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Nachhaltig urban

Holzpioniere erobern die Städte in Deutschland

Holz und Stadt – das hört sich wie ein unauf­lös­barer Widerspruch an. Ist es nicht gerade die... mehr
Holz und Stadt – das hört sich wie ein unauf­lös­barer Widerspruch an. Ist es nicht gerade die Stadt, in der in den vergangenen hundert Jahren Beton, Stahlbeton und Glas ihren Siegeszug angetreten haben? Und sind es nicht gerade diese grauen Baumaterialien, die urbane Verdichtung überhaupt erst möglich machen? Und wäre es anders, was wäre dann im Katastrophenfall – verbieten sich Gebäude aus dem leicht entflammbaren Material nicht an sich in der verdichteten Stadt und hochverdichteten Metropole?

Tatsächlich hat das Holz in der Moderne des 19. und dem Großteil des 20. Jahrhunderts als Baustoff nur ein Schattendasein geführt. Als Material für die Baukonstruktion schien es geradezu ausgedient zu haben: So wenig entflammbar, so viel verlässlicher, berechenbarer und auch verfügbarer erschienen die neuen Materialien Beton und Stahl. Erst im Zuge der Ölkrise in den 1970er-Jahren und der allgemeinen Einsicht in die Begrenztheit von Ressourcen setzte ein Umdenken ein: Unter dem Vorzeichen der drohenden Umweltkrise wurde Holz als ein natürlicher, schnell nachwachsender, die Klimakatastrophe abmildernder, weil CO2-bindender Baustoff wiederentdeckt. Insbesondere im Einfamilienhausbau feierte der Naturbaustoff ein kleines Revival: Ökologisch angehauchte Architekten und Bauherren experimentierten mit neuartigen Holzbausystemen, die die besonderen Qualitäten des Baustoffs unter Beweis stellten. Nicht nur gute Dämm- und Schallschutzeigenschaften wurden dem Material quittiert, sondern auch die Anlage für ein angenehmes Raumklima, weil es Feuchtigkeit speichert, die es wieder an die Raumluft abgibt. Zudem sind die konstruktiven Möglichkeiten des Materials deutlich erweitert worden: Die Beschränkung durch den naturgewachsenen Baum wurde durch spezifisch zusammengefügte Stapel- und Schichtholzverbindungen ausgeräumt, die die Kräfte des Materials deutlich potenzieren.

In diesem Zuge hat man verstanden: Holz ist wegen seines leichten Gewichtes das ideale Material für die Vorfertigung. Alle Bauteile lassen sich problemlos zu größeren Elementen in der Werkhalle vorproduzieren - dank heutiger computergestützter CNC-Technologie hochpräzise und in immer individuelleren Kleinserien. Die Montage auf der Baustelle erfolgt schnell und mit sehr hoher Ausführungsqualität.

Die intensive Erforschung des Baustoffs in den letzten drei Jahrzehnten hat dazu geführt, dass Architekten und Bauherren das Material mittlerweile nicht nur beim Bau von Einfamilienhäusern in besonders holzreichen Regionen einsetzen. Auch in den deutschen Städten, in denen die Geschichte der Großbrände und Feuerstürme sich in strikten Brandschutzverordnungen niedergeschlagen hat, konnten Bauexperimente und Forschungen mit Holz ein Umdenken bewirken: Seit der Novellierung der Musterbauordnung im Jahr 2002 dürfen Gebäude bis Gebäudeklasse 3 (max. fünf Etagen, 13 m hoch) in ihrem Tragwerk voll aus Holz gebaut werden. Die neue Gesetzgebung spornte einige Architekten dazu an, das Rädchen noch ein Stückchen weiter zu drehen: 2008 gelang es den Berliner Architekten Kaden Klingbeil erstmalig in Europa, ein sieben(!)geschossiges (fast 22 m hohes) Mehrfamilienhaus in eine Baulücke im Bestand einzufügen. Das zusammen mit einer Baugruppe im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg entwickelte Wohnhaus war die Frucht langwieriger Verhandlungen mit den Baubehörden. Die gesamte tragende Pfosten-Riegelkonstruktion wurde dabei aus Brettschichtholz gefertigt und mit gedämmten Massivholzwänden ausgefächert. Im Gegenzug mussten Kompensationsleistungen erbracht werden: So wurden die zwischen einem Haustechnik-Betonkern und dem Tragwerk gespannten Decken aus einem Holzbetonverbund gefertigt und das offene, über eine Brücke getrennte Außentreppenhaus aus Stahlbeton gefertigt. Die vollkommen stützenlosen Innenräume lassen sich flexibel unterteilen. Eine natürliche Vollholzoptik, ob im Innenraum oder an der Fas­sade, war gegenüber den Behörden allerdings nicht durchsetzbar: Weiße Gipsfaserplatten kapseln die Innenwände und die Fassade ein – die schachbrettartige Anordnung der Fensteröffnungen in der Fassade soll im Brandfall ein Übergreifen der Flammen zwischen den Etagen verhindern. Mit ca. 2.000 Euro/m2 erwies sich das Haus, das der Hochhausmarke sehr nahe kommt, jedoch als unschlagbar kostengünstig.

