänden und vier Meter hohen Fensterfronten anlegte. Auf diese Weise entstand eine Kombination, die sich einerseits der geschichtsträchtigen Industriearchitektur anpasst, andererseits sehr modern wirkt – und damit die Grundidee des gesamten Restaurierungskonzeptes widerspiegelt: die Verbindung von historischer Industriestruktur und moderner Architektursprache.

www.giorgiogullotta.com
Architekten Giorgio Cullotta Architekten www.giorgiogullotta.com Fotos Jochen Stüber... mehr

Architekten

Giorgio Cullotta Architekten
www.giorgiogullotta.com

Fotos

Jochen Stüber
www.objektfotografie-stueber.de  Philipp Rathmer
www.philipprathmer.de