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Klimawandel im Garten

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CUBE: Herr Janke, in unserer Vorstellung hält der Garten in diesen Monaten Winterschlaf. Inwieweit sind Sie auch als Gärtner davon betroffen?

Peter Janke: Offiziell halte ich in der Gärtnerei tatsächlich Winterruhe, aber wir sind natürlich mit der Gartenplanung beschäftigt. Winterschlaf gibt es für uns also per se nicht – genauso wie ja auch der Winterschlaf der Natur nur ein sehr äußerliches, visuelles Phänomen ist. Wer jemals bei der Gartenarbeit Blumenzwiebeln im Spätherbst begegnet ist, der weiß, wie lange vor dem Frühjahr Sprossen und Knospen ausgebildet werden.

Sie planen nicht nur Gärten und kultivieren diese mit Pflanzen aus Ihrer eigenen Staudengärtnerei. Vor etwa 15 Jahren haben Sie auch damit begonnen, Ihren ganz eigenen Gartentraum zu realisieren – südlich von Düsseldorf, auf rund 1,4 Hektar Land und eher sandigem Boden. Was war der Ansporn für dieses Großprojekt mit dem schönen lateinischen Namen „Hortvs“?

Ich habe schon früh als junger Mensch den familiären Gartenbetrieb übernommen, in vierter Generation. Dabei habe ich einiges umstrukturieren müssen – unter anderem habe ich ein Planungsbüro angegliedert. Bei vielen Planungsaufträgen bemerkte ich allerdings, dass sie nicht mit meinen eigenen ästhetischen Überzeugungen und meinem Naturbild zusammengingen. Es gab oft eine Diskrepanz zwischen meinen oftmals sehr architektonischen Konzepten und den selbst erlebten Naturerfahrungen, wie ich sie etwa bei meinen vielen ausgedehnten Wanderexkursionen gesammelt habe. Deshalb bin ich recht bald nach England gegangen, um im Mutterland der Gartenkultur zu lernen, wie sich beides miteinander vereinen lässt. Durch meine Lehrzeit bei der großen englischen Gartenerneuerin Beth Chatto 2003 und 2004 in Elmstead Market in der Grafschaft Essex ist das tatsächlich auch perfekt gelungen. Mit dem gesammelten Wissen und einer daraus gefestigten Haltung habe ich danach begonnen, den „Hortvs“ hier in Hilden anzulegen. 

Beth Chatto (1923–2018) ist vor allem für ihre biodiversen Trockengärten international bekannt geworden. War das auch für Sie ein Rezept, um den Symptomen des Klimawandels zu begegnen, die Sie zunehmend in Ihrem Garten beobachten?

Ich habe mich schon früh, als der Klimawandel noch ein ganz abstraktes Zukunftsszenario war, damit beschäftigt. Spätestens seit den letzten drei Hitzesommern und dem verheerenden Starkregen im Juli 2021 ist klar, dass er längst angekommen ist und wir auch mit unseren Gärten auf diese Veränderungen reagieren müssen. Beth Chatto hat die Herausforderungen, die sich für den Garten damit stellen, schon in den 1960er-Jahren erkannt: Die wenigen Niederschläge, die in ihrem Garten nordöstlich von London ankamen, ließen ihn regelmäßig im Sommer vertrocknen – zumal zu dieser Jahreszeit der sogenannte „hosepipe ban“ galt, also das Verbot der Gartenbewässerung. Statt dem Dauerleiden der Prachtzüchtungen wie Rosen, Pfingstrosen, Rittersporn und Hortensien zuzuschauen, hat Chatto dann angefangen, einen Garten zu entwickeln mit Pflanzen, die sich mit den Gegebenheiten vor Ort auch in extremen Sommern anfreunden, ohne weitere menschliche Zuwendung. Damit war ganz pragmatisch die Idee des Trockengartens geboren. Mit den Jahren haben die botanischen Erkundungen, die sie mit ihrem Mann, dem Botaniker Andrew Chatto, in Trockenbiotope auf der ganzen Welt unternommen hat, dem Garten zu seiner besonderen biodiversen Schönheit verholfen.

Auch Sie haben in Ihrem „Hortvs“ einen Trockengartenbereich, der - so kann man es in Ihrem aktuellen Buch nachlesen und in den Fotografien bewundern – sehr gut durch den Hitzesommer kommt. Aber auch in anderen Gartenbereichen verzichten Sie grundsätzlich auf künstliche Bewässerung. Warum so sparsam?

Am Anfang ging es tatsächlich auch ganz pragmatisch um Wasserersparnis. Es gibt ja auch Gemeinden in Deutschland, die wegen geringer Grundwasserstände in Hitzesommern mittlerweile Bewässerungsverbote aussprechen. Mir ging es aber bald noch um viel mehr: Wenn man einmal damit beginnt – wie ich im  „Hortvs“ – Pflanzen nach ihren natürlichen Standortbedürfnissen auszuwählen, dann braucht man sich eigentlich keine Sorge mehr über den sommerlichen Wassermangel zu machen. Die Pflanzen kommen damit sehr gut zurecht. Das Gegenteil ist bei Pflanzen der Fall, die künstlich bewässert werden: Diese Pflanzen „lernen“, dass das Wasser von oben aus dem Tröpfelschlauch kommt. Ihre Wurzeln strecken sie dann nicht mehr tief in den Boden. Sie verlernen, sich selbst zu versorgen. In Hitzesommern zeigt sich dann gleich noch ein deftiges Folgeproblem: Die nur oberflächlich ausgebildeten Wurzeln können mit der erhöhten Temperatur im Oberboden nicht umgehen, was wiederum die symbiotischen Beziehungen zu Mikroorganismen und Pilzen im Boden nachhaltig stört. Selbst heimische Pflanzen können dann irgendwann dem Klimawandel nicht mehr standhalten.