Weniger Höhe, aber ein Bau der die optischen und die bauphysikalischen Qualitäten des Holzes voll ausnutzt, ist der Woodcube, der noch bis November als Musterhaus auf der IBA in Hamburg-Wilhelmsburg zu besichtigen ist. Der fünfgeschossige, in einem neuen Wohnquartier freistehende Kubus wurde 2010 im Wettbewerb von Architekten des Berliner Instituts für urbanen Holzbau (IfuH) entworfen – Differenzen führten dazu, dass der Investor Matthias Korff mit anderen Partnern weitermachte. Die Stuttgarter Architekturgalerie überarbeitete und realisierte das Projekt mit einem Vollholz-Bausystem des österreichischen Anbieters Erwin Thoma, das bis dato nur beim Bau von Einfamilienhäusern zum Einsatz gekommen war. Statt aus einem Holzskelett oder einer Holzrahmenkonstruktion wurden die tragenden Außenwände aus massiven Schichtholzplatten aus unbehandeltem Tannen- und Fichtenholz gebildet, die über hineingetriebene Hartholzdübel kraftschlüssig ohne Leimzusätze verbunden sind. Aus dem gleichen Material wurden auch die Decken konzipiert, die an einen zentralen Treppen-Aufzugskern aus Sichtbeton anschließen. Mit einem Durchmesser von 32 cm (3 cm davon Holzfaserplatte) sind die Wände und Decken zugleich wärmedämmend, schallisolierend und – wichtig für das Raumklima – vollkommen dispersionsoffen. Das als „Null-Co2-Haus“ bezeichnete, über einen Wärmetauscher in der Lüftungsanlage klimatisierte Niedrigenergiegebäude transportiert sein Anliegen auch in der Ästhetik: Rundum vermitteln Holzflächen ein natürliches, keineswegs aber rustikales Wohngefühl. Das Ergebnis hat allerdings auch seinen Preis: Anstatt der im Wettbewerb angepeilten 2.300 Euro/m2 liegt der Verkaufspreis derzeit bei ca. 4.500 Euro/m2 inklusive Grundstückskosten.

Auch an anderen Standorten in der Republik wird an immer höheren Holzkonstruktionen gearbeitet – Deutschlands derzeit höchstes Holzhochhaus H8 von Schankula Architekten steht in der City of Wood, einer ehemaligen US-Kaserne, die seit 2005 zum Zukunftsquartier transformiert wird. Mit acht Etagen ist das Haus im Vergleich zu manch anderem Projekt noch moderat: Londons Murray Grove Tower hat neun Geschosse und ist derzeit das höchste Holzhochhaus Europas, seine Architekten arbeiten an einem Exemplar mit 25 Geschossen. Die stetigen Höhenrekorde haben vor allem einen Effekt: Sie stärken aufmerksamkeitssteigernd das Vertrauen in Holz und machen es für die Öffentlichkeit sichtbar. Noch wichtiger wird der Baustoff in Zukunft aber wohl in anderen Bereichen werden – etwa beim Umbau und der Bestandsergänzung. Gerade bei Aufstockungen auf bestehenden Gebäuden ist Holz wegen seines geringen Gewichtes eine gute Option. Ein schillerndes Beispiel lieferten 2006 die Niederländer MVRDV: Auf dem Dach einer alten Fabrikhalle in Rotterdam interpretierten sie ein Einfamilienhaus zum Häuserdorf um, dessen Holzrahmenkonstruktion sie mit einem himmelblauen Polyurethan-Überzug versahen – ein knalliger Lichtpunkt am oft eher bedeckten Himmel der Hafenstadt. Je mehr mit Holz experimentiert wird, je mehr auch beim Bauen nicht nur auf Energieeffizienz, sondern auch auf Materialnachhaltigkeit gesetzt wird, desto sicherer findet Holz seinen Weg zurück in die Stadt.
Fotos Bernadette Grimmenstein www.grimmenstein.de IBA Hamburg GmbH / Martin Kunze... mehr

Fotos

Bernadette Grimmensteinwww.grimmenstein.de IBA Hamburg GmbH / Martin Kunze
www.iba-hamburg.de  Bernd Borchardt / Kaden Klingbeil
www.kaden-klingbeil.de Arthur Schankula
www.schankula.com