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Ich habe Vorschläge gemacht!

Ein Gespräch mit Christoph Ingenhoven über Kö-Bogen, Regierungsviertel und wie Düsseldorf sonst noch zukunftsfähiger werden könnte

CUBE: Herr Ingenhoven, Ihr Büro ist heute ein Global Player – und trotzdem bleibt Düsseldorf,... mehr

CUBE: Herr Ingenhoven, Ihr Büro ist heute ein Global Player – und trotzdem bleibt Düsseldorf, gerade hier im Medienhafen, immer noch Ihr Heimathafen. Was haben Sie hier, was Sie nicht auch woanders haben könnten?
Christoph Ingenhoven: Sieht man jetzt einmal von allen historischen Gründen, Zufällen und dem Rhein ab: Düsseldorf ist immer noch der Ort, an dem der Großteil meines internationalen Teams präsent ist. Sonst hätte ich den Standort vielleicht schon längst verlagert. Als wir das Google-Campus-Projekt in Kalifornien vor Jahren begonnen haben, habe ich es versäumt – aus privaten Gründen ging es damals nicht. Mittlerweile wohne ich zumindest zeitweise in London. Über kurz oder lang bleibe ich Düsseldorf aber wohl treu – es ist ja auch eine lebendige, schöne Stadt und man ist schnell am Flughafen. 

Abgesehen davon haben Sie ja auch hier nun einiges vor – Stichwort Kö-Bogen 2. Was bedeutet das sogenannte „Ingenhoven-Tal“ für Sie eigentlich ganz persönlich?
Diesen Titel habe ich mir nicht ausgedacht – aber zu Ihrer Frage: Meine Familie lebt nachweislich seit über 700 Jahren in Düsseldorf – angeblich sind wir die älteste Familie hier. Auch deshalb fühle ich mich der Stadt verbunden und habe mir immer mal die Freiheit genommen, Vorschläge für bestimmte Orte zu machen. Anders als bei Projekten anderswo, wo man immer auch ein Stück weit dem Ort fremd bleibt, kennt man die Faktoren, die einen Ort in seiner Heimatstadt ausmachen doch ganz gut aus eigener Anschauung – auch jene, die verändert und verbessert werden könnten. Das gleiche habe ich übrigens auch für das Areal am Rheinturm, den Medienhafen und den Carlsplatz gemacht.   

Bleiben wir beim Kö-Bogen: Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden, das Sie mit Ihrem Vorschlag Anfang der 1990er-Jahre angestoßen haben?
Ich habe den früheren Jan-Wellem-Straßenbahn-Umsteigeplatz immer als eine unglückliche Störung und nur schlecht vernarbte Wunde an einer der prominentesten Lagen in der Stadt empfunden. Dass der Kö-Bogen zwei Jahrzehnte später Realität wird, erfüllt mich durchaus mit Stolz. Architektonisch bin ich – da mache ich keinen Hehl draus – nicht einverstanden an allen Stellen. Aber städtebaulich lässt das Ergebnis sich doch sehen: Hofgarten und Königsallee sind wieder miteinander vermählt. Und auch die beiden fragmentierten Hofgartenteile werden es bald sein, auch mit unserem Gebäudekomplex Kö-Bogen 2. Wenn die Großbaustelle Ende 2019 dann mal Geschichte ist, wird man doch auf verschiedenen Ebenen eine deutliche Veränderung zum Besseren sehen: Sowohl bei der Fußläufigkeit und dem öffentlichen Stadtraum, als auch beim Grün, der Ökobilanz und der Architekturqualität – das ist eben einmal keine Shopping-Architektur mit Blechfassade!  

Man sprach früher immer vom Ensemble aus Tausendfüßler, Drei-scheibenhaus und Schauspielhaus. Was für ein neues Ensemble entsteht da mit dem Kö-Bogen 2? 
Dazu muss man in der Geschichte etwas ausholen: Die Gebäude, die dort stehen, sind die Geburt zweier sehr unterschiedlicher Individuen. Heute sagt man, das sei ein tolles Ensemble, das dort gewachsen ist – es war aber wohl auch ein bisschen wie Feuer und Wasser! Helmut Hentrich war sehr erfolgreich nach dem 2. Weltkrieg – sehr geschickt, charmant und talentiert. Während der Nazizeit war er aber auch Teil einer privilegierten Architektengruppe im sogenannten Wolters-Kreis, die deutsche Städte nach dem Krieg wieder aufbauen sollten. Nach dem Krieg bauten diese Protagonisten oft in einer coolen, glatten Moderne wie man sie in Reinform am Dreischeibenhaus sieht. Andere wie Bernhard Pfau haben sich dagegen während der Nazizeit in die innere Emigration zurückgezogen und hatten es auch danach nicht wirklich leicht. Trotzdem gewann Pfau den anonymen internationalen Wettbewerb für das Schauspielhaus – und sah sich plötzlich mit einem ebenfalls in der Nazizeit recht erfolgreichen Stadtbaudezernenten Friedrich Tamms konfrontiert. Da müssen die Messer gewetzt worden sein! Man sieht es dem Schauspielhaus in der provisorischen amöbenhaften Form, aber auch in den baulichen Details an, wie vorsichtig Pfau war, wie sehr er um eine eigene Position gerungen hat und um ein wunderbares Ergebnis. 

Und was fügen Sie nun dazu – oder setzen dagegen? 
Durchaus symptomatisch ist ja, dass das Dreischeibenhaus mittlerweile wieder super in Form gebracht, das Schauspielhaus aber eher stiefmütterlich behandelt wurde. Auch deshalb haben wir versucht die Politik für den kritischen Zustand des Hauses zu sensibilisieren. Und nach einer turbulenten Debatte im letzten Jahr hat sich der Rat ja auch dazu klar bekannt, sodass das Gebäude nun mit Fingerspitzengefühl für seine architektonischen Eigenheiten saniert werden kann. Aber auch städtebaulich wird unser Kö-Bogen 2-Projekt das Schauspielhaus natürlich wieder ganz neu am Platz zur Geltung bringen. Zum Hofgarten und Schauspielhaus hin sind ja die abgestuften und begrünten Fassaden des neuen Geschäfts- und Bürobaukörpers bepflanzt – auf Gesamthöhe des Gebäudes einschließlich des Dachs. Auch auf dem Schrägdach des gegenüberliegenden Baukörpers wird es eine Grasbepflanzung geben. Damit wird der Park fortgeschrieben und das Dach wird zum begehbaren öffentlichen Begegnungsort – das Grün ist also nicht allein Fassade, sondern wird auch in der räumlichen Erfahrung mit allen Sinnen erlebbar. Ich bin mir sicher, dass sowohl der Pfau-Bau als auch der Gustaf-Gründgens-Platz durch diese konzertierten Maßnahmen erstmals eine wirkliche Würdigung und Anerkennung in der Stadt erfahren! Und mittlerweile ist auch ein weiterer Wunsch konkret geworden: Wir werden die verantwortlichen Architekten der Sanierung und des Umbaus des Schauspielhauses sein. 

Der Kö-Bogen war sicher ein wichtiges Infrastrukturprojekt für die Stadt. Gleichzeitig dieseln aber die Feinstaub-Busse weiter durch die City und die Pendlerzahlen im Individualverkehr steigen stetig. Kann die Stadt beim Thema Mobilität nicht viel mehr unternehmen? 
Sie kann nicht nur, sie muss es auch! Man muss sich ja nur mal Kopenhagen oder Amsterdam anschauen – was von den Einwohnerzahlen, aber auch der wirtschaftlichen und politischen Bedeutung absolut vergleichbare Metropolen sind. Während man dort den Fahrradverkehr systematisch ausgebaut und das Fahrradfahren als urbanes Lebensgefühl entdeckt hat, hat hier der frühere OB Erwin die Fahrradspur, die seine Vorgängerin Frau Smeets auf der Luegallee in Oberkassel eingerichtet hatte, schon in der ersten Amtswoche wieder getilgt! Ich warte wirklich darauf, dass das nun endlich wieder revidiert wird – denn nur über diesen Rückbau der Autospuren für Fußgänger und Radfahrer kann es funktionieren. Auch ein in zwei oder drei Achsen durch die Stadt führender Fahrrad-Highway könnte etwas zur Lösung beitragen – denn wichtig ist, dass man wirklich auch zeigt, wem man die Priorität in der Planung einräumt. Und dass man seine lokalen Klimaziele klar formuliert und dann auch mit allen möglichen Mitteln einhält – ob über Parkverbotszonen, City-Maut oder wie auch immer.   

Im letzten Jahr hat Düsseldorf endlich eine neue Planungsdezernentin bekommen. Jüngst hat sie auch erklärt, wie nun tatsächlich die 3.000 neuen Wohnungen pro Jahr geschaffen werden sollen – ein gutes Zeichen?
Cornelia Zuschke ist wirklich ein echter Glücksfall für Düsseldorf – aus Unglück und Schwierigkeit heraus hat man da eine sehr gute Wahl bei der Besetzung dieses Amtes getroffen! Ihre Strategie, systematischer und proaktiver nach Verdichtungsflächen zu suchen, ist sicher die richtige. Nur ist es natürlich auch eine sehr langsame und zähe Angelegenheit, weil die Prozesse der Mitsprache und Gutachten in Deutschland mittlerweile bei der Schaffung von Baurecht so überhand genommen haben, dass dieses System unglaublich viel Energie, Zeit und Geld verbrennt – von Stuttgart 21 kenne ich das nur zu gut.  

Auch in Düsseldorf haben Sie ja an einem Architekturwettbewerb um die Wohnhochhäuser am Rheinturm teilgenommen, nachdem Sie das Projekt vor Jahren überhaupt erst initiativ vorgeschlagen hatten. Alles scheint nun aber Makulatur zu sein, weil das Land Ansprüche angemeldet hat für ein Verwaltungshochhaus – ärgert Sie das?
Man kann sich natürlich fragen, ob ein Einzelner überhaupt einen Vorschlag machen darf. Aber die Sache ist ja die: Der Allgemeinheit an sich fällt nicht ein, wie man mit einem Areal umgehen soll, das wie eine Bruchstelle zwischen der Rheinuferpromenade und dem Medienhafen erscheint. Und auch die Stadtplanung war in den letzten vierzig Jahren nicht so prospektiv unterwegs, dass sie sich um diesen Ort hätte kümmern können. Insofern müssten solche Initiativen Einzelner eigentlich willkommen sein! Anders als mir manch einer unterstellt hat, ging es dabei auch nicht primär um die Bebauung, sondern darum, die Platanenpromenade fortzusetzen bis in den Hafen hinein. Dafür wären einige Grundstückstauschgeschäfte nötig gewesen. Am Ende wäre ein Restgrundstück geblieben, auf das man etwas hätte bauen können – und so kam es zu der Idee der Wohnhochhäuser am Wasser. Klar, das wäre teures Wohnen gewesen – aber das hätte zugleich auch der Gentrifizierung Bilks Einhalt gebieten können! Vor allem hätten diese Wohnhochhäuser aber ein Viertel belebt, in dem bislang nur Verwaltung existiert. 

Was ist Ihrer Ansicht nach das eigentliche Problem an dieser Stelle in der Stadt?
Das Land und das Landesliegenschaftsamt, das die allermeisten Grundstücke um den Landtag herum besitzen, müssten sich eigentlich mit ihrer Umgebung viel intensiver auseinandersetzen! Schauen Sie sich die Rampen der Rheinkniebrücke an – wie sieht es darunter aus? Oder sehen Sie sich das Innenministerium an – meiner Ansicht nach gehört da auch nicht nur ein Quadratmeter Verwaltung hin! Man könnte den Wohnwert der gesamten Altstadt dort wesentlich verbessern und erweitern. Und doch gibt es niemanden, der dort wirklich Ideen formuliert – aber wenn man auch nur die Platanenallee in den Hafen fortzuführen versucht, explodiert schon die Welt um einen herum!  

Die von der Politik immer noch favorisierte Idee eines Regierungsviertels hat sich für Sie also quasi überlebt?
Es gibt keinen plausiblen Grund, warum die Verwaltung räumlich so zentralisiert werden muss – im Zweifelsfall werden eben mehr Dienstfahrräder angeschafft! Ein Gesamtkonzept für das Viertel kann aber auch nicht durch einen Wettbewerb kommen, den Stadt und Land gemeinsam zur sogenannten „Neuordnung des Regierungsviertels“ ausschreiben. Allein für die Ausschreibung braucht man erst einmal die Idee – und die kann nur von einem ernannten Team kreativer Planer kommen. Mit den herkömmlichen demokratischen Verfahren allein wird man da nicht weiterkommen!  

Abgesehen von der stärkeren urbanen Durchmischung einzelner Stadtviertel wie dem Regierungsviertel – was könnte die Stadt sonst noch tun, um attraktiver zu werden?
Jeder Cent, den man in den Hofgarten investiert, ist meiner Ansicht nach gut angelegtes Geld. Der Park in der City müsste noch viel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Gerade nach dem Sturm Ela sollten die besten Landschaftsarchitekten dafür Paten sein. Und es müsste ein Budget nicht nur für die Pflege, sondern auch für Umgestaltungen geben – wie das der Intendant eines Theaters mit dem Spielplan oder ein Museumsdirektor mit seinen Ausstellungen macht. Man kann auch in einer Stadt nicht auf allen Registern spielen, man muss Prioritäten setzen – umso mehr sollte man aber aus seinen herausragenden Qualitäten und Alleinstellungsmerkmalen schöpfen!

Herr Ingenhoven, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Paul Andreas.

Christoph Ingenhoven * 1960 in Düsseldorf. Studierte von 1978 bis 1984 Architektur und... mehr

Christoph Ingenhoven

* 1960 in Düsseldorf. Studierte von 1978 bis 1984 Architektur und Kunstgeschichte an der RWTH Aachen und von 1980 bis 1983 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Hans Hollein. 1985 gründete er in Düsseldorf das Architekturbüro ingenhoven architects. Internationale Anerkennung erhielt es 1997 mit dem Entwurf eines der ersten ökologischen Hochhäuser weltweit, dem RWE Turm in Essen. Seit 1997 planen ingenhoven architects den unterirdischen Bahnhof Stuttgart 21. Mehrere ausgezeichnete Hochhausprojekte entstanden in Singapur, Japan und Australien. Christoph Ingenhoven zählt zu den international führenden Architekten, die sich für nachhaltige und ökologische Architektur einsetzen. Der Hauptsitz des Büros von ingenhoven architects befindet sich im Düsseldorfer Medienhafen. Darüber hinaus ist es international an den Standorten Zürich, Sydney, Singapur und Santa Clara/Kalifornien vertreten.