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INTEGRIEREN STATT AUSGRENZEN

Interview mit Dr. Bodo und Thilo Küpper über Wuppertals Stadtentwicklung und regionale Ausstrahlung

Unter dem Leitbild „Bewahren – Entwickeln – Erneuern“ ist die Firmengruppe Küpper aus Wuppertal... mehr

Unter dem Leitbild „Bewahren – Entwickeln – Erneuern“ ist die Firmengruppe Küpper aus Wuppertal als Produkt- und Projektentwickler tätig. In der Geschäftsführung vertreten sind Dr. Bodo Küpper sowie seine beiden Söhne Thilo und Boris Küpper.

CUBE: Herr Dr. Küpper, Sie sind seit 2003 in Wuppertal mit eigenen Entwicklungsprojekten aktiv – was verwurzelt Sie in dieser Stadt?

Dr. Bodo Küpper (BK): Meine Frau ist hier geboren, sie stammt aus einer alteingesessenen Elberfelder Unternehmerfamilie. Meine beiden Söhne Thilo und Boris wurden hier geboren, seit 1990 haben wir immer in Wuppertal gelebt. Mit anderen Worten: Es gibt eine gemeinsame Geschichte.

Thilo Küpper (TK): Unsere Unternehmensgruppe entwickelt seit den 1980er Jahren betriebswirtschaftlich nicht notwendige Immobilien für Dritte. Die Geschichte unseres Unternehmens reicht aber noch weiter bis ins Jahr 1877 zurück. Vor allem haben wir alte Industriebrachen neu positioniert – bekanntestes Beispiel ist das Dortmunder U. Eigentlich wollte mein Vater nach diesem Projekt in die südliche Hemisphäre Europas umziehen, weil man von dort aus genauso schnell mit dem Flugzeug in Städten wie Berlin und München sein kann wie mit dem Auto aus Wuppertal. Unsere Mutter hat aber für Wuppertal gekämpft und für die Stadt geworben. Dann haben wir alle am Ende gesagt: Okay, wir wollen doch mal schauen, ob wir hier nicht auch Geschäfte machen können mit Eigenkapital und der Zielrichtung, dass mein Bruder und ich in das Unternehmen mit eintreten. Falls es nicht klappt - so war die Vereinbarung - könnte mein Vater ja wieder in den Süden ziehen.

BK: Das Pilotprojekt war nicht hier am Arrenberg angesiedelt sondern in Unterbarmen - ein ganzer Straßenzug mit Gewerkschaftshäusern, insgesamt knapp über 4.000 m2 Fläche. Damals war ein großer Leerstand an Büroflächen in Wuppertal und wir machten das Schwierigste und konzipierten Büros neu unter dem Begriff „Homeoffices“. Die Überlegung war dabei: Was bedeutet es wenn ein junger Mensch direkt von der Universität kommt, keinen Job findet, was kann er machen mit relativ wenig Eigenkapital? Deshalb waren diese kleinen Büros vollständig ausgestattet mit Holzboden, Computer bis hin zur Küche, so dass man als Mieter direkt loslegen konnte. Nach neun Monaten war alles vermietet, obwohl auch Unterbarmen damals eher ein Krisengebiet war.


CUBE: Und das hat Ihnen den Mut gegeben sich auch an größere Projekte heran zu wagen?

TK: Wir haben vor sieben Jahren dann den alten Gebäudebestand des Heliosklinikums angekauft, insgesamt 25.000m2, obwohl alle vorangegangenen Mikro- und Makroanalysen uns vom Einkauf abgeraten hatten. Der Arrenberg ist ein multikulturelles, eher schwach geprägtes Viertel, damals mit hohen Leerständen, von der Stadt fast aufgegeben. Wir sind trotzdem empathisch herangegangen, haben geguckt wie sehen die Klingelschilder aus, wie pflegen die Leute das Ganze. Sind wir schon so wie in Köln Mühlheim in einem Ghetto, wird auf der Straße schon Tee gekocht?

BK: Wir haben die lebendige Vielfalt der Ethnien als etwas Positives angesehen, und das sozial gelebte Miteinander und die existierenden Mikrostrukturen die unter der Oberfläche liegen, entdeckt. Das haben wir als ein großes Potenzial gesehen und uns im Anschluss gefragt: Was tut wirklich diesem aufgegebenen Viertel und seinen Bewohnern gut? Jede Unternehmung, die wir in Angriff nehmen hat primär erst einmal eine soziale Verpflichtung zu erfüllen, auch wenn am Ende ein Ertrag steht.


CUBE: Wer sich heute am Arrenberg umschaut, erkennt viele alte, wiederhergestellte Substanz, aber nur wenige Neubauten. Welche Maßnahmen haben Sie konkret unternommen?

BK: Wir wollten dem Viertel keinen Masterplan überstülpen und dann abwarten, wie rasant sich die Preise entwickeln. Wir wollten eine gelebte, kooperative Gentrifizierung, die die Menschen auf dem Weg mitnimmt. Der Verein „Aufbruch am Arrenberg“ wurde gegründet mit dem Ziel, Nachbarschaften zu pflegen und zu intensivieren. Die Stadt hatte sich verpflichtet, in einem der Gebäude einen Kindergarten anzusiedeln. Wir haben in der Zwischenzeit die dreizehn denkmalgeschützten Gebäude für Kapitalanleger umgenutzt und umgebaut, wobei darunter – was uns wichtig ist - auch viele Eigennutzer sind. So konnte der ehemalige Park des Klinikums revitalisiert und für das Viertel zugänglich werden, in einer Größe, wie man ihn in manchen Städten gar nicht findet. Das alles unter der Bezeichnung „Arrenberg’sche Höfe“ - übrigens kein frei erfundener Name, sondern einer, der sich von den beiden steuerpflichtigen Bauernhöfen herleitet, die hier im 16. Jahrhundert angesiedelt waren. Es war für uns sehr wichtig, dass ein Identifikationspotenzial geschaffen wird, also eine Marke kreiert wird.


CUBE: Mit den Kunstaktionen, die den Umbaumaßnahmen jeweils vorausgingen, haben Sie ja über mehrere Jahre viele zehntausend Menschen in den Arrenberg locken können. Welche Rolle spielen die Künstler bei der Revitalisierung eines Standortes?

TK: Künstler sind für uns Raum- und Zeit-Pioniere. Sie haben den Humus für die Projekte am Arrenberg geschaffen. Sie locken die Leute in diese Gebäude, die brach lagen und lange öffentlich unzugänglich waren. Plötzlich sieht man ein Gebäude zu den unterschiedlichen Tageszeiten wieder und registriert die Wünsche und Träume, die eine Nachbarschaft mit dem Gebäude unterhält.

BK: Wie sehr die Kunst eine Beziehung zu den Menschen erschafft, haben wir hier hautnah erleben können, weil die Menschen hier schon gar nicht mehr so aktiv wahrgenommen wurden. Kunst schafft Nachbarschaft und die Nachbarschaft schafft ein Gefühl der Zusammengehörigkeit - mit dem Bauen selbst ist das überhaupt gar nicht zu vergleichen.


CUBE: Vor drei Jahren haben Sie das 20.000 m2 große Areal der stillgelegten Elba-Werke auch noch dazugekauft und zu Wohn- und Gewerbestandorten weiter entwickelt. Auch hier arbeiten Sie mit dem Bestand: Die Wohnungen im gehobenen und im Luxussegment, die dort unter dem Namen „Elba-Lofts“ in alten Fabriketagen entstehen sollen, richten sich speziell auch an Berufspendler aus dem benachbarten Metropolen. Warum sollen gerade diese Menschen hier wohnen wollen?

TK: Die Großzügigkeit der Architektur, die im Umbau der Architekten kadawittfeld erhalten bleibt, ist sicher das eine – das andere ist die Lage. Die Elba-Lofts liegen fußläufig zum Arrenberg, viele Szenelokalitäten sind von hier aus schnell zu erreichen, ebenso das beliebte Luisenviertel mit der Stadthalle und anderen bekannten Kulturstätten. Aber man ist genauso schnell im Grünen. Leicht zu erreichende Einkaufsmöglich­keiten sind ein weiterer Pluspunkt, und dann die Strukturlage: Innerhalb von 30 Minuten sind Sie nicht nur am Düsseldorfer Flughafen, sondern genauso schnell am Kölner oder Dortmunder Airport; innerhalb von zwei Minuten bringt Sie die Schwebebahn zum schon bald in neuem Glanz erstrahlenden Wuppertaler Hauptbahnhof. Und das Ganze zu der Preisstruktur, die unter der Hälfte des Düsseldorfer Marktes liegt, da es ein Objekt mit 85 % Denkmalschutzanteil in der Abschreibung ist. Bei einer Investition von 3.000 Euro und maximaler Abschreibung liegt der Quadratmeterpreis somit gerade einmal bei etwa 1.800 Euro.

BK: Wohlgemerkt mit einer hervorragenden Wohnqualität, die in hochpreisigen Metropolen wie Düsseldorf überhaupt nicht mehr zu bekommen ist!


CUBE: Das Projekt wird sich in die gewachsene, sanft entwickelte urbane Struktur einordnen. Haben Sie keine Angst, dass es soziale Spannungen im Viertel auslöst?

TK: Es gibt hier keine Unruhen. Das Schöne ist hier wirklich, die Bewohner geben sich gegenseitig Sprachunterricht, praktizieren soziale Durchlässigkeit. Der Sohn vom Arzt spielt hier mit dem Sohn vom Langzeitarbeitslosen auf dem gleichen Spielplatz und die Väter merken, dass die Kinder die gleichen Sorgen und Nöte haben. Irgendwann sagt der Arzt zum anderen: „Dein Sohn ist intelligent, mach es ihm es nicht zu einfach und schick ihn nicht auf die Hauptschule. Ich verspreche Dir, ich schaue über seine Mathehausaufgaben.“ Es gibt Kommunikationsorte wie den Kiosk an der Ecke, wo diese sozial unterschiedlich situierten Menschen aufeinander treffen, die Leute sich gegenseitig wahrnehmen und respektieren lernen.

BK: Wir haben in Wuppertal eine besondere Art der Gentrifizierung; sie ist nicht negativ, sondern positiv geprägt. Wir denken in dieser Stadt nicht in Fläche, eher in Berg- und Tal, aber selbst das nur begrenzt. Es gibt in Wuppertal nicht so eine starke soziale Grenzziehung wie die Kö oder den Rhein. Auch das Zooviertel, wo gerade Projekte gestartet werden, die primär eine monetär stärkere Käufergruppe ansprechen, liegt letztlich ganz nah am Arrenberg, übrigens auch das Briller-Viertel. Wir sind im Tal alle so miteinander verbandelt, dass es gar keine Alternative zu einem gemeinsamen Leben geben kann.


CUBE: Wuppertal hat mit seinen über Jahrzehnte lang sinkenden Bevölkerungszahlen, der hohen Haushaltsverschuldung und nicht zuletzt auch wegen des Korruptionsskandals um den ehemaligen OB Kremendahl bundeweit aber auch kein blütenreines Vorzeigeimage. Steht das nicht dem Erfolg des Projektes entgegen?

TK : Es stimmt schon, Menschen, die von außen kommen, begegnen Wuppertal erst einmal mit Distanz. Obwohl die 1929 gegründete Stadt einmal die reichste Region ganz Deutschlands war, selbst nach den Zerstörungen des 2.Weltkrieg war Wuppertal einer der Wirtschaftsmotoren des Landes. Bis 1972 ist die Stadt gewachsen, bei 472.000 Einwohnern lag die demographische Höchstmarke. Leider hat Wuppertal den Strukturwandel danach aber auch so was von verschlafen wie kaum eine andere Stadt in der Region! Der Mittelstand verließ nach und nach die Stadt – die Talsohle war im Jahre 2000 erreicht, als sie auf 360.000 Einwohner geschrumpft war und der Korruptionsskandal öffentlich wurde.

BK: Aber man lernt aus seiner Vergangenheit: Wir haben eine sehr junge und dynamische Politik, auch übergreifend über die Fraktionen, die versucht, ergebnisorientiert Wuppertal neu zu positionieren. Seit einigen Jahren agiert auch wieder die Wirtschaftsförderung mit größeren Ansiedlungsprojekten, ohne irgendwelche illegalen Tricks und politischen Filz. Zugleich begleitet das Wuppertal-Marketing die positive Neuausrichtung der Stadt. Mit Erfolg: Seit zwei Jahren wächst die Stadt wieder – ein noch moderates Wachstum von 350 Einwohnern, aber schon in diesem Jahr soll eine vierstellige Zahl erreicht werden. Wuppertal scheint sich immer mehr als Wohnstandort zwischen Düsseldorf, Köln und Essen zu etablieren! Wichtig ist uns dabei, dass die Jugend wieder nach Wuppertal kommt. Es müssen junge Leute kommen, die die Stadt neu beleben, das ist die Aufgabe.

TK: Auch die Bergische Universität, die nicht nur mit dem Klimainstitut einen innovativen Wissenszweig hat, zieht mit der Stadt an einem Strang. Die neue Leitung versucht wieder stärker in der Stadt wahrgenommen zu werden. Erst kürzlich hat sie eine tolle Lichtinstallation installiert, sie haben auch Ateliers bei uns angemietet, weil sie stärker präsent sein wollen. Seit einigen Jahren entwickelt die Stadt gemeinsam mit Bildungsträgern innovative und neuartige Gründungsprogramme, etwa den deutschlandweit renommierten und international bekannten berufsbegleitenden Master im Immobilienbereich REM+CPM, aber auch Eliteförderprogramme für Jugendliche jeglicher sozialer Schicht, wie z.B. das Programm der Junior Universität. Diese Aktivitäten sind einzigartig in der Republik und sprechen für eine zukunftsfähige Stadt.


CUBE: Hört sich ganz danach an, als ob viele Kräfte in der Stadt in eine ähnliche Richtung streben. Erfüllt Sie das mit einer besonderen Zufriedenheit als Projekt- und - wie Sie sich ja selbst viel lieber bezeichnen – Produktentwickler vom Arrenberg?

BK: Wir finden den Begriff Produktentwickler tatsächlich besser, weil wir als Entwickler sehr konkret an den Sachen arbeiten. Das ist dabei wie eine Pflanze, die man erst mal ins richtige Licht stellen muss - und dann muss man sie pflegen. Ein langer Streichelprozess und doch geht plötzlich die Frucht auf - allein das mit zu erleben und dazu seinen Teil beitragen zu dürfen, bereitet großen Spaß!


Ihnen beiden vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Paul Andreas.




Dr. Bodo Küpper
Geboren in Halle an der Saale, aufgewachsen in Dortmund. Unternehmer, Produkt- und Projektentwickler von Eigen- und Fremdprojekten. Motto: „Vor- und Weiterdenken, gemeinsam generationsübergreifende Werte schaffen“

Thilo Küpper
Geboren 1982 in Wuppertal. Nach einer Offiziersausbildung bei der Bundeswehr, Studium der BWL an der Helmut Schmidt Universität, Hamburg. Berufsbegleitendes Studium M.Sc. Real Estate Management and Construction Project Management an der Bergischen Universität
Wuppertal. Seit 2007 in der Firmengruppe Küpper tätig, Mitinitiator des Vereins „Aufbruch am Arrenberg“ e.V. Seit 2010 tätig als Prokurist der „Projekt Fabrik ELBA GmbH“. Seit 2012 Geschäftsführender Gesellschafter der Firmengruppe Küpper.