Gerade im Kontext von Gebäuden werden Gärten oft allein als eine Erweiterung des Hauses und der modernen Architektur gesehen – geometrisch und reduziert gestaltet, viel Rasen- und Steinflächen, wenig Vielfalt. Ist dieses Modell angesichts von Klimawandel und Artensterben noch zukunftstauglich?

Viele sitzen einem Irrtum auf, wenn Sie meinen, dass die starke architektonische Geometrisierung des Gartens modern sei! Wenn man sich die modernen Gärten anschaut, die in den 1920er- und 30er-Jahren in Europa und in Amerika entstanden sind, dann stellt man schnell fest, dass die Gestaltung und Vegetation selbst unter modernen Architekten viel natürlicher und standortbezogener als heute konzipiert wurde. Historisch ist das Vorbild vieler Gärten unserer Zeit wohl eher im Barock zu suchen. Diese Gärten sehe ich eher als Ausdruck einer gewissen Manieriertheit – mit Zukunft hat das gestalterisch eigentlich wenig zu tun.

Ein wesentlicher Faktor, warum viele Hausbesitzer dennoch auf den geometrischen Garten setzen, ist das Versprechen besonders pflegeleicht zu sein. Wie viel pflegeaufwendiger ist denn ein Naturgarten, der wie der „Hortvs“ mit der Natur arbeitet?

Ich glaube, man obliegt einem Irrtum, wenn man meint, der geometrische Garten sei besonders pflegeleicht. Allein die Flächenpflege mit großen formalen Platten auf der Terrasse, der Rasenfläche und dann vielleicht noch der Holzdecks, der Outdoorkitchen, des Pools und der Außendusche – das alles zu pflegen, zu schrubben und mit dem Hochdruckreiniger zu säubern ist unfassbar viel Arbeit im Vergleich zur Pflege eines natürlichen Außenraumes, dem das Konzept zu Grunde liegt, dass er sich weitgehend selbst pflegt. Natürlich wird und soll auch ein Ziergarten niemals freie Natur werden: Wenn ich nichts tue, wächst in Mitteleuropa wieder ein Wald. Der nutzbare Außenraum entspricht bei einem Naturgarten mehr einer Waldlichtung – das sind die biodiversesten Habitate überhaupt!

In Ihrem Garten gibt es über 4.500 Arten – viele davon sind nicht heimischen Ursprungs. Sind solche Neophyten denn ökologisch sinnvoll?

Wenn man sich anschaut, was der Klimawandel bedeutet, dann ist klar, dass bestimmte Arten aus wärmeren Gebieten in kältere einwandern werden – das ist ein ganz natürlicher Prozess. Langfristig werden auch mediterrane Arten kommen – gleichzeitig werden ursprünglich heimische Arten sich aber auch in kältere Regionen zurückziehen. Die Neuankömmlinge sind dann eigentlich auch nur geniale Lückenfüller und Nachrücker. Wenn ich als Gärtner mich für bestimmte Neophyten entscheide, weil sie mit den veränderten klimatischen Bedingungen besser zurechtkommen, dann nehme ich diesen Prozess eigentlich nur voraus und unterstütze ihn. Wichtig ist allerdings, dass man das nur punktuell tut – denn jede heimische Pflanze ist natürlich auch Teil eines übergeordneten ökologischen Kreislaufs mit Bienen, Vögeln und anderen Kleinstlebewesen. Die Verantwortung für das große Ganze beginnt auch im Garten. Wussten Sie, dass die Fläche aller Privatgärten in Deutschland der Gesamtfläche deutscher Naturschutzgebiete entspricht?

Es kommt also auf die richtige Mischung an, letztlich also auf Biodiversität?

Nur die Vielfalt wird uns ökologisch – ich wage nicht zu behaupten: retten, aber wir können der Erde, von der wir immer nur nehmen, doch zumindest etwas zurückgeben. Vielfalt ist aber auch einfach ästhetisch klug: Wenn ich nur drei verschiedene Pflanzen im Garten habe, von denen zwei aufgrund des Klimawandels nicht mehr funktionieren, dann sieht der Garten schnell öde aus. Habe ich allerdings 300 Arten, dann fällt das kaum ins Gewicht.

Schlussfrage: Was raten Sie Bauherren, die in diesem Frühjahr ihren Garten bestellen wollen?

Seien Sie unbedingt gewappnet für die Unwägbarkeiten des Klimawandels! Lesen Sie, versuchen Sie natürliche Prozesse zu verstehen, entwickeln Sie den Willen zu verstehen. Und schulen Sie vor allem Ihren eigenen ästhetischen Blick – oft treffen die Vorschläge von Garten- und Landschaftsbauern gar nicht das, nach dem man im Garten sucht. Sitzen Sie wirklich gerne auf einer cleanen, schattenlosen Sonnenterasse – oder schätzen Sie eigentlich das Sitzen im Halbschatten unter Bäumen wie im Biergarten? Wenn Sie das beherzigen, sollte vieles deutlich besser klappen.

Herr Janke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Paul Andreas.

Fotos:

Jürgen Becker
www.garden-pictures.com

(Erschienen in CUBE Düsseldorf 01|22)

